1909 – 1983
Gabrielle Roy
Kurzbiografie↑
Gabrielle Roy zählt zu den wichtigsten kanadischen Autorinnen der Nachkriegszeit. Sie wurde 1909 in Saint-Boniface geboren, einem Ort, der heute zu Winnipeg gehört, und schrieb auf Französisch. Ihr erster Roman Bonheur d'occasion erschien 1945 und schilderte das Leben der Arbeiterfamilien im Montrealer Viertel Saint-Henri. Das Buch wurde 1947 mit dem Prix Femina ausgezeichnet und in der englischen Fassung unter dem Titel The Tin Flute ein großer Verkaufserfolg. Roy starb 1983 in der Stadt Québec.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Gabrielle Roy als jüngstes von elf Kindern von Léon und Mélina Roy. Ihre Kindheit verbrachte sie im ländlichen Teil der Provinz Manitoba. Ihr Vater arbeitete als Staatsbeamter und kümmerte sich um Einwanderer und deren Eingliederung. So kam das Mädchen früh mit Menschen aus vielen Ländern in Berührung, was sie prägte.
Ihre Ausbildung erhielt sie an der Académie Saint-Joseph in Winnipeg und am Winnipeg Normal Institute. Von 1929 bis 1937 unterrichtete sie als Lehrerin an mehreren Schulen. In ihrer freien Zeit spielte sie Theater im Le Cercle Molière in Saint-Boniface. 1937 verließ sie Kanada und ging für zwei Jahre nach Frankreich und England, um Schauspiel und Theater zu studieren. In dieser Zeit fing sie an zu schreiben.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kehrte sie 1939 nach Kanada zurück. Sie ließ sich in Montreal nieder und arbeitete dort als freie Journalistin. 1945 erschien ihr erster Roman Bonheur d'occasion. Er zeichnete ein wirklichkeitsnahes Bild der Arbeiterschaft von Saint-Henri, einem Viertel im Südwesten Montreals. Die französische Originalfassung erhielt 1947 den Prix Femina. Die englische Übersetzung erschien im selben Jahr unter dem Titel The Tin Flute und wurde mit dem Governor General's Award for Fiction ausgezeichnet. Allein in den Vereinigten Staaten verkaufte sie sich über eine dreiviertel Million Mal. Der Rummel um das Buch wurde Roy zu viel: Sie zog sich nach Manitoba zurück.
Im August 1947 heiratete sie den Arzt Marcel Carbotte. Von 1947 bis 1950 lebte das Paar in Frankreich. Dort schrieb sie La Petite Poule d'Eau, das teilweise auf eigenen Erinnerungen beruht. In Paris begegnete sie Pierre Teilhard de Chardin. Dessen Denken beschäftigte sie weiter und führte dazu, dass sie fünfzehn Jahre später, nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wieder in die katholische Kirche zurückfand.
1950 zog Roy nach Québec. Vier Jahre später veröffentlichte sie Alexandre Chenevert: caissier. Dieser düstere und gefühlsstarke Roman brachte ihr viel Kritik ein. Zugleich gilt er als eines der bedeutendsten Werke des psychologischen Realismus in der kanadischen Literatur. Es folgten weitere Bücher, darunter Rue Deschambault (1955), La Montagne secrète (1961), La Route d'Altamont (1966) und Ces Enfants de ma vie (1977). Auch für Kinder schrieb sie, etwa Courte-Queue (1979).
Auszeichnungen begleiteten ihr Schaffen über Jahrzehnte. Bereits 1946 erhielt sie die Medaille der Académie des lettres du Québec sowie einen Preis der Académie française für die französische Sprache. Den Governor General's Award bekam sie dreimal: 1947, 1957 und 1977. 1948 folgte die Lorne Pierce Medal für Literatur der Royal Society of Canada, 1956 der Prix Duvernay. 1967 wurde sie Companion of the Order of Canada. 1971 erhielt sie den Prix David, einen der wichtigsten Literaturpreise Quebecs. Für Courte-Queue bekam sie 1980 den Jugendliteraturpreis des Conseil des arts du Canada. Auch der Molson Prize würdigte die Bedeutung ihres Gesamtwerks für Kultur und Wissenschaft Kanadas.
1963 setzte sie sich dafür ein, dass die Expo 67 in Montreal das Motto "Man and His World" erhielt. Es geht auf ein Buch von Antoine de Saint-Exupéry zurück.
Gabrielle Roy starb 1983 im Alter von 73 Jahren. Ihre Autobiografie La Détresse et l'enchantement erschien ein Jahr nach ihrem Tod.
Literarische Merkmale↑
Erzählen war für Gabrielle Roy die Kunst, einfache Menschen ernst zu nehmen. Die kanadische Regierung würdigte 2009 ausdrücklich ihre Beherrschung des Geschichtenerzählens, ihre tiefe Menschlichkeit und ihre klare Prosa.
Ihr Blick richtete sich auf das Alltägliche. In Bonheur d'occasion schilderte sie das Leben der Arbeiterschaft eines Montrealer Stadtviertels wirklichkeitsnah und ohne Beschönigung. Andere Bücher speisen sich aus ihren eigenen Erinnerungen an Manitoba, so La Petite Poule d'Eau. Mit Alexandre Chenevert: caissier wandte sie sich dem Innenleben eines einzelnen Menschen zu. Der Roman ist dunkel und gefühlsintensiv; er gilt als eines der bedeutendsten Werke des psychologischen Realismus in der kanadischen Literatur. Neben den Romanen stehen Erzählungen, Reportagen, Kinderbücher und eine Autobiografie.
Rezeption↑
Wirkung entfaltete vor allem ihr erstes Buch. Bonheur d'occasion wird als eines der auslösenden Elemente für die Stille Revolution in Quebec angesehen. Die öffentliche Aufmerksamkeit war so groß, dass sich die Autorin nach Manitoba zurückzog. Die englische Fassung The Tin Flute verkaufte sich allein in den Vereinigten Staaten über eine dreiviertel Million Mal. 1983 verfilmte Claude Fournier den Roman.
Nicht alles wurde freundlich aufgenommen. Alexandre Chenevert: caissier brachte ihr 1954 viel Kritik ein, gilt heute aber als eines der Hauptwerke des psychologischen Realismus in Kanada. Umstritten blieb auch die englische Erstübersetzung von Hannah Josephson, die in der Forschung bis heute überwiegend negativ bewertet wird.
Ins Deutsche wurden mehrere ihrer Bücher übertragen, darunter La Petite Poule d'Eau als Das kleine Wasserhuhn (1953), Alexandre Chenevert als Gott geht weiter als wir Menschen (1956) und La Route d'Altamont als Die Straße nach Altamont (1970). Einzelne Erzählungen erschienen in Anthologien kanadischer Literatur.
Ihr Andenken wird in Kanada breit gepflegt. 2009 erklärte die Regierung sie zur Person von nationaler historischer Bedeutung. Ihr Elternhaus in Saint-Boniface, in dem sie von 1909 bis 1937 lebte, wurde restauriert und 2003 als Museum eröffnet. Seit 2005 steht eine Büste von ihr in der Winnipeg Citizens Hall of Fame im Assiniboine Park. Ab 2004 druckte die kanadische Zentralbank ein Zitat von ihr auf die Zwanzig-Dollar-Note. Ein Auszug aus The Tin Flute ist auf einer Mauer des Peace Tower auf dem Parlamentshügel in Ottawa zu lesen. Die kanadische Post widmete ihr eine Briefmarke. Zahlreiche Schulen, Bibliotheken und Bildungseinrichtungen tragen ihren Namen, ebenso eine Flussinsel im Waterhen River in Manitoba. Seit 1984 wird jährlich der Literaturpreis Prix Gabrielle-Roy verliehen. Ihr Nachlass mit veröffentlichten und unveröffentlichten Werken, Briefen und Handschriften liegt bei Library and Archives Canada. Die Forschung widmet ihr eigene Tagungen, Sammelbände und Zeitschriftenhefte.
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