Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Ernst Rowohlt
Eingang · Autoren · Ernst Rowohlt
Porträt Ernst Rowohlt
Ernst Rowohlt
1887 – 1960
– Autorenporträt –

Ernst Rowohlt

1887 – 1960 · 73 Jahre

Verleger, in dessen Häusern Kafka, Tucholsky und Fallada erschienen. Die Nationalsozialisten verboten die Hälfte seines Programms. 1950 startete er die Taschenbuchreihe „rororo“.

Kurzbiografie↑

Ernst Rowohlt zählt zu den prägenden Verlegern der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Geboren 1887 in Bremen, gründete er 1908 in Leipzig seinen ersten Verlag; zwei weitere Verlagsgründungen folgten. In seinen Häusern erschienen Werke von Franz Kafka, Georg Heym, Kurt Tucholsky, Hans Fallada und Wolfgang Borchert. Unter den Nationalsozialisten wurde rund die Hälfte seines Programms verboten, beschlagnahmt und verbrannt; 1938 schloss man ihn aus der Reichsschrifttumskammer aus, was einem Berufsverbot gleichkam. Nach dem Krieg brachte sein Haus die Taschenbuchreihe „rororo“ heraus. Rowohlt starb 1960 in Hamburg.


Biografie↑

Als Sohn des Maklers Heinrich Rowohlt und seiner Frau Anna Dorothea, geborene von Hunteln, kam Ernst Hermann Heinrich Rowohlt 1887 in Bremen zur Welt. Er hatte zwei Schwestern, Maria und Margarethe. 1903 verließ er die Schule mit der Mittleren Reife. Auf Wunsch des Vaters absolvierte er anschließend eine Lehre im Bremer Bankhaus Carl F. Plump & Co.

Sein eigentlicher Berufswunsch war der Buchhandel. Dabei half ihm Anton Kippenberg, der Leiter des Insel-Verlags. Er vermittelte ihm eine Ausbildung bei der Leipziger Druckerei Breitkopf & Härtel, wo Rowohlt Buchdruck und Buchbinderei kennenlernte. Laut der Neuen Deutschen Biographie kamen weitere Stationen hinzu: die Hofbuchhandlung A. Ackermann Nachfolger Karl Schüler in München und die Librairie C. Klincksieck in Paris. Leipzig war damals die Hauptstadt des deutschen Buchhandels.

1908 gründete Rowohlt in Leipzig seinen Verlag und zog in die Königstraße 10, das Vorderhaus der Offizin Drugulin. Sein erstes Buch war Gustav C. Edzards Lieder der Sommernächte. 1909 folgte Paul Scheerbarts Katerpoesie. Kurt Wolff wurde stiller Teilhaber. Am 30. Juli 1910 wurde der Verlag ins Leipziger Handelsregister eingetragen. Als erste größere Unternehmung entstanden die „Drugulin Drucke“, schön gestaltete Ausgaben von Klassikern in der Originalsprache. Rowohlt verlegte bereits bekannte Autoren wie Scheerbart, Max Dauthendey und Herbert Eulenberg. Daneben nahm er auch junge Schriftsteller ins Programm, darunter Franz Kafka und Georg Heym. Kurt Pinthus und Walter Hasenclever arbeiteten als Lektoren. Nach heftigen Auseinandersetzungen trennten sich Rowohlt und Wolff 1912. Wolff übernahm den Verlag gegen eine Abfindung von 15.000 Mark. Er erwarb dabei die Rechte unter anderem an Johannes R. Becher, Max Brod, Heym, Kafka und Stefan Zweig. Im Februar 1913 benannte er das Haus in Kurt Wolff Verlag um.

Rowohlt arbeitete danach in führenden Stellungen beim Verlag Samuel Fischers und beim Hyperion-Verlag in Berlin. Bei Kriegsbeginn meldete er sich freiwillig zum Dienst und blieb bis Kriegsende aktiv; zuletzt diente er als Fliegerleutnant in einem sächsischen Artillerieregiment.

Am 9. Januar 1919 gründete Rowohlt in Berlin seinen zweiten Verlag, der bis 1943 bestand. Paul Mayer und Franz Hessel wurden seine Lektoren. In den zwanziger Jahren erschien hier die von Kurt Pinthus herausgegebene Anthologie Menschheitsdämmerung (1920). Ebenso erschienen um 1920 die Erinnerungen des Mediziners Carl Ludwig Schleich unter dem Titel Besonnte Vergangenheit. Hinzu kam eine 44-bändige Taschenausgabe der Werke Honoré de Balzacs (1923–1926). Zum Programm gehörten außerdem Bücher von Robert Musil, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Alfred Polgar, Joachim Ringelnatz und Hans Fallada. Ab 1923 wurde Emil Ludwig mit seinen romanhaften Biographien zum Erfolgsautor des Hauses. Seit 1928 nahm Rowohlt zeitgenössische amerikanische Literatur ins Programm auf. Dazu gehörten Sinclair Lewis' Elmer Gantry, Ernest Hemingways Fiesta sowie Thomas Wolfes Schau heimwärts, Engel! und Von Zeit und Strom.

Zu Beginn der 1930er Jahre kam ein Auslands- und Feuilletondienst unter Leitung Peter Zinglers hinzu. Der Betrieb geriet in finanzielle Nöte, sodass zwei Drittel der Anteile an den Ullstein Verlag übergingen. Hans Falladas Erfolgsbuch Kleiner Mann – was nun? verschaffte dem Verlag wieder Luft; es wurde in Deutschland und in den USA verfilmt.

Nach 1933 wurde rund die Hälfte der lieferbaren Verlagswerke verboten, beschlagnahmt und verbrannt. Rowohlt musste sich von seinen Lektoren Mayer und Hessel trennen; beide gingen in die Emigration. Bruno Adler veröffentlichte das Buch Adalbert Stifter unter dem Pseudonym Urban Roedl. Daraus entstand der Vorwurf, Rowohlt tarne jüdische Schriftsteller. Der Vorwurf traf zu. Im Sommer 1938 wurde er aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Rowohlt verließ Deutschland mit seiner Familie über Zürich, Paris, London und Rotterdam. Er ließ sich bei Verwandten seiner brasilianischen dritten Frau in Rio Grande nieder. Dort handelte er im Geschäft seines Schwagers mit Fellen und Häuten. Dennoch blieb er Mitglied der NSDAP, der er 1937 beigetreten war.

Sein Unternehmen wurde der Stuttgarter Deutschen Verlags-Anstalt als Tochtergesellschaft angegliedert und von seinem Sohn Heinrich Maria Ledig weitergeführt. 1940 erschien dort Kurt Kusenbergs La Botella und andere seltsame Geschichten. Rowohlt selbst kehrte Ende 1940 nach Deutschland zurück. Im Februar 1941 wurde er Hauptmann in einer Propagandakompanie der Wehrmacht, zunächst in Griechenland, 1942 an der Kaukasusfront. 1943 musste er die Armee wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ verlassen. Im selben Jahr wurde der Verlag geschlossen.

1945 erhielt Heinrich Maria Ledig von den Amerikanern die Lizenz, den Verlag in Stuttgart wiederzueröffnen. Erste Autoren waren Erich Kästner, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky; auch die Zeitschriften Pinguin und story kamen dort heraus. 1946 bekam Ernst Rowohlt von den Engländern die Lizenz für einen Verlag in Hamburg. 1950 wurden der Stuttgarter und der Hamburger Betrieb in Hamburg vereinigt. Im gleichen Jahr erschienen die ersten Hefte der Taschenbuchreihe „rororo“, die Rowohlt-Rotations-Romane. Der Buchhandel hielt sich zunächst zurück, doch ein Jahr später waren bereits eine Million Exemplare gedruckt. Die Währungsreform von 1948 hatte das Haus in eine bedrohliche Lage gebracht, von der es sich erst langsam erholte. In den folgenden Jahren erschienen Werke von Wolfgang Borchert, Walter Jens, Dieter Meichsner, Gregor von Rezzori, Arno Schmidt, Ernest Hemingway und Ernst von Salomon. Salomons Der Fragebogen von 1951 gilt der Neuen Deutschen Biographie als Rowohlts letzter großer Bucherfolg. 1958 schuf der Lektor Kurt Kusenberg die Reihe „rowohlts monographien“.

1951 erlitt Rowohlt einen Herzinfarkt, blieb aber im Betrieb tätig. Nachlassende Sehkraft und ständige Herzbeschwerden beeinträchtigten seine Arbeitskraft. Sein Sohn übernahm die Verlagsgeschäfte deshalb zunehmend. 1954 wurde Rowohlt Mitbegründer und Präsident der Knut-Hamsun-Gesellschaft. 1957 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz und die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig. Politisch engagierte er sich in der DFU.

Rowohlt war viermal verheiratet. 1912 heiratete er die Schauspielerin Emmy Reye; diese Ehe wurde bald geschieden. 1921 folgte die Ehe mit Hilda Pangust, genannt Billa. Um 1931 folgte die Ehe mit der Brasilianerin Elli Engelhardt, in den 1950er Jahren die mit seiner langjährigen Gefährtin Maria Pierenkämper. Er hatte drei Kinder. Heinrich Maria Ledig-Rowohlt (1908–1992) stammte aus der Verbindung mit der Schauspielerin Maria Lee (Ledig). Dazu kamen Anna Elisabeth (geboren 1930) und Harry Rowohlt (1945–2015). Harry Rowohlt arbeitete als Schauspieler, Übersetzer und Rezitator. Am 1. Dezember 1960 starb Ernst Rowohlt in Hamburg an den Folgen eines Herzinfarktes. Laut der Neuen Deutschen Biographie war es sein zweiter Herzinfarkt. Beigesetzt wurde er auf dem Friedhof Volksdorf. Im selben Jahr wurde der Verlagssitz nach Reinbek bei Hamburg verlegt. Sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt übernahm die Mehrheit der Verlagsanteile und leitete das Unternehmen bis 1982.


Literarische Merkmale↑

Rowohlt war kein Schriftsteller, sondern Verleger. Sein Werk ist das Programm seiner drei Verlagshäuser, und daran lässt sich eine eigene Handschrift erkennen. Schon der erste Verlag verband zwei Richtungen: Auf der einen Seite standen die „Drugulin Drucke“, schön gestaltete Ausgaben von Klassikern in der Originalsprache. Auf der anderen Seite veröffentlichte Rowohlt bereits bekannte Autoren wie Paul Scheerbart, Max Dauthendey und Herbert Eulenberg gemeinsam mit damals noch unbekannten jungen Schriftstellern wie Franz Kafka und Georg Heym. Dieses Nebeneinander von bibliophiler Sorgfalt und Risikofreude blieb kennzeichnend.

Im zweiten Verlag erweiterte Rowohlt den Zuschnitt beträchtlich. Neben Lyrik und Erzählliteratur erschienen Erinnerungswerke, romanhafte Biographien und eine 44-bändige Taschenausgabe Balzacs. Der Blick ging früh über Deutschland hinaus: Ab 1928 holte Rowohlt zeitgenössische amerikanische Autoren ins Programm, als deren Namen hierzulande noch kaum bekannt waren.

Zu seiner Arbeitsweise gehörte, dass er sich auf Lektoren verließ und ihnen Raum gab. Kurt Pinthus, Walter Hasenclever, Paul Mayer, Franz Hessel und später Kurt Kusenberg prägten das Haus mit. Kusenberg entwickelte 1958 die Reihe „rowohlts monographien“. Als Verleger hatte Rowohlt zudem ein Gespür für neue Formen der Verbreitung. Die Taschenbuchreihe „rororo“ setzte 1950 auf günstige, in Rotationsdruck hergestellte Bücher in monatlicher Folge – ein Weg, Literatur in großer Zahl unter die Leser zu bringen.


Rezeption↑

Die Autoren, die Rowohlt verlegte, zeigen, welches Gewicht sein Urteil hatte: Kafka, Heym, Musil, Benjamin, Tucholsky, Polgar, Fallada, Ringelnatz, Borchert, Arno Schmidt. Die Neue Deutsche Biographie würdigt vor allem zwei unternehmerische Erfolge. Der eine war die Reihe „rororo“, die der Buchhandel zunächst zurückhaltend aufnahm und von der ein Jahr nach dem Start bereits eine Million Exemplare gedruckt waren. Der andere war Ernst von Salomons Der Fragebogen von 1951, den die NDB als Rowohlts letzten großen Bucherfolg bezeichnet.

Öffentliche Anerkennung fand Rowohlt zu seinem 70. Geburtstag: 1957 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz und die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig. Sein Porträt hielten namhafte Künstler fest, Oskar Kokoschka 1919 in einer Kohlezeichnung und Olaf Gulbransson 1953 in einer Zeichnung. 1959 entstand in Hamburg ein Filmdokument, in dem Rowohlt selbst aus seinem Leben und von seiner Arbeit als Verleger berichtet.

Nach seinem Tod erschien eine ganze Reihe von Erinnerungsbüchern und Almanachen, viele im eigenen Haus. Sein Lektor Paul Mayer legte eine Darstellung in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten vor sowie seine Erinnerungen Lebendige Schatten. Walther Kiaulehn schrieb Mein Freund der Verleger, Ernst von Salomon erinnerte sich als Mitarbeiter und Autor in Der Fragebogen. Zum 100-jährigen Bestehen des Verlages erschien 2008 die illustrierte Chronik 100 Jahre Rowohlt.

Umstritten bleibt Rowohlts Verhältnis zum Nationalsozialismus. Einerseits verlor er sein Verlagsprogramm zur Hälfte. Er wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und ging ins Ausland. Andererseits trat er der NSDAP bei und diente später als Hauptmann in einer Propagandakompanie. 1943 entließ man ihn wegen „politischer Unzuverlässigkeit“. Der Spiegel griff diesen Widerspruch 2008 unter dem Titel „Hauptmann der Propaganda“ auf.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten