1843 – 1920
Benito Pérez Galdós
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten spanischsprachigen Vertretern des realistischen Romans zählt Benito Pérez Galdós. Er wurde am 10. Mai 1843 in Las Palmas de Gran Canaria geboren und starb am 4. Januar 1920 in Madrid. Wegen seiner enormen literarischen Produktion wird er oft mit Balzac und Dickens verglichen. Sein umfangreichstes Werk sind die Episodios nacionales, ein vielbändiger erzählerischer Abriss der spanischen Geschichte des 19. Jahrhunderts. Daneben schuf er zahlreiche Romane und Dramen. In ihnen werden Liebeskonflikte oft historisch, politisch oder religiös vertieft. Sein Werk ist von liberalen, antiklerikalen Überzeugungen geprägt. Ebenso spricht aus ihm ein ausgeprägtes Mitgefühl für einfache Menschen.
Biografie↑
Geboren wurde Benito Pérez Galdós als jüngstes von zehn Kindern. Sein Vater Sebastián Pérez y Macías war Oberstleutnant des Heeres. Seine Mutter María Dolores Josefa Galdós y Medina war bei der Geburt bereits 43 Jahre alt. Der Großvater Domingo Galdós y Alcorta war Sekretär der Inquisition, ein Onkel Priester. Ein Bruder wurde später Capitán General der Kanarischen Inseln. Benito verbrachte seine Kindheit in Las Palmas und besuchte dort das Colegio de San Agustín. Er galt als frühreif: Mit vier Jahren konnte er lesen, mit sechs schrieb er erste Gedichte, und er gewann einen Malereiwettbewerb.
Da 1862 auf den Kanaren die Universitäten geschlossen wurden, ging er mit 19 Jahren nach Madrid. Dort begann er ein Studium der Rechtswissenschaft. Er betrieb es jedoch ohne Ernst. Lieber flanierte er durch Straßen und Cafés, besuchte das Theater und verfasste erste romantische Dramen. Während des Studiums lernte er Francisco Giner de los Ríos kennen, den Gründer der Institución Libre de Enseñanza. Dieser ermutigte ihn zum Schreiben und weckte sein Interesse für die philosophische Lehre des Krausismo. Prägend wirkten zwei politische Erschütterungen. Am 10. April 1865 erlebte er die Niederschlagung der Studentenaufstände in der „Noche de San Daniel“. Ein Jahr später folgte die Erschießung aufständischer Unteroffiziere, der Sargentos de San Gil. Von da an verabscheute er die Todesstrafe, den Bürgerkrieg und schlechte Regierungen. Im Ateneo de Madrid nutzte er die Bibliothek und hörte Vorträge.
Um ihn von seinen Liebesabenteuern abzuhalten, nahm ihn die Familie 1867 zur Weltausstellung nach Paris mit. Dort lernte er die Romane Balzacs kennen. Außerdem übersetzte er Charles Dickens' Pickwick Papers ins Spanische. Im selben Jahr begann er seinen ersten Roman La Fontana de Oro, der als Beginn des modernen Romans in Spanien gilt. 1868 kehrte er nach Spanien zurück und begrüßte die Septemberrevolution begeistert. Ein Jahr später wurde er ohne Abschluss von seinem Jurastudium exmatrikuliert.
In dieser Zeit erschienen seine ersten Artikel zu den turbulenten politischen Ereignissen. Ab 1869 schrieb er für die Zeitung Las Cortes Parlamentsberichte, 1870/71 für El Debate, 1871/72 in der Revista de España über Innenpolitik. Erst 1875 widmete er sich ganz dem literarischen Schreiben und beendete seine journalistische Tätigkeit. In den frühen 1870er Jahren begann er an den Episodios nacionales zu arbeiten, einem zunächst auf 50 Bände angelegten Erzählwerk über die spanische Geschichte. Dafür zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Er litt unter Überarbeitung und Migräne, denn alle drei Monate musste eine neue „Episode“ abgegeben werden.
Galdós blieb zeitlebens Junggeselle und lebte im Haushalt seiner verheirateten Schwester Carmen. Affären hatte er viele, feste Bindungen kaum. Bekannt ist seine etwa von 1881 bis 1892 dauernde, geheim gehaltene Liebesbeziehung zu Emilia Pardo Bazán, die als Meister-Schülerin-Verhältnis begann. Eine weitere langjährige Beziehung verband ihn mit der Schauspielerin Concha-Ruth Morell. Ihr gab er eine Rolle in seinem Drama Realidad (Uraufführung 1892); Spuren davon finden sich im Roman Tristana. 1891 wurde seine einzige Tochter María geboren. Sie ging aus einer Verbindung mit Lorenza Cobián hervor, einer einfachen Frau aus dem Volk; er sorgte stets für Mutter und Kind. Lorenza, die an Paranoia litt, nahm sich 1906 das Leben.
Galdós war ein großer Musikliebhaber. 1878 lernte er Klavierspielen und ließ sich in vielen Werken vom Aufbau der Sinfonien Ludwig van Beethovens anregen. Ab 1883 reiste er wiederholt ins Ausland, unter anderem nach England, Holland, Deutschland, Dänemark und Italien. In seinen Reiseerinnerungen zeigte sich seine Zuneigung zu einfachen Menschen. Ebenso deutlich wurde seine scharfe Kritik an politischen Systemen, die er als ungerecht empfand. Politisch wurde er 1886 Abgeordneter der Liberalen Partei in den Cortes, nominiert für einen Wahlkreis auf Puerto Rico. Er lehnte Gewalt als politisches Mittel ab und trat stets für Mäßigung ein. 1907 wurde er Abgeordneter für Madrid. In späteren Jahren neigte er der sozialistischen Partei zu und war mit Pablo Iglesias Posse befreundet, dem Gründer der PSOE.
1897 wurde er Mitglied der Real Academia Española. Zwischen 1912 und 1916 wurde er mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen, erhielt die Auszeichnung jedoch nie. Ab 1910 erblindete Galdós zusehends infolge des Grauen Stars. Eine Operation 1911 blieb erfolglos, fortan beschäftigte er einen Sekretär. 1919 wurde im Madrider Retiro-Park eine Statue zu seinen Ehren enthüllt; der Zeremonie wohnte er stumm bei. Am 4. Januar 1920 starb er in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen. In den Quellen ist der Sterbeort uneinheitlich angegeben: Die Deutsche Biographie nennt Madrid, Wikidata verzeichnet die calle de Hilarión Eslava, eine Straße in Madrid.
Literarische Merkmale↑
Im Mittelpunkt seines Schaffens stehen die Romane und das dramatische Werk. Häufig vertieft Galdós einen Liebeskonflikt ins Historisch-Politische oder Religiöse. Er schuf eindrückliche Romanfiguren wie Marianela, Fortunata oder Tristana. Sie sind mit großer psychologischer Tiefe gezeichnet, gelegentlich auch satirisch zugespitzt. Wiederkehrende Themen sind die Spannung zwischen hohem Anspruch und menschlicher Schwäche, zwischen Ideal und Wirklichkeit sowie die Kritik am Verfall eines längst zerfallenen Weltreichs.
In den frühen Werken treffen erfundene Figuren auf historische Gestalten, deren Darstellung auf umfangreichem Quellenstudium beruht. Ähnlich wie bei Balzac kehren manche Figuren in mehreren Werken wieder. Einzelne Romane wie Nazarín oder Misericordia erinnern an Dostojewski. Einen Großteil seines Gesamtwerks bilden die Episodios nacionales, ein aus 46 Bänden bestehender, unvollendet gebliebener Abriss der spanischen Geschichte. Er beginnt mit der Schlacht von Trafalgar 1805 und endet mit dem Tod von Antonio Cánovas del Castillo 1897.
Sein Werk ist von einem ethisch begründeten Spiritualismus geprägt. Seine liberalen und antiklerikalen Überzeugungen treten vor allem in den zeitgenössischen Romanen hervor. Die in frühen Jahren stark ausgeprägte pädagogisch-volkserzieherische Neigung trat in den späteren Werken zurück. Mit dem Verlust seines Augenlichts veränderte sich auch sein Stil: Die Sätze wurden kürzer, prägnanter, das Erzähltempo rascher.
Rezeption↑
Schon wegen des Umfangs seines Werks wurde Galdós oft mit Balzac und Dickens verglichen. Er gilt als einer der wichtigsten europäischen Vertreter des realistischen Romans. Seine literarische Geltung schlug sich in offiziellen Ehrungen nieder. 1897 wurde er Mitglied der Real Academia Española, nachdem er zuvor abgelehnt worden war. Zwischen 1912 und 1916 wurde er mehrfach für den Nobelpreis vorgeschlagen, erhielt die Auszeichnung jedoch nie.
Auch zu Lebzeiten erfuhr er sichtbare Anerkennung. 1919 wurde im Madrider Retiro-Park eine Statue zu seinen Ehren enthüllt, geschaffen vom Bildhauer Victorio Macho. Bei aller öffentlichen Würdigung starb er ein Jahr später in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen.
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