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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Pier Paolo Pasolini
Pier Paolo Pasolini
1922 – 1975
– Autorenporträt –

Pier Paolo Pasolini

1922 – 1975 · 53 Jahre

Dichter, Romancier und Filmregisseur, der den einfachen Leuten der römischen Vorstädte eine Stimme gab und 1975 gewaltsam ums Leben kam.

Kurzbiografie↑

Als Dichter, Romancier und Filmregisseur gehörte Pier Paolo Pasolini zu den streitbarsten Figuren des italienischen Kulturlebens im 20. Jahrhundert. Geboren 1922 in Bologna, wuchs er zwischen der bürgerlichen Herkunft und der bäuerlichen Welt des Friauls auf. Seine Sympathie galt zeitlebens den einfachen Leuten der römischen Vorstädte, deren Sprache und Leben er in Romanen wie Ragazzi di Vita und in seinen frühen Filmen festhielt. Als Publizist geißelte er scharf den Verfall der italienischen Gesellschaft. Sein gewaltsamer Tod im November 1975 am Strand von Ostia ist bis heute nicht abschließend aufgeklärt.


Biografie↑

Geboren wurde Pasolini 1922 als Sohn des Berufsoffiziers Carlo Alberto Pasolini und der Volksschullehrerin Susanna Colussi im Haus Via Borgonuovo 4 in Bologna. Prägend für den Jugendlichen wurde das ländliche Städtchen Casarsa della Delizia, wo seine Großeltern mütterlicherseits lebten. Dort verbrachte er die Schulferien und lernte das friaulische Landleben kennen. Schon seit seinem siebten Lebensjahr versuchte er sich am Schreiben; früh entstand der Lyrikband in friaulischer Sprache Poesie a Casarsa (1942).

In Bologna nahm er ein Studium der Kunstgeschichte bei Roberto Longhi auf, das er wegen des Zweiten Weltkriegs aufgab. Er setzte sich vor allem mit der Malerei der italienischen Renaissance auseinander, besonders mit Masaccio und Pontormo. Diese Studien beeinflussten seine spätere Filmarbeit nachhaltig. Die Kriegsjahre verbrachte er mit seiner Mutter in Casarsa und unterrichtete dort die Kinder des Ortes. In dieser Zeit begann er, seine Homosexualität zu entdecken, die ihm bei der allgemeinen Ächtung zu Lust und Gewissensqual wurde. In Casarsa erfuhren er und seine Mutter vom Tod seines Bruders Guido am 7. Februar 1945, der beim Massaker von Porzûs umgekommen war.

Nach Kriegsende unterrichtete Pasolini in Casarsa als Volksschullehrer an einer staatlichen Schule. Er zeigte ein besonderes pädagogisches Geschick und nahm vieles vorweg, was seit den 1970er Jahren als schülerorientierter Unterricht bezeichnet wurde. Zugleich gewann das politische Engagement für ihn an Bedeutung, und er schloss sich der Kommunistischen Partei Italiens an. Am 29. August 1949 bezahlte er beim Fest Santa Sabina in Ramuscello drei Sechzehnjährige fürs Masturbieren; diese bezichtigten ihn später unsittlicher Handlungen. Nach mehreren Gerichtsverfahren wurde er freigesprochen. Das Bekanntwerden seiner Homosexualität führte jedoch dazu, dass er trotz Solidaritätsbekundungen der örtlichen Bevölkerung aus dem Lehramt entlassen wurde. Die Partei schloss ihn aus. Ohne wirtschaftliche Grundlage ging er 1950 mit seiner Mutter nach Rom.

Nach anfänglicher Erwerbslosigkeit fasste er in Rom durch Lehrtätigkeiten und erste freiberufliche Arbeiten Fuß, unter anderem als Mitarbeiter an Drehbüchern für Luis Trenker, Mauro Bolognini und Federico Fellini. Er knüpfte Kontakte zu Künstlern wie Laura Betti und Alberto Moravia. Zugleich zog es ihn stets zum Milieu der römischen Vorstädte, den borgate, deren einfachen Menschen seine tiefe Sympathie galt. Sein Romandebüt Ragazzi di Vita (1955) ist in diesem Milieu angesiedelt und verwendet eine für das damalige Italien radikal realistische Sprache. Neben Anerkennung trug ihm der Roman scharfe Kritik aus Politik, Kirche und Gesellschaft sowie mehrere Gerichtsverfahren ein. Eine Variation dieser sozialkritischen Analysen legte er mit Una vita violenta (1959) vor.

In den 1960er Jahren entdeckte Pasolini den Film als Medium für seine poetischen und sozialkritischen Ziele. Mit Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß (1961) und Mamma Roma (1962) setzte er seine Vorstadtstudien filmisch um und erhielt zum Teil internationales Lob der Filmkritik. Durch den Einsatz von Laiendarstellern aus dem dargestellten Milieu erscheinen seine frühen Filme als eigenständiger Beitrag zum italienischen Neorealismus. Mit Das 1. Evangelium – Matthäus (1964) setzte ein Wandel in seinem Werk ein. Später wandte er sich auch großbürgerlichen und adligen Figuren zu, so 1968 in Teorema – Geometrie der Liebe über eine bürgerliche Familie, die nach dem Besuch eines charismatischen Gastes auseinanderbricht. Er befasste sich mit Mythen und Legenden in Edipo Re – Bett der Gewalt (1968) und Medea (1969/1970) sowie mit der „Trilogie des Lebens“ aus Decameron (1970), Pasolinis tolldreiste Geschichten (1972) und Erotische Geschichten aus 1001 Nacht (1974).

Sein letzter Spielfilm entstand in seinem Todesjahr: Die 120 Tage von Sodom (1975) verlagert die Handlung von de Sades gleichnamigem Roman in die faschistische Republik von Salò am Ende des Zweiten Weltkriegs. Wegen der expliziten Darstellung sadistischer Gewalt zählt das Werk zu den umstrittensten der Filmgeschichte und ist bis heute in vielen Ländern verboten. In seinem publizistischen Werk beklagte Pasolini den Niedergang der sozialen und politischen Strukturen Italiens. Als tragende Kraft dieses Verfalls sah er eine neue Form von Faschismus, die von den Individuen verinnerlicht werde und alle Teile der Gesellschaft durchdringe. 1972 begann er, für seinen unvollendet gebliebenen Enthüllungsroman Petrolio zu recherchieren.

In der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen wurde Pasolini am 2. November 1975 ermordet. Seine Leiche wurde am Strand von Ostia gefunden; er war mehrfach mit seinem eigenen Wagen überfahren worden. Als Sterbeort verzeichnen die Quellen unterschiedliche Angaben: Wikidata nennt Lido di Ostia, die Deutsche Biographie dagegen Ostia Antica. 1976 wurde der damals siebzehnjährige Pino Pelosi wegen der Tat verurteilt; er gestand zunächst, widerrief sein Geständnis aber 2005. Der Mord ist bis heute nicht abschließend aufgeklärt, und zahlreiche Verdächtigungen ließen sich nicht beweisen. Bei einer internationalen Unterschriftenkampagne von 700 Autoren forderte 2007 der römische Bürgermeister Walter Veltroni eine neue Untersuchung. Die Ermittlungen wurden 2010 wieder aufgenommen, 2015 aber erneut geschlossen. Pasolini wurde auf dem Friedhof von Casarsa della Delizia beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Pasolinis Prosa ist eine radikal realistische Sprache. In Ragazzi di Vita verwendete er einen „Slang von realistischer Unmittelbarkeit“, der für das Italien der 1950er Jahre ungewöhnlich schroff wirkte. Er schilderte das vitale, raue und teils kleinkriminelle Leben der Jugendlichen in den römischen Vorstädten, überhöhte und idealisierte es zugleich und beleuchtete damit die bürgerliche Doppelmoral der Nachkriegsgesellschaft.

Auch seine frühen Filme ziehen ihre Kraft aus dem gelebten Milieu. Durch die Wahl der Stoffe und den Einsatz von Laiendarstellern aus dem dargestellten Umfeld gelten sie als eigenständiger Beitrag zum italienischen Neorealismus. Seine Figuren changieren zwischen Profanität und Transzendenz, ein Zwiespalt, den er bewusst inszenierte. So wird in Mamma Roma die Hauptfigur am Ende durch eine wiederholende Montage und raffinierte Lichtführung zum Christus überhöht, und in Das 1. Evangelium – Matthäus erscheint Jesus zugleich als Heiliger und als subproletarische Figur. Seine Charaktere sind häufig sozial ausgegrenzt und rebellisch. Prägend blieb dabei seine frühe Beschäftigung mit der Malerei der italienischen Renaissance, die seine spätere Bildsprache im Film nachhaltig beeinflusste.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten war Pasolini eine umstrittene Gestalt. Sein Romandebüt Ragazzi di Vita trug ihm neben Anerkennung scharfe Kritik aus Politik, Kirche und Gesellschaft sowie mehrere Gerichtsverfahren ein. Seine frühen Filme dagegen brachten ihm zum Teil internationales Lob der Filmkritik. Sein letzter Film Die 120 Tage von Sodom zählt wegen der expliziten Darstellung sadistischer Gewalt zu den umstrittensten Werken der Filmgeschichte und ist bis heute in vielen Ländern verboten.

Sein gewaltsamer Tod hat die Nachwirkung Pasolinis stark geprägt. Bereits 1975 schrieb Oriana Fallaci im Wochenmagazin L'Europeo, er sei von einer rechtsradikalen Schlägertruppe umgebracht worden; weil sie ihren Zeugen nicht nennen wollte, wurde sie 1978 zu vier Monaten Haft verurteilt. Freunde und Familienangehörige verbreiteten in den folgenden Jahren die These, er sei Opfer von Rechtsradikalen geworden. Wie sehr sein Andenken die italienische Öffentlichkeit weiter beschäftigt, zeigte 2007 eine internationale Unterschriftenkampagne von 700 Autoren, darunter Andrea Camilleri, Dacia Maraini und Bernard-Henri Lévy, die eine neue Untersuchung des Falls forderten.

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