1890 – 1960
Boris Leonidowitsch Pasternak
Kurzporträt↑
Boris Leonidowitsch Pasternak war ein russischer Dichter und Schriftsteller. Er wurde 1890 in Moskau geboren und starb 1960 in Peredelkino bei Moskau. Er kam aus einem künstlerischen Elternhaus und wurde zu einem der wichtigsten Dichter der russischen Moderne. International bekannt ist er vor allem durch seinen Roman Doktor Schiwago. Dieses Buch durfte in seiner Heimat lange nicht erscheinen und wurde erst im Ausland verlegt. 1958 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Er konnte ihn jedoch auf Druck der sowjetischen Obrigkeit nicht annehmen.
Biografie↑
Boris Pasternak wurde am 10. Februar 1890 in Moskau als Sohn jüdischer Eltern geboren. Er wuchs in einem intellektuellen und künstlerischen Milieu auf. Sein Vater Leonid war Künstler und Professor an der Moskauer Schule für Malerei, seine Mutter Rosa Kaufmann eine bekannte Pianistin. Sein Bruder Alexander wurde konstruktivistischer Architekt. Im Elternhaus traf der junge Pasternak Musiker, Künstler und Schriftsteller an, unter ihnen Lew Tolstoi, dessen Bücher sein Vater illustrierte. 1903 brach er sich bei einem Sturz vom Pferd den rechten Oberschenkelknochen. In der Folge war sein rechtes Bein kürzer als das linke. Deshalb wurde er weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg als Soldat eingezogen.
Als Dreizehnjähriger lernte er den Komponisten Alexander Skrjabin kennen. Fortan träumte er davon, Pianist und Komponist zu werden. Aus dem Jahr 1909 stammt eine von ihm komponierte Klaviersonate in h-Moll. 1908 schloss er das Moskauer deutsche Gymnasium ab. Danach studierte er jedoch an der Moskauer Universität Philosophie. Im Sommer 1912 führte ihn ein Auslandssemester an die Universität Marburg. Dort studierte er bei den Neukantianern Hermann Cohen und Nicolai Hartmann. Reisen in die Schweiz und nach Italien ließen in ihm den Entschluss reifen, sich der Poesie zuzuwenden.
Anfänglich wandte sich Pasternak dem Futurismus und dem Symbolismus zu, inspiriert vor allem von Alexander Blok. Kurzzeitig gehörte er der futuristischen Dichtergruppe LEF an, seit 1914 auch der Gruppe Zentrifuge. Seine ersten Gedichte erschienen 1913 im Almanach Lirika. 1914 folgte die Gedichtsammlung Zwilling in Wolken und 1917 Über die Barrieren. Das verschaffte ihm Aufmerksamkeit und Anerkennung. Anfang 1916 reiste er in den Ural. Dort arbeitete er neben dem Schreiben im Büro einer Chemiefabrik.
Pasternak war von der Brutalität der neuen Regierung schockiert. Dennoch unterstützte er die Oktoberrevolution. Seine Eltern und Geschwister wanderten 1921 nach Deutschland aus. Nach dem Krieg arbeitete er als Bibliothekar. Er schrieb unter anderem Leutnant Schmidt, Meine Schwester, das Leben und Das Jahr 1905. 1922 heiratete er Jewgenija Wladimirowna Lourié. Aus der Ehe ging der Sohn Jewgeni hervor. Er wurde später als Literaturwissenschaftler ein Spezialist für das Werk seines Vaters. Die Ehe wurde 1931 geschieden.
In den dreißiger Jahren passten seine Werke nicht in die Vorgaben des Sozialistischen Realismus. Pasternak verdiente seinen Lebensunterhalt als Übersetzer aus dem Französischen, Englischen und Deutschen. Berühmt sind seine Übertragungen von Goethes Faust und Tragödien Shakespeares. Außerdem übersetzte er Werke von Rilke und Kleist. 1934 ging er eine zweite Ehe mit Sinaida Nikolajewna Neuhaus ein. 1936 zog die Familie in die Künstlerkolonie Peredelkino bei Moskau. Bei Kriegsausbruch 1941 meldete er sich freiwillig. Er wurde jedoch zunächst nach Tschistopol evakuiert und erst 1943 mit einer Schriftstellerbrigade an die Front geschickt. Seine Kriegserlebnisse verarbeitete er in den Gedichtbänden In den Frühzügen und Irdische Weite.
Nach dem Krieg arbeitete Pasternak lange an seinem einzigen Roman Doktor Schiwago. Das Buch durfte in der Sowjetunion nicht erscheinen. Es setzt knapp nach 1900 ein und bezieht die Umwälzungen der russischen Revolution ein. Es schildert die Konflikte, in die der Intellektuelle Schiwago mit seinen geistigen und religiösen Überzeugungen gerät. Als Vorbild für die weibliche Hauptfigur Lara soll Pasternaks langjährige Geliebte Olga Iwinskaja gedient haben. Der Roman erschien 1957 zuerst in Italien und danach in achtzehn weiteren Sprachen. 1958 sollte ihm der Nobelpreis verliehen werden. Er nahm ihn zunächst an, lehnte ihn aber später auf Druck der Obrigkeit ab. Dennoch wurde er aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen. Aus einem Brief an Chruschtschow geht hervor, dass er die Sowjetunion auf keinen Fall verlassen wollte. Boris Pasternak war voller Pläne für weitere Werke. Er starb am 30. Mai 1960 in Peredelkino an einem Herzinfarkt und starken Magenblutungen. 1987 wurde er rehabilitiert und postum wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen. 1989 nahm sein Sohn den abgelehnten Nobelpreis in Stockholm stellvertretend entgegen.
Literarische Merkmale↑
Lyrik blieb Pasternaks lebenslange Leidenschaft. Sie machte ihn zu einem der wichtigsten Dichter der russischen Moderne. Sein Schreiben begann unter dem Einfluss des Symbolismus und des Futurismus, angeregt vor allem von Alexander Blok. Kurzzeitig gehörte er der Dichtergruppe LEF an. In ihr galt der Dichter als Arbeiter mit sozialem Auftrag, nicht als Künstler im überkommenen Sinn.
Im Lauf der Jahre lösten sich seine Gedichte von den symbolistischen Anfängen. Sie wandten sich philosophischen Fragen sowie der Verarbeitung der Revolution zu. Diese Entwicklung machte ihn jedoch zugleich angreifbar. In den dreißiger Jahren entsprachen seine Werke nicht mehr den Rahmenbedingungen des Sozialistischen Realismus. Neben dem eigenen Schaffen prägte die Arbeit als Übersetzer sein Werk. Seine Übertragungen von Goethes Faust und Shakespeares Tragödien sind berühmt geblieben. Mit Doktor Schiwago verband er schließlich das Erzählen eines weit gespannten Romans mit dem Blick des Lyrikers auf das Schicksal eines Einzelnen inmitten der geschichtlichen Umwälzungen.
Rezeption↑
Schon mit seinen frühen Gedichtbänden gewann Pasternak Aufmerksamkeit und Anerkennung in der literarischen Welt. Besonders großen Widerhall fand jedoch Doktor Schiwago. Der Roman wurde nach seinem Erscheinen 1957 im Ausland in achtzehn Sprachen übersetzt und geriet zu einem internationalen Erfolg. 1958 sollte ihm der Nobelpreis für Literatur „für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der großen russischen Erzähltradition“ verliehen werden. Diese Ehrung musste er auf politischen Druck ablehnen. Sie zog seinen Ausschluss aus dem Schriftstellerverband nach sich.
In der Sowjetunion konnte der Roman erst 1987 unter Gorbatschow erscheinen, nachdem Pasternak offiziell rehabilitiert worden war. Die Verfilmung von David Lean aus dem Jahr 1965 mit Omar Sharif und Julie Christie gewann fünf Oscars. Sie trug den Stoff einem weltweiten Kinopublikum zu. In seinem Todesjahr 1960 wurde Pasternak als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt. 1989 nahm sein Sohn den einst abgelehnten Nobelpreis in Stockholm stellvertretend für den Vater entgegen.
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