1958
Doktor Schiwago
Überblick↑
Der Roman Doktor Schiwago erzählt die Lebensgeschichte des russischen Arztes und Dichters Juri Andrejewitsch Schiwago. Boris Pasternak zeichnet den Weg einer feinfühligen Gestalt nach, die sich vom sensiblen Kind zum Sozialisten und schließlich zum Dissidenten entwickelt. Breiten Raum nimmt die Liebe zu Larissa (Lara) Antipowa ein. Um diese beiden Menschen verknüpft der Roman zahlreiche Handlungsstränge, an denen Hunderte von Personen beteiligt sind. Immer wieder begegnen sich die Figuren durch überraschende Zufälle. Eine der zentralen Botschaften lautet, dass die Welt nicht einfach in zwei Lager gespalten ist, sondern dass die scheinbaren Abgründe durch unerwartete Verbindungen überbrückt werden. Der 1956 fertiggestellte Roman durfte in der Sowjetunion nicht erscheinen und kam 1957 zuerst in Italien heraus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Juri Schiwago, der schon als Kind seine Mutter verliert und bei der wohlhabenden Moskauer Familie Gromeko aufwächst. Dort lebt er mit der gleichaltrigen Tonja zusammen, die ihm später zur Frau wird. Zugleich erzählt Pasternak das Schicksal von Lara, einer jungen Frau, die früh in ein Verhältnis mit dem gerissenen Rechtsanwalt Komarowski gerät. Auch der junge Pascha Antipow, der Lara liebt, gehört zu diesem Kreis. Diese Lebenswege verlaufen zunächst getrennt, berühren sich aber immer wieder wie durch Zufall.
Juri wird Arzt und Dichter. Der Erste Weltkrieg, die Revolution und der Bürgerkrieg reißen die Menschen aus ihren geordneten Verhältnissen. Als Militärarzt begegnet Juri der als Krankenschwester tätigen Lara. Zwischen ihnen entsteht eine Nähe, die sein Leben fortan zwischen der Bindung an Tonja und der Anziehung zu Lara spannt. Die Wirren der Zeit treiben die Familie schließlich in den fernen Ural, wo sie unter harten Bedingungen ein neues Auskommen sucht.
Die Handlung im Detail↑
Die Erzählung setzt 1901 in Moskau ein, mit der Beerdigung der Mutter des zehnjährigen Juri Schiwago. Sein Vater hat das Vermögen verschleudert und die Familie verlassen. Ein Bruder der Mutter, Nikolai Wedenjapin, nimmt den Halbwaisen zu sich und lebt mit ihm in einer Provinzstadt an der Wolga. Wedenjapin, der später als Schriftsteller Berühmtheit erlangt, bietet dem Jungen ein anregendes Umfeld. Auf dem Landgut der Kologriwows schließt Juri Freundschaft mit Nika Dudorow. Als Wedenjapin nach Sankt Petersburg zieht, kommt Juri zunächst bei einem Verwandten unter und zieht 1905 schließlich ins Haus der Gromekos. Dort wächst er mit der gleichaltrigen Tonja und dem Ziehkind Mischa Gordon auf.
Parallel dazu erzählt Pasternak die Geschichte der Familie Guichard. Die Witwe Amalia hat zwei Kinder, Rodion und Larissa, genannt Lara. Ihr Wohltäter ist der verschlagene Rechtsanwalt Viktor Komarowski, der ein Verhältnis mit Amalia beginnt und bald auch die siebzehnjährige Lara zu seiner Geliebten macht. Lara fühlt sich zunächst geschmeichelt, dann überkommt sie Ekel. In einem dritten Erzählstrang steht die Eisenbahnerfamilie Tiwersin mit dem Jungen Pascha Antipow. Die Arbeiter sind heimlich organisiert. Nach dem Oktobermanifest 1905 nehmen Marja Tiwersina und Pascha an einer Demonstration teil, die von Dragonern blutig niedergeschlagen wird. Lara und Pascha lernen sich kennen, und er verliebt sich in sie.
Im Januar 1906 unternimmt Amalia Guichard einen Selbstmordversuch mit Jod, den sie übersteht. Durch Zufall gelangen an diesem Abend auch Juri und Mischa an den Ort. Sie werden Zeugen einer wortlosen Verständigung zwischen Lara und Komarowski. Mischa erkennt in Komarowski jenen Mann wieder, der Mitschuld am Tod von Juris Vater trug, und berichtet Juri davon. Lara wird Erzieherin bei den Kologriwows. Als ihr Bruder Rodion in Not gerät, weil er in der Militärakademie Geld veruntreut hat, fleht er sie an, Komarowski um siebenhundert Rubel zu bitten. Lara fordert von Rodion dessen Revolver, borgt das Geld aber lieber bei den Kologriwows. Zugleich unterstützt sie Paschas Familie und träumt davon, mit ihm in den Ural zu ziehen und dort als Lehrer zu leben.
Ende 1911 verloben sich Tonja und Juri, deren geschwisterliche Zuneigung einer scheuen Romanze weicht. Lara indessen meint, Komarowski schulde ihr Wiedergutmachung. Falls er sich weigert, will sie ihn mit Rodions Revolver erschießen. Sie sucht ihn auf dem Weihnachtsball der Swentizkis auf, wo auch Juri und die Gromekos zugegen sind. Zu einem Gespräch kommt es nicht, und statt auf Komarowski schießt sie auf den Staatsanwalt Kornakow, der nach dem Eisenbahnerstreik von 1905 Tiwersin und Paschas Vater ins Gefängnis gebracht hatte. Die Verletzung erweist sich als harmlos. Juri kommt als Arzt zu Hilfe und wird von Lara stark in den Bann gezogen. Komarowski verhindert ihre Verhaftung, gibt ihr Geld und mietet ihr ein Zimmer.
1912 bestehen Lara und Pascha ihre Prüfungen und heiraten. Die volle Wahrheit über ihre Vergangenheit gesteht Lara erst nach der Trauung; Pascha verzeiht ihr, und sie reisen in den Ural, in Laras Geburtsort Jurjatin. Im Herbst 1915 ist Juri in Moskau mit Tonja verheiratet und als Krankenhausarzt tätig. Tonja bringt einen Sohn zur Welt, Alexander, genannt Saschenka; wenige Tage später wird Juri als Militärarzt verpflichtet. In Jurjatin haben Lara und Pascha eine Tochter, Katenka. Pascha zweifelt jedoch, ob Lara ihn liebt. Aus Enttäuschung und weil er die Enge der Provinz nicht erträgt, verlässt er die Familie, besucht die Militärschule in Omsk und wird 1915 an die Front geschickt. Dort führt er seine Einheit in einen tollkühnen Angriff und gerät in Gefangenschaft; sein Kamerad Galiullin hält ihn für tot. Um ihrem Mann nachreisen zu können, lässt Lara sich zur Krankenschwester ausbilden. Ihre Suche führt sie über Moskau bis nach Medzilaborce.
Im Herbst 1916 dient Juri in einem Lazarett in Galizien, wo er von einer Schrapnellkugel verwundet wird. Auch Lara tut im großen Lazarett Dienst, ohne ihm zu begegnen. Ende Februar 1917 wird das Lazarett in die fiktive Kleinstadt Meliuzejewo verlegt, in die Villa der internierten Gräfin Schabrinskaja. Der genesende Juri teilt sich ein Zimmer mit dem verwundeten Galiullin, den Lara ebenso pflegt wie ihn. Galiullin verschweigt ihr, dass er Pascha für tot hält. Juri ist Lara gegenüber befangen. In Moskau bricht unterdessen die Februarrevolution aus.
Nach zwei Kriegsjahren befindet sich die Armee im Zustand der Auflösung. Im Juni 1917 ruft im fiktiven Ort Zybushino der Müller Blascheiko mit desertierten Soldaten eine unabhängige Republik aus, die nach zwei Wochen zusammenbricht. Ein neuer, blutjunger und naiver Frontkommissar namens Ginz versucht, die Meuterer mit idealistischen Phrasen zurückzugewinnen, und wird noch während einer Rede erschossen. Im Sommer 1917 arbeitet der geheilte Juri mit Laras Hilfe im Lazarett. Die alte Gouvernante Mlle Fleuri erspürt als Erste die Romanze. Als Juri in einem Brief an Tonja beiläufig Lara erwähnt, reagiert diese heftig und glaubt ihn schon verloren. Fast gegen seinen Willen gesteht Juri Lara, wie viel sie ihm bedeutet; sie erwidert, sie habe es befürchtet. Am folgenden Tag reist Lara nach Moskau, um ihre Tochter zu holen, und kehrt Monate später mit Katenka nach Jurjatin zurück.
Auch Juri findet Platz auf einem Zug nach Moskau. Das dortige Elend erschüttert ihn. Tonja und ihr Vater haben einen großen Teil des Hauses an die Landwirtschaftsakademie vermietet, und Juri fühlt sich unter den Seinen fremd. Als er einem überfallenen Unbekannten hilft, erweist dieser sich als bedeutender Politiker, der Juri fortan mehrmals schützen wird. Der Winter 1917/1918 ist bitterhart: Es fehlt an Brennholz, die Familie hungert, Saschenka erkrankt schwer, und Juri bekommt Fleckfieber. In Moskau liefern sich Soldaten Straßenschlachten.
Im April 1918 rät Juris Halbbruder Ewgraf zum Aufbruch in den Ural, zum Gut Warykino des Schwiegervaters Krüger, der gefangen ist und dessen Schicksal niemand kennt. Die Familie reist im Güterwagen eines Zuges, der auch fünfhundert Zwangsarbeiter transportiert. Im Bahnhof von Razvilie fällt Juri zufällig jenem Pascha in die Hände, der als Kriegsherr „Strelnikow“ halb auf eigene Rechnung für die Bolschewiki kämpft. Da Strelnikow eigentlich den Weißenführer Galiullin sucht, lässt er Juri wieder laufen. In Warykino nimmt Mikulizyn die Neuankömmlinge widerstrebend auf und weist ihnen einen hölzernen Anbau zu. Den Winter überstehen die Schiwagos, weil sie Kartoffeln und Gemüse anbauen, Juri gelegentlich als Arzt praktiziert und der einflussreiche Jurist Samdeviatov sie unterstützt. Im Frühjahr 1919 ist Tonja erneut schwanger. Juri spürt seine von der Mutter ererbte Herzschwäche und wird sich der Endlichkeit seines Lebens bewusst. Seine Sehnsucht nach Lara verdrängt er und reist nach Jurjatin in dem Glauben, nur die dortige Bibliothek suche er auf. Ausgerechnet dort entdeckt er Lara wieder – ist aber zu befangen, um sie anzusprechen.
Stil↑
Das Werk verzichtet auf eine streng geschlossene Romanform. Stattdessen reiht Pasternak eine bewusst gewählte Folge von Prosastücken und kurzen Episoden aneinander, die aus dem Leben der vielen Gestalten geschöpft sind. Dazwischen treten immer wieder religionsphilosophische und kunstästhetische Betrachtungen. Auffällig ist die Art, wie die zahlreichen Handlungsstränge miteinander verknüpft werden. Immer wieder tauchen Personen ganz zufällig dort auf, wo man sie nach aller Wahrscheinlichkeit gar nicht erwarten würde. Diese überraschenden Überkreuzungen halten die weit verzweigte Erzählung mit ihren Hunderten von Figuren zusammen.
Rezeption↑
Schon seine Veröffentlichung machte den Roman zu einem politischen Fall. Wegen der scheinbar kritischen Darstellung der Oktoberrevolution durfte er in der Sowjetunion nicht erscheinen. Der Text kam daher zuerst im Ausland heraus: 1957 in italienischer Übersetzung beim Mailänder Verlag Feltrinelli. Im August 1958 folgte eine russische Originalausgabe beim Den Haager Verlag Mouton, die von der CIA finanziell gefördert wurde. Erst diese Ausgabe in der Originalsprache machte es möglich, den Autor für den Literaturnobelpreis in Betracht zu ziehen. Pasternak war schon in den Jahren zuvor mehrfach nominiert worden. Am 23. Oktober 1958 sprach ihm die Schwedische Akademie den Nobelpreis für Literatur zu. In der Sowjetunion selbst konnte der Roman erst 1988 erscheinen, nach dem Beginn der Perestroika. Der Stoff fand auch außerhalb der Literatur weite Verbreitung: Bekannt wurde die Verfilmung von David Lean aus dem Jahr 1965; später folgten ein Fernsehfilm von Giacomo Campiotti (2002), eine Fernsehserie von Alexander Proschkin sowie eine musikalische Bühnenfassung.
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