1891 – 1980
Henry Miller
Kurzbiografie↑
Henry Miller war ein amerikanischer Schriftsteller und Maler, der in Paris zu seiner Stimme fand. Er wurde 1891 in New York geboren; über den genauen Geburtsort gibt es widersprüchliche Angaben. Sein erster veröffentlichter Roman Wendekreis des Krebses erschien 1934 in Paris, weil er in Großbritannien und den USA als obszön verboten worden wäre. Miller schrieb offen über Sexualität, Armut und das eigene Leben und machte sich selbst zur Hauptfigur seiner Bücher. In seinen späten Jahren wurde er vor allem als Denker und Kritiker des modernen Materialismus bewundert. Er starb 1980 in Kalifornien.
Biografie↑
Geboren wurde Henry Valentine Miller am 26. Dezember 1891 in New York. Die Angaben zum Geburtsort widersprechen sich: Wikidata nennt den Stadtteil Yorkville in Manhattan, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet nur New York. Seine Eltern Heinrich Miller und Luise Marie Nieting waren beide in den USA geboren, stammten aber von deutschen Einwanderern ab. Der Großvater väterlicherseits war der Schneidermeister Heinrich Müller aus Minden an der Weser. Der Vater der Mutter, Valentin Nieting aus Darmstadt, war ebenfalls Schneider und über London nach New York gekommen; nach ihm trug Henry seinen zweiten Vornamen. Beide Großväter hatten Deutschland um 1860 verlassen, um dem Militärdienst zu entgehen.
Bis zur Schulzeit war Deutsch Millers Muttersprache, denn zu Hause pflegten beide Familien ihre deutschen Traditionen. 1892 zog die Familie nach Williamsburg in das Haus der Schwiegereltern, wo der Vater in der Schneiderwerkstatt arbeitete. Um 1900 kaufte der Großvater ein Haus in Bushwick, das er den Millers vererbte. Henry lernte Klavier spielen. Das Verhältnis zum Vater war liebevoll, das zur Mutter distanziert: Ihre Stimmungen schwankten zwischen Kälte und Wut. Noch 1977 notierte er einen Traum, in dem er sie fragen wollte, warum sie nie ein Wort des Trostes für ihn übrig gehabt habe.
1909 bestand Miller das Abschlussexamen an der Eastern District High School als Zweitbester seiner Klasse. Er erhielt ein Stipendium für das Fach Deutsch, doch die Familie konnte die weiteren Kosten nicht dauerhaft aufbringen. Danach studierte er ein Semester am gebührenfreien City College in New York, brach aber schon nach zwei Monaten ab, weil ihm die vorgeschriebene Leseliste missfiel. Bis 1911 arbeitete er als Büroangestellter einer Zementfirma und in Gelegenheitsjobs. Privat las er unersättlich und gab Klavierunterricht.
Bei einer seiner Klavierschülerinnen lernte er 1911 Pauline Chouteau kennen, fünfzehn Jahre älter als er und sehr liebevoll; seine Mutter lehnte die Verbindung ab. 1913 floh er für ein halbes Jahr nach Kalifornien und arbeitete zeitweise auf einer Zitronenplantage. Über die Motive dieser Reise hat er sich später selbst unterschiedlich geäußert. Zurück in New York begann er in der Schneiderei seines Vaters zu arbeiten, wo er seine lebenslange Vorliebe für feine Stoffe und Anzüge entdeckte. Zugleich entstanden erste eigene Schreibversuche.
Im Oktober 1915 begegnete er der Pianistin Beatrice Sylvas Wickens. Als im Juni 1917 die Musterungsbescheide verschickt wurden, heiratete er sie, um der Einziehung in den Ersten Weltkrieg zu entgehen. 1919 kam die Tochter Barbara zur Welt. Die Ehe war unglücklich: Beatrice spottete über seinen Ehrgeiz, Schriftsteller zu werden, und Miller hielt es auf keiner Arbeitsstelle lange aus. Nach der Scheidung im Dezember 1923 lebte Barbara bei der Mutter und sah ihren Vater erst dreißig Jahre später wieder.
1920 wurde die Schneiderei des Vaters zahlungsunfähig. Miller bewarb sich als Bote bei der Western Union Telegraph Company, erhielt eine Absage, beschwerte sich wütend an höherer Stelle und bekam daraufhin die Stelle doch. Bald darauf wurde er Personalleiter in einer Filiale. Das tägliche Einstellen und Entlassen, die menschlichen Tragödien und die aus seiner Sicht höllische Maschinerie des Unternehmens lieferten später den Stoff für Wendekreis des Steinbocks. Für seinen Arbeitgeber schrieb er, dafür eigens beurlaubt, innerhalb von drei Wochen ein Buch über zwölf Telegrammboten mit dem Titel Clipped Wings. Er hielt es selbst für einen Misserfolg, doch der Versuch weckte in ihm den Drang, das Schreiben wirklich zu erlernen.
In einem New Yorker Club traf Miller June Edith Smith. Im August 1923 verließ er Beatrice und zog mit June zusammen. June, 1902 in Galizien geboren und 1907 mit ihrer Familie in die USA gekommen, arbeitete als Begleittänzerin in Tanzclubs. Sie verdiente gut genug, um Miller 1924 zu ermuntern, seine Stelle aufzugeben und sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er ließ kürzere Arbeiten auf eigene Kosten drucken und verkaufte sie mit ihrer Hilfe auf der Straße, in Restaurants und Bars. June gab die Texte oft als ihre eigenen aus, weil sie sich so besser absetzen ließen. 1927 lebten June und die Künstlerin Jean Kronski zwei Monate in Paris, teilweise von Miller finanziert. Ein Auftrag, den June von einem wohlhabenden Verehrer erhalten hatte, führte 1927 zum 350-seitigen Manuskript Moloch, das Miller schrieb und das erst nach seinem Tod unter seinem Namen erschien. Von Juli 1928 bis Januar 1929 reisten Henry und June durch Europa bis nach Czernowitz.
Ein Jahr später kehrte Miller allein nach Paris zurück. June schickte ihm anfangs Geld, er fand auch einzelne journalistische Aufträge. 1931 wurde er Korrektor bei der Pariser Ausgabe der Chicago Tribune, vermittelt von seinem Freund Alfred Perlès. Diese Zeit schildert der teils autobiografische Roman Stille Tage in Clichy, der 1940 erschien und 1956 überarbeitet wurde. Unter den unkonventionellen Künstlern von Paris fand Miller zu seinem eigenen Stil. Seine wichtigste Förderin wurde die Schriftstellerin Anaïs Nin, die ihm mit ihrem psychologischen Einfühlungsvermögen die entscheidenden Anstöße gab. Ende 1932 zerbrach die Beziehung zu June endgültig; sie kehrte nach New York zurück, die Scheidung erfolgte im Dezember 1934.
Ab Mitte 1932 hatte Miller in Clichy erstmals einen festen Wohnsitz in Paris, gemeinsam mit Perlès. Dort entstand Wendekreis des Krebses, den Jack Kahane im September 1934 in seinem Obelisk-Verlag herausbrachte. Der Verleger untersagte ausdrücklich den Export nach Großbritannien und in die USA, wo das Buch als obszön verboten worden wäre. Auch in Frankreich war die Rechtslage unsicher; Kahane wagte die Veröffentlichung nur, weil Anaïs Nin für 5000 Dollar bürgte. Es folgten 1936 Schwarzer Frühling und 1939 Wendekreis des Steinbocks.
1939 ging Miller nach Griechenland, kehrte aber im Jahr darauf wegen des Zweiten Weltkriegs in die USA zurück. 1940 reiste er mit dem Maler Abraham Rattner in den Süden der Vereinigten Staaten; Millers Bericht und Rattners Illustrationen erschienen 1945 als Der klimatisierte Alptraum. Seine Lage war finanziell prekär. Zwar lag auf seinem französischen Konto ein Guthaben, doch Devisenbeschränkungen ließen nur kleine Teilbeträge nach Amerika fließen. Im März 1944 bat er in einem offenen Brief zwanzig wohlhabende Freunde um wöchentliche Zuwendungen. Im selben Jahr vermittelte ihm der Bildhauer Jean Varda eine Blockhütte auf dem Big Sur, ohne Strom, Wasser und Heizung, für zehn Dollar im Monat. Dort lebten etwa fünfzig Menschen, Künstler und Aussteiger, versorgt von einem fliegenden Händler. 1948 kaufte Miller das Haus, in dem er wohnte, und blieb dort fünfzehn Jahre.
Sein Hauptwerk aus dieser Zeit ist die dreibändige Folge The Rosy Crucifixion mit Sexus (1949), Plexus (1953) und Nexus (1960), in der er frühere Erlebnisse verarbeitete. Daneben erschienen 1962 der Briefwechsel mit Lawrence Durrell, 1965 die Briefe an Anaïs Nin und 1980 seine Würdigung Die Welt des D. H. Lawrence. Das 1983 posthum gedruckte Opus Pistorum gilt den meisten Kritikern nicht als Millers Arbeit.
Mit 53 Jahren lernte Miller in Yale die Literaturstudentin Janina Martha Lepska kennen und heiratete sie im Dezember 1944. In Big Sur wurden die Tochter Valentine und der Sohn Tony geboren. Die Lebensverhältnisse blieben schwierig, 1952 war die Ehe zu Ende. Kurz darauf heiratete er die Künstlerin Eve McClure, die ihm einen Fanbrief geschrieben hatte; sie trennten sich im April 1961. 1963 verließ Miller Big Sur und mietete ein Haus in Pacific Palisades, das er später kaufte. 1967 heiratete er die japanische Nachtklubsängerin Hiroko Tokuda, der die Ausweisung drohte; drei Jahre später trennten sie sich, geschieden wurde die Ehe 1977. Insgesamt war Miller fünfmal verheiratet.
In seinen späten Jahren wurde er vor allem als Sprecher und Denker bewundert. Er kritisierte den leeren Materialismus der modernen Existenz und forderte eine neue Religion des Körpers und des Geistes, gestützt auf Gedanken von Friedrich Nietzsche, Walt Whitman und D. H. Lawrence. 1957 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt. Er interessierte sich für Erziehungsfragen und unterstützte A. S. Neills Schule Summerhill finanziell. Zuletzt lebte er allein und widmete sich der Aquarellmalerei, ohne sich selbst für einen Künstler zu halten. Er starb am 7. Juni 1980; auch hier gehen die Angaben auseinander: Wikidata nennt Pacific Palisades, die Deutsche Nationalbibliothek Los Angeles.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Millers Bücher ist, dass er das eigene Leben zum Stoff machte. Wendekreis des Steinbocks speist sich aus seinen Jahren als Personalleiter bei der Telegrafengesellschaft, Stille Tage in Clichy aus der Pariser Zeit als Korrektor, und die drei Bände der Folge The Rosy Crucifixion greifen frühere Erlebnisse und Abenteuer auf. Auch Moloch schildert, nur leicht verfremdet, Menschen aus dem New Yorker Freundeskreis von Henry und June.
Seinen eigenen Ton fand Miller erst in Paris. Dort fühlte er sich den unkonventionellen Künstlern nahe, und diese Nähe half ihm, einen eigenen schriftstellerischen Stil zu entwickeln. Entscheidende inhaltliche Anstöße kamen von Anaïs Nin, deren psychologisches Einfühlungsvermögen ihm den Weg zu sich selbst wies.
Schon der erste, misslungene Versuch zeigt eine Neigung, die blieb: In Clipped Wings schrieb er über sanfte Seelen, die beleidigt und verletzt werden, über Geschichten voller Leid und Bitterkeit. Die Offenheit, mit der er später über Sexualität schrieb, machte seine Bücher in Großbritannien und den USA lange unverkäuflich. Der Verleger von Wendekreis des Krebses untersagte den Export dorthin von vornherein. Dahinter stand eine Haltung: Miller wandte sich gegen den leeren Materialismus des modernen Lebens und verlangte eine neue Religion des Körpers und des Geistes. Nietzsche, Whitman und D. H. Lawrence waren dafür seine Bezugspunkte.
Rezeption↑
Verboten oder verbietbar zu sein prägte die Wirkung von Millers Büchern über Jahrzehnte. Wendekreis des Krebses konnte 1934 nur in Paris erscheinen, und selbst dort wagte der Verleger den Druck erst, nachdem Anaïs Nin eine Bürgschaft über 5000 Dollar geleistet hatte. Auf seinem französischen Konto lag 1944 ein beträchtliches Guthaben, das er wegen der Devisenbeschränkungen jedoch kaum nach Amerika bringen konnte.
In seinen späteren Jahren galt Miller weniger als Romancier denn als Sprecher und Denker. In dieser Rolle wurde er bewundert. 1957 wählte ihn die American Academy of Arts and Letters zu ihrem Mitglied. In Deutschland betreute der Rowohlt Verlag sein Werk; dort lernte er die Übersetzerin und Lektorin Renate Gerhardt kennen, die ihn auf Lesereisen begleitete und die er später über Jahre finanziell unterstützte.
Ein Teil seines Werks erschien erst nach seinem Tod. Moloch und Crazy Cock, zu Lebzeiten ohne Verleger geblieben, kamen posthum heraus. Umstritten blieb Opus Pistorum von 1983: Die meisten Kritiker bezweifeln, dass dieses rein pornografische Buch tatsächlich von Miller stammt. Die Deutsche Biographie führt ihn unter zahlreichen Namensformen, darunter das Pseudonym Phineas Flapdoodle, und verweist unter seinen Verbindungen namentlich auf Anaïs Nin.
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