1740 – 1795
Carl Michael Bellman
Kurzbiografie↑
Als Nationaldichter Schwedens gilt Carl Michael Bellman (1740–1795) den Schweden bis heute – geehrt als „schwedischer Anakreon“ und als „Troubadour des Nordens“. Er war Dichter, Musiker und Unterhalter in einer Person und verband seine Verse untrennbar mit Melodien, die er sich auf der Cister begleitete. Seine beiden Liedersammlungen Fredmans epistlar und Fredmans sånger schildern kleine Dramen aus der Lebenswelt der Stockholmer Unterschicht, bevölkert von Trinkern, Musikern und einer Nymphe namens Ulla Winblad. Sein Werk wird seit zwei Jahrhunderten gepflegt und ist lebendig geblieben.
Biografie↑
Geboren wurde Carl Michael Bellman 1740 in Stockholm als erstes Kind des Sekretärs in der Schlosskanzlei Johan Arendt Bellman und der Catharina Hermonia, einer Pfarrerstochter. Die Quellen benennen den Geburtsort unterschiedlich genau: Die Deutsche Biographie führt schlicht Stockholm, während Wikidata die Kirchengemeinde Maria Magdalena angibt – gemeint ist dasselbe Stadtviertel Mariaberget auf der Insel Södermalm, wo er im Haus seiner Urgroßmutter zur Welt kam. Sein Großvater war ein Sohn eines Einwanderers aus der Gegend um Bremen und hatte an der Universität Uppsala lateinische Rhetorik gelehrt. Auf Carl Michael folgten noch vierzehn Geschwister, von denen sieben früh starben.
In wohlhabenden Verhältnissen wuchs Bellman auf und erhielt durch Privatunterricht eine sorgfältige, königstreue und religiöse Erziehung. Sein Studium in Uppsala brach er jedoch – sehr zum Leidwesen des Vaters – schon nach einem Semester ab, um sich ganz seinen künstlerischen Talenten zu widmen. Mit Geld konnte er zeitlebens nicht umgehen. 1759 erhielt er eine unvergütete Anstellung bei der Reichsbank, lebte aber über seine Verhältnisse, besuchte Kneipen und Gesellschaften und nahm hohe Kredite auf. Bis 1763 waren seine Schulden auf 18.000 Reichstaler angewachsen, sodass er vor seinen Gläubigern kurzzeitig nach Norwegen fliehen musste. Mit einem königlichen Geleitbrief kehrte er zurück, verlor jedoch seine Stelle. Anfang 1764 meldete er Konkurs an. Danach fand er nacheinander Anstellungen im Manufakturkontor und in der Kanzlei der Königlichen Generalzolldirektion.
Zum Wendepunkt wurde das Jahr 1772: König Gustav III., ein großer Förderer der schönen Künste, wurde durch das huldigende Trinklied Gustafs Skål auf Bellman aufmerksam. Der König unterstützte ihn aus seiner Privatschatulle und sorgte 1776 dafür, dass Bellman den Titel eines Hofsekretärs und ein Jahresgehalt von 1000 Talern bei der Königlichen Lotterie erhielt. Diese Sicherheit ermöglichte ihm am 19. Dezember 1777 die Heirat mit Lovisa Frederica Grönlund, der Tochter eines Gewürzhändlers, die ihm vier Söhne schenkte. Einer der Söhne starb als Kleinkind an den Pocken.
Bellman besaß ein erstaunliches Talent, aus dem Stegreif zu dichten; schon als Vierzehnjähriger soll er im Fieberwahn in Versen gesprochen haben. Als Sänger, Instrumenten-Imitator und humorvoller Conférencier wurde er einer der beliebtesten Unterhalter des reichen Stockholm. Seine Lieder, oft Schöpfungen des Augenblicks, überarbeitete er später und verflocht sie eng mit Musik. Sie verbreiteten sich rasch wie Gassenhauer. Dank einer neuen Drucktechnik für den Notensatz konnte er endlich sein Hauptwerk veröffentlichen: 1790 erschienen die Fredmans epistlar mit einem Vorwort des angesehenen Dichters Johan Henrik Kellgren, wofür Bellman 1793 die Lundblad-Preismedaille der Schwedischen Akademie erhielt. 1791 folgten die Fredmans sånger.
Nach der Ermordung Gustavs III. im Jahr 1792 verlor Bellman seinen finanziellen Rückhalt. Von seinen Gläubigern mit Prozessen verfolgt, kam er 1794 wegen einer Bagatelle für zwei Monate ins Schuldgefängnis. Dort verschlimmerte sich seine Lungentuberkulose, an der er 1795 starb. Auch beim Sterbeort weichen die Quellen in der Genauigkeit voneinander ab: Die Deutsche Biographie nennt Stockholm, Wikidata die Klara-Kirchengemeinde – dort, auf dem Clara-Kirchhof, wurde er begraben; sein Grab ist nicht mehr auffindbar. Seine Witwe überlebte ihn um mehr als fünfzig Jahre und starb 1847 im Alter von 91 Jahren.
Literarische Merkmale↑
Sein Debüt gab Bellman 1757 mit einer Übersetzung religiöser Todesgedanken ins Schwedische. Es folgten weitere religiöse, aber auch satirische Schriften wie Tankar om flickors ostadighet (Gedanken über die Unbeständigkeit der Mädchen, 1758) und die Verssatire Månan (Der Mond, 1760). Seine übrigen Werke – patriotische Lyrik, Satiren, Schauspiele, Gelegenheitsdichtung und Übersetzungen – treten hinter den beiden großen Liedersammlungen zurück.
Die Fredmans epistlar umfassen 82 Lieder, die Fredmans sånger 65. Ursprünglich wollte Bellman alles in einem einzigen Liederbuch vereinen; erst die noch unausgereifte Notendrucktechnik zwang ihn zur Teilung. Der Name der Episteln knüpft an die Briefe des Apostels Paulus an, doch aus Rücksicht auf bigotte Zeitgenossen enthalten sie keine Bibelparodien. Stattdessen bezieht sich Bellman häufig auf mythologische Gestalten der Antike – auf den Weingott Bacchus, die Göttin Venus und ihr nordisches Pendant Fröja oder den Fährmann Charon.
Die Texte schildern kleine Dramen aus der Lebenswelt der Unterschicht mit einem festen Kreis von Figuren, in die Bellman eigene Stärken und Schwächen projizierte. Sein Sprachrohr ist der versoffene Uhrmacher Fredman, dem Werkstatt und Geschäft abhandengekommen sind. Der Musiker Movitz, ebenfalls an Tuberkulose leidend, wird ab der 27. Epistel zu Bellmans Alter Ego; mehrfach unterschrieb er Briefe sogar mit „Movitz“. Die weibliche Hauptperson ist Ulla Winblad, eine poetisch erhöhte, aber reale Person aus dem Stockholm des 18. Jahrhunderts. An ihr und ihren Freundinnen übte Bellman Kritik an der Doppelmoral und der Unterdrückung der Frauen seiner Zeit.
Kunstvoll und vielfältig ist die Versform seiner Lieder. Ihr Inhalt schwankt zwischen lyrisch-emotional und derb, zwischen fröhlicher Geselligkeit und unerwarteten Klagen über die Vergänglichkeit von Schönheit und Liebe. Einige Episteln lesen sich wie ein dramatisches Memento mori, andere behandeln den Tod augenzwinkernd. Diese Mischung aus überbordender Lebensfreude und düsterer Todesahnung wirkt zeitlos, verstärkt durch die innige Verbindung von Wort und Musik. Für die Vertonung griff Bellman auf populäre Kammermusik, Opern und Singspiele zurück – etwa auf Johann Gottlieb Naumann und auf Jean-Jacques Rousseau – sowie auf Volkslieder aus Frankreich, Deutschland und Skandinavien; für etwa ein Drittel der Melodien fanden Forscher bis heute keine Quelle, sodass es sich um eigene Kompositionen handeln könnte.
Rezeption↑
Bekannt und beliebt sind Bellmans Lieder bis heute vor allem in Schweden und im übrigen Skandinavien. Schon 1824 wurde in Stockholm eine erste Bellman-Gesellschaft gegründet; die heutige Bellmanssällskapet von 1919 hat sich durch die große Werkausgabe verdient gemacht. Vorbild solcher Gründungen war der von Bellman erfundene „Orden des Bacchus“, dem seine Figuren als Ritter angehörten. Daneben war er Mitbegründer des realen Ordens Par Bricole, der die Förderung von Lyrik und Musik zum Ziel hat und in Schweden bis heute wirkt. Am 26. Juli 1829 wurde im Stockholmer Djurgården eine Bronzebüste enthüllt; seither wird dieser Tag als Bellman-Tag gefeiert.
Viele schwedische Dichter knüpften an seine Liederdichtung an – Gunnar Wennerberg, Birger Sjöberg, Dan Andersson und Evert Taube, der ihm mit der Balladen om Bellman huldigte. Auf ihn geht auch eine schwedische Tradition moderner Troubadoure zurück, zu deren Vertretern Fred Åkerström und Cornelis Vreeswijk zählen.
Außerhalb Skandinaviens fand sein Werk weit weniger Beachtung, was vor allem an der Schwierigkeit lag, seine Doppelbödigkeit, seine Anspielungen und die komplizierten Versstrukturen singbar zu übersetzen. Die stärkste Resonanz gab es in Deutschland. Ernst Moritz Arndt pries Bellman schon 1810 als bedeutenden europäischen Lyriker. 1856 erschien die erste deutsche Übersetzung von Adolf von Winterfeld, 1909 folgte die der Episteln durch Felix Niedner, dazu das Bellman Brevier von Hanns von Gumppenberg. Bis heute entstanden mehr als dreißig Übersetzungen; zu den meistgelesenen modernen Übertragern zählen Klaus-Rüdiger Utschick, Fritz Graßhoff sowie H. C. Artmann und Michael Korth. Eine der bekanntesten, teils sehr freien Nachdichtungen stammt von Carl Zuckmayer, der 1938 auch das Theaterstück Ulla Winblad herausbrachte. In der DDR wurde Bellman durch Nachdichtungen von Peter Hacks, Heinz Kahlau, Hartmut Lange und Hubert Witt sowie durch eine Platte von Manfred Krug bekannt. Gesungen wurden seine Lieder von zahlreichen deutschen Künstlern, unter anderem von Manfred Krug, Harald Juhnke, Dieter Süverkrüp und Hannes Wader; die Zusammenarbeit des Kabarettisten Gerhard Polt mit dem Ensemble Mehlprimeln machte Bellman besonders im süddeutschen Raum bekannt.
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