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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Saul Bellow
Saul Bellow
1915 – 2005
– Autorenporträt –

Saul Bellow

1915 – 2005 · 89 Jahre

Saul Bellow gilt als Chronist des jüdisch-amerikanischen Intellektuellen in den Großstädten New York und Chicago und wurde 1976 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Kurzbiografie↑

Als einer der bedeutendsten Vertreter der jüdisch-amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt Saul Bellow, der 1915 im kanadischen Lachine geboren wurde und 2005 in Brookline, Massachusetts, starb. Seine Romane, Erzählungen und Essays brachten ihm zahlreiche Auszeichnungen ein, darunter 1976 den Nobelpreis für Literatur. Im Mittelpunkt seines Werks steht meist der männliche jüdische Intellektuelle, der in den Großstädten New York und Chicago nach einem Sinn für sein Leben sucht. Neben Bernard Malamud und Philip Roth zählt Bellow zu den prägenden Stimmen dieser Literatur.


Biografie↑

Geboren wurde Bellow 1915 als Solomon Bellows in Lachine, einem Vorort von Montreal. Seine Eltern gehörten einer jüdischen Immigrantenfamilie aus Sankt Petersburg an, die 1913 nach Kanada ausgewandert war. Die ersten neun Lebensjahre verbrachte er in einem vielsprachigen Armenviertel Montreals, in dem viele jüdische Einwanderer aus Ost- und Südeuropa lebten. Neben Englisch und Französisch lernte er Hebräisch und Jiddisch, das er auch zu Hause sprach. Er wurde orthodox erzogen und sollte nach dem Wunsch seiner Mutter talmudischer Schriftgelehrter werden.

1924 zog die Familie nach Chicago. Diese Stadt sah Bellow fortan als seine Heimat an und machte sie zum Schauplatz vieler seiner Werke. Das östlich-jüdisch geprägte Großstadtmilieu, in dem er aufwuchs, beeinflusste sein Schaffen zeitlebens. 1934 begann er an der University of Chicago sein Studium und setzte es ab 1935 an der Northwestern University fort. Dort erhielt er 1937 seinen Bachelor in Sozialanthropologie und Soziologie. Anschließend arbeitete er an der University of Wisconsin. Er heiratete die Soziologin Anita Goshkin, arbeitete als Journalist und später als Universitätsprofessor für Literatur. Kurzzeitig war er auch Mitarbeiter der Encyclopædia Britannica, außerdem gehörte er dem internationalen Salzburg Seminar an.

Aufmerksamkeit erregte bereits sein früher existenzialistischer Tagebuchroman Dangling Man, der 1944 erschien. Er erzählt von einem jungen Mann, der seine Arbeit in einem Reisebüro aufgegeben hat, um sich für seine Einberufung bereitzuhalten. Dieser Wartezustand macht ihn zum „Mann in der Schwebe“, der ohne Ziel die Auflösung seiner Identität erlebt. Diese Grundbefindlichkeit wurde für viele der späteren Hauptgestalten in Bellows Erzählwerk kennzeichnend. Zugleich löste sich der Roman von dem in den 1940er Jahren vorherrschenden Vorbild des Hemingwayschen Helden.

Der literarische Durchbruch gelang Bellow 1953 mit dem pikaresken Roman The Adventures of Augie March, dessen lebenshungriger Held sich deutlich von den passiveren, zweifelnden Figuren der früheren Werke abhebt. Noch im selben Jahrzehnt folgten Seize the Day (1956) und Henderson the Rain King (1959), die ihn zunehmend auch international bekannt machten. Während The Adventures of Augie March in lockerer Folge von Episoden mehr als drei Jahrzehnte umfasst, spielt der straff gebaute Kurzroman Seize the Day an einem einzigen Tag, an dem der 44-jährige Held mit seinem bisherigen Leben abrechnet. Der Ich-Erzähler in Henderson the Rain King ist ein mehrfacher Millionär, der auf einer Afrikareise nach neuem Lebenssinn sucht und dabei tragikomische und groteske Abenteuer erlebt.

Einen großen kommerziellen Erfolg brachte 1964 der tragikomische Roman Herzog, den viele Kritiker für sein künstlerisch gelungenstes Werk halten. Darin setzte sich Bellow mit Philosophen wie Spinoza, Nietzsche und Heidegger auseinander und verband einen europäischen mit einem amerikanischen Blickpunkt. Die Titelfigur Moses Herzog ist ein angesehener jüdischer Intellektueller und Universitätsprofessor, der nach dem Scheitern seiner Ehe vor einem psychischen Zusammenbruch steht. Um wieder mit sich ins Reine zu kommen, schreibt er zahllose Briefe an Freunde, Verwandte und berühmte Persönlichkeiten der Gegenwart und Vergangenheit. Am Ende entscheidet er sich gegen einen modischen Nihilismus. Mit diesem Roman erschloss sich Bellow auch die Leserschaft in Deutschland.

Kurz vor dem Nobelpreis wurde er für den Roman Humboldts Vermächtnis mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Bellow war fünfmal verheiratet, unter anderem mit der Mathematikerin Alexandra Bellow. Er hinterließ drei Söhne und eine zum Zeitpunkt seines Todes fünfjährige Tochter. Er starb 2005 in Brookline, Massachusetts.


Literarische Merkmale↑

Das Hauptthema in Bellows Werken ist die Lage des männlichen, jüdischen Intellektuellen in den USA, der ohne religiöse Bindung seinen Weg im Kampf des Lebens sucht und dabei besonders im Kampf der Geschlechter verwirrt ist. Die Schauplätze seiner Romane sind vor allem New York und Chicago. Seine eigene Erfahrung als Angehöriger einer Minderheit machte ihn empfindlich für soziale Gegensätze; zugleich war er ein wacher Beobachter kultureller Strömungen und Veränderungen.

Kennzeichnend ist die innere Entfremdung und Isolierung seiner Hauptfiguren, die zwischen Wollen und Vermögen, zwischen Anforderung und Wirklichkeit zerrissen sind. Diese Zerrissenheit prägt schon seinen Erstlingsroman und kehrt in den späteren Werken wieder. Sein Personal reicht vom passiven, grüblerischen Zweifler bis zum lebenshungrigen Draufgänger. In den späteren Jahren wandeln sich die Protagonisten zu aktiven Gestalten, die ihr Los meistern und auf ihre Umwelt einwirken. Immer wieder verbindet Bellow das Erzählen mit einer geistigen Bestandsaufnahme seiner Zeit und lässt seine Figuren mit Philosophen und Wissenschaftlern verschiedener Epochen ringen.


Rezeption↑

Anerkennung fand Bellow vor allem in der Kritik und mit zahlreichen Preisen. 1976 erhielt er den Nobelpreis für Literatur „für das menschliche Verständnis und die subtile Kulturanalyse, die in seinem Werk vereinigt sind“. Kurz zuvor war er für Humboldts Vermächtnis mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet worden. Der Autor Philip Roth urteilte, Bellow habe gemeinsam mit William Faulkner „das Rückgrat der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ gebildet.

Trotz des Nobelpreises und vieler weiterer Auszeichnungen erlangte Bellow beim breiten Lesepublikum nicht dieselbe Anerkennung wie andere bedeutende amerikanische Autoren des 20. Jahrhunderts, etwa William Faulkner, F. Scott Fitzgerald oder vor allem Ernest Hemingway. Kritisch wird seine elitäre Haltung gesehen sowie seine Gleichgültigkeit gegenüber Kultur und Sprache nicht-europäischer Zuwanderer in die USA. Er unterstützte zeitweise die umstrittene, konservative bis rechtsstehende U.S. English Foundation, von der er sich 1988 zurückzog. Im selben Jahr sorgte ein Zitat aus einem Interview für Aufsehen, in dem er sagte, er kenne den „Tolstoi der Zulus, den Proust der Papuas“ nicht.

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