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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Lucy Maud Montgomery
Eingang · Autoren · Lucy Maud Montgomery
Porträt Lucy Maud Montgomery
Lucy Maud Montgomery
1874 – 1942
– Autorenporträt –

Lucy Maud Montgomery

1874 – 1942 · 67 Jahre

Kanadische Erzählerin, die mit „Anne auf Green Gables“ 1908 einen Welterfolg schuf – und deren Heldinnen sich nie den Konventionen ihrer Zeit beugten.

Kurzbiografie↑

Kanada hat mit Lucy Maud Montgomery eine Erzählerin hervorgebracht, deren Bücher weit über ihre Heimatinsel hinaus gelesen wurden. Sie kam 1874 in Clifton auf Prince Edward Island zur Welt und starb 1942 in Toronto. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie 23 Romane, einen Gedichtband sowie einen Essay über tapfere Frauen; dazu kamen rund 450 Gedichte und 500 Kurzgeschichten. Ihren Ruhm begründete die Reihe um das rothaarige Waisenmädchen Anne, die 1908 mit Anne auf Green Gables begann und rasch zum internationalen Erfolg wurde. Ihre Heldinnen sind starke, unabhängige Mädchen und Frauen, die nach Bildung streben und sich den Konventionen ihrer Zeit nicht beugen.


Biografie↑

Geboren wurde Lucy Maud Montgomery 1874 in Clifton, dem heutigen New London, auf Prince Edward Island. Ihre Mutter Clara Woolner Macneill Montgomery starb an Tuberkulose, als das Kind 21 Monate alt war. Der Vater verließ daraufhin die Insel und siedelte wahrscheinlich in den Westen Kanadas um. Das Mädchen wuchs bei den Großeltern mütterlicherseits in Cavendish auf.

Früh fand sie Zugang zur Literatur und las unter anderem Robert Burns, Walter Scott, John Bunyan und Louisa May Alcott. 1883 begann sie, Tagebuch zu führen und erste Gedichte zu schreiben. 1890 zog sie zu ihrem Vater und dessen zweiter Frau nach Prince Albert in Saskatchewan, kehrte aber schon nach einem Jahr zu den Großeltern zurück. Im selben Jahr erschien ihr erstes Gedicht: Der Daily Patriot in Charlottetown druckte den Text On Cape Le Force. 1891 musste sie fast zwei Monate lang die Schule verlassen, um der Stiefmutter im Haushalt zu helfen. Trotzdem gelangen ihr in diesem Jahr drei weitere Veröffentlichungen in Zeitungen. 1892 schloss sie die Schule ab.

Im Jahr 1893 besuchte sie das Prince of Wales College in Charlottetown. Den Eingangstest bestand sie als Fünftbeste von 264 Studenten. Den eigentlich zweijährigen Studiengang absolvierte sie in nur einem Jahr und wurde Jahrgangsbeste in Englischer Literatur, Englischen Dramen und Schulmanagement. Danach unterrichtete sie in Bideford an einer Zwergschule. Nebenher veröffentlichte sie Kurzgeschichten und Gedichte in Zeitschriften, teils unter den Pseudonymen „Maud Cavendish“ und „Maud Eglinton“. 1895 und 1896 studierte sie Literatur an der Dalhousie University in Halifax, anschließend unterrichtete sie in Belmont.

Dort begann eine heimliche Beziehung zu Edwin Simpson, einem Theologiestudenten und entfernten Cousin. 1897 wechselte Montgomery an die Schule in Lower Bedeque und verliebte sich in den jungen Bauern Herman Leard; die Verbindung zu Simpson beendete sie. Als im März 1898 ihr Großvater starb, kehrte sie zu ihrer Großmutter nach Cavendish zurück und blieb dort dreizehn Jahre, unterbrochen nur durch neun Monate 1901/1902. Herman Leard starb 1899 überraschend, ein Jahr darauf auch ihr Vater im Alter von 58 Jahren. In Halifax arbeitete sie 1901 und 1902 kurzzeitig für die Zeitungen Chronicle und Echo. Damals begann ihre lebenslange Brieffreundschaft mit Ephraim Weber aus Alberta, ein Jahr später die Korrespondenz mit dem Schotten George Boyd MacMillan.

Ab 1906 verband sie eine heimliche Beziehung mit dem presbyterianischen Pfarrer Edward (Ewan) Mcdonald, der seit 1903 in Cavendish tätig war. Während er für ein Jahr nach Glasgow ging, arbeitete Montgomery an der Veröffentlichung ihres ersten Buches. Vier Verlage lehnten das Manuskript ab. 1907 nahm es der Verlag L.C. Page in Boston an; vereinbart wurden neun Cent Honorar pro verkauftem Exemplar und eine Fortsetzung.

Im Juni 1908 erschien Anne auf Green Gables. In den ersten fünf Monaten wurden 19.000 Exemplare verkauft, innerhalb von fünf Jahren kam das Buch 32-mal neu heraus. Montgomery erhielt Hunderte begeisterter Leserbriefe, darunter einen von Mark Twain. Schon 1909 erschien eine schwedische Übersetzung, die erste von vielen. Im selben Jahr veröffentlichte der Verlag die Fortsetzung Anne in Avonlea. 1910 folgte Kilmeny of the Orchard. Im September jenes Jahres wurde sie auf dessen Wunsch dem Generalgouverneur von Kanada, Albert Grey, 4. Earl Grey, und dessen Frau vorgestellt und überreichte den beiden signierte Bücher.

Im März 1911 starb die Großmutter, im Mai erschien The Story Girl. Am 5. Juli 1911 heiratete Montgomery Ewan Mcdonald. Nach einer dreimonatigen Hochzeitsreise durch England und Schottland zog das Paar nach Ontario, wo Mcdonald eine Pfarrstelle in Leaskdale antrat, dem heutigen Uxbridge. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor: Chester, Hugh Alexander und Ewan Stuart. Der mittlere Sohn kam 1914 tot zur Welt. Wahrscheinlich verarbeitete Montgomery dieses Erlebnis 1917 in Anne's House of Dreams, wo Annes erstes Kind wenige Stunden nach der Geburt stirbt.

Nach mehreren Unstimmigkeiten wechselte sie 1916 vom Bostoner Verlag L.C. Page zu McClelland, Goodchild and Stewart in Toronto. 1917 erschienen der vierte Band der Anne-Reihe und ihre Autobiografie The Alpine Path, die als Fortsetzungsdruck im Magazin Toronto Everywoman's World erschien. 1918 erkrankte sie an der Spanischen Grippe. Im selben Jahr klagte sie gegen L.C. Page: wegen zu niedriger Zahlungen, wegen unerlaubten Verkaufs von Nachdruckrechten und wegen der geplanten Veröffentlichung von Further Chronicles of Avonlea ohne ihre Erlaubnis. Ein Jahr später gewann sie den Prozess, der Verlag musste ihr rund 20.000 US-Dollar zahlen. Von den gleichzeitig laufenden Verhandlungen über die Filmrechte wusste sie nichts; im Vertrag waren sie nicht erwähnt worden, weil der Erfolg bei Vertragsabschluss nicht absehbar gewesen war. Der Stummfilm hatte am 23. November 1919 Premiere. L.C. Page erhielt 40.000 US-Dollar, Montgomery ging leer aus. Mit der Verfilmung war sie unzufrieden: Die Anne des Films fand sie zu „zuckersüß“, und sie ärgerte sich über den Drehort Neuengland und die amerikanische Flagge. Als der Verlag 1920 Further Chronicles of Avonlea gegen ihren Willen herausbrachte, klagte sie erneut. Der Fall ging durch mehrere Instanzen und wurde nach neun Jahren Prozessdauer vom Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten zu ihren Gunsten entschieden.

Mit Rilla in Ingleside erschien 1921 ein weiterer Band der Anne-Reihe, in dem nun Annes Kinder in den Vordergrund rückten. 1922 begann Montgomery eine neue Reihe; Emily of New Moon erschien 1923, Emily Climbs 1925 und Emily's Quest 1927. Als erste Kanadierin wurde sie in die Royal Society of Arts aufgenommen. Ihr Mann kämpfte seit 1919 mit Depressionen und erlitt 1925 einen Rückfall. 1926 zog die Familie nach Norval, dem heutigen Halton Hills in Ontario. Im selben Jahr veröffentlichte sie The Blue Castle, eine Liebesgeschichte für erwachsene Leser und ihren einzigen Roman, der nicht auf Prince Edward Island spielt, sondern im nördlichen Ontario. 1929 folgte Magic for Marigold und danach eine Lesereise durch den Westen Kanadas, auf der sie erstmals ihrem Brieffreund Ephraim Weber begegnete. 1931 war sie zum ersten Mal im Radio zu hören und trug eigene Gedichte vor.

Das Jahr 1934 brachte einen schweren Einschnitt. Ewan Mcdonald erlitt einen weiteren Zusammenbruch und verbrachte Monate in einer psychiatrischen Klinik. Montgomery, gerade zum ersten Mal Großmutter geworden, litt zunehmend unter gesundheitlichen Problemen und erlitt selbst einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch, von dem sie sich sechs Wochen lang erholen musste. Gemeinsam mit Marian Keith und Mabel Burns McKinley arbeitete sie an Courageous Women, einem Buch über mutige Frauen. Eine weitere Verfilmung ihres ersten Romans kam in die Kinos, wieder ohne Anteil für die Autorin. 1935 zog sich ihr Mann zurück, das Paar ließ sich im Haus „Journey's End“ im Westen Torontos nieder. Im selben Jahr wurde Montgomery mit dem Order of the British Empire ausgezeichnet. Auf Wunsch des Verlages kehrte sie 1936 mit Anne of Windy Poplars zur Anne-Reihe zurück; das Buch füllt die Lücke zwischen Annes Collegezeit und ihrer Heirat.

Ab 1937 ging es ihr psychisch zunehmend schlechter, 1938 erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Die Arbeit am letzten Band der Anne-Reihe kam nur mühsam voran. 1939 besuchte sie ein letztes Mal Prince Edward Island, im selben Jahr erschien Anne of Ingleside. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verschlimmerte ihre Depression. 1940 arbeitete sie trotz ihrer Beschwerden an weiteren Anne-Geschichten; der geplante Band sollte The Blythes are Quoted heißen und erschien erst 1974 unter dem Titel The Road to Yesterday. In ihren letzten Briefen an George Boyd MacMillan sprach sie von ihren Sorgen über den Krieg, über den geistigen Verfall ihres Mannes und über die Zukunft der erwachsenen Söhne. Am 24. April 1942 starb sie in ihrem Haus in Toronto. Beigesetzt wurde sie auf dem Cavendish Community Cemetery.


Literarische Merkmale↑

Erzählt wird bei Montgomery aus der Welt von Mädchen und jungen Frauen, die sich gegen die Erwartungen ihrer Umgebung behaupten. Ihre Heldinnen sind eigenständig, streben nach höherer Bildung und setzen ihre Wünsche in Bezug auf Beruf, Studium und Heirat durch. Ähnliche Stoffe hatten vor ihr bereits Autorinnen wie Jean Webster oder Louisa May Alcott behandelt.

Fast alle ihre Romane spielen auf Prince Edward Island; nur The Blue Castle ist im nördlichen Ontario angesiedelt. Montgomery arbeitete gern in Reihen: Um die Figur Anne entstand über drei Jahrzehnte hinweg ein ganzer Zyklus, dessen Bände sie nicht in der Reihenfolge der Handlung schrieb, sondern teils nachträglich in zeitliche Lücken einfügte. Neben den Romanen schrieb sie Gedichte und Kurzgeschichten in großer Zahl sowie ein Tagebuch, das über 5000 Seiten umfasst.


Rezeption↑

Der Erfolg stellte sich sofort ein. Von Anne auf Green Gables wurden in den ersten fünf Monaten 19.000 Exemplare verkauft, und binnen fünf Jahren erschien das Buch in 32 Auflagen; bis 1926 legte der Verlag L.C. Page es zum 59. Mal neu auf. Bereits 1909 kam die schwedische Übersetzung heraus, der viele weitere folgten. Montgomery erhielt Hunderte von Leserbriefen, darunter einen von Mark Twain.

Auch offizielle Anerkennung blieb nicht aus. Als erste Kanadierin wurde sie in die Royal Society of Arts aufgenommen. 1935 erhielt sie den Order of the British Empire. Ein Jahr nach ihrem Tod erklärte die kanadische Regierung sie zur „Person von nationaler historischer Bedeutung“. Schon 1936 war ein Teil von Cavendish zum National Green Gables Park bestimmt worden.

Die frühen Verfilmungen brachten ihr weder Geld noch Freude. Am Stummfilm von 1919 wie an der Fassung von 1934 war sie finanziell nicht beteiligt. Mit der Umsetzung war sie unzufrieden und erklärte, sie hätte den Film nicht als Verfilmung ihrer Romane erkannt, wenn sie es nicht gewusst hätte. Ihre Wohn- und Wirkungsorte werden bis heute in Erinnerung gehalten: Das Haus in Leaskdale beherbergt das Lucy Maud Montgomery Leaskdale Manse Museum, in Norval erinnert der Lucy Maud Montgomery Memorial Garden an sie.

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