1915 – 1983
Ross Macdonald
Kurzbiografie↑
Unter dem Namen Ross Macdonald schrieb der amerikanische Autor Kenneth Millar (1915–1983) Kriminalromane, die weit über die üblichen Muster des Genres hinausreichten. Sein Detektiv Lew Archer löst Fälle, deren Wurzeln meist Jahrzehnte zurückliegen: Familiengeheimnisse, gestrauchelte Kinder und die Schuld ihrer Eltern. Macdonald gehört neben Dashiell Hammett und Raymond Chandler zu den wichtigsten Vertretern der harten Schule des amerikanischen Detektivromans. In dreißig Jahren schrieb er vierundzwanzig Romane; der letzte, The Blue Hammer, erschien 1976. Bei seinem Tod galt er als Amerikas bekanntester Krimi-Autor.
Biografie↑
Kenneth Millar kam am 13. Dezember 1915 in Los Gatos in Kalifornien zur Welt. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er jedoch bei den Eltern in Kanada. Nach deren Trennung wuchs er teils bei Verwandten, teils in Internaten auf. Er besuchte die Kitchener-Waterloo Collegiate and Vocational School. In den 1930er Jahren studierte er in Ontario, Toronto und Michigan. Zwischendurch unterbrach er das Studium und reiste durch Europa.
Nach der Rückkehr heiratete er 1938 Margaret Sturm. Sie wurde später als Schriftstellerin Margaret Millar bekannt. Millar unterrichtete zunächst Englisch und Geschichte an privaten Schulen, später an der University of Michigan. Von 1944 bis 1946 leistete er seinen Militärdienst in der US Navy Reserve. Am Ende der Dienstzeit war er in Kalifornien stationiert und ließ sich dort mit seiner Familie nieder.
Seine ersten Romane veröffentlichte er unter dem eigenen Namen: The Dark Tunnel erschien 1944, es folgten Trouble Follows Me, Blue City und The Three Roads. Mit The Moving Target trat 1949 der Privatdetektiv Lew Archer erstmals auf. Anfangs nannte der Autor sich John Macdonald, dann John Ross Macdonald. Schließlich wechselte er zu Ross Macdonald, um Verwechslungen mit dem Krimi-Autor John D. MacDonald zu vermeiden. An der University of Michigan war er als Dozent tätig und machte dort 1951 seinen Abschluss.
Zwischen den beiden schreibenden Eheleuten kam es wegen der schriftstellerischen Konkurrenz zu Spannungen. Darunter litt die Tochter Linda, die in Alkohol- und Tablettenabhängigkeit geriet und 1970 im Alter von 31 Jahren an den Folgen eines Kreislaufzusammenbruchs starb. Ende der fünfziger Jahre begab Macdonald sich in psychoanalytische Behandlung.
In den folgenden Jahrzehnten entstand Band für Band die Reihe um Lew Archer. Dazu gehören The Galton Case (1959), The Zebra Striped Hearse (1962), The Chill (1964) und The Far Side of the Dollar (1965). Später kamen unter anderem The Goodbye Look (1969), The Underground Man (1971) und Sleeping Beauty (1973) hinzu. Nicht alle Bücher gehören zur Reihe: Meet Me at the Morgue erschien 1953 unter dem Namen John Ross Macdonald, The Ferguson Affair 1961. Daneben veröffentlichte er Erzählungen, etwa den Band The Name is Archer von 1955. 1973 folgte die Schrift On Crime Writing, 1981 das Selbstporträt Ceaselessly Into the Past.
Macdonald galt als Vielschreiber. Innerhalb von dreißig Jahren brachte er vierundzwanzig Romane zu Papier. Sein letzter war 1976 The Blue Hammer. Am 11. Juli 1983 starb er in Santa Barbara an der Alzheimer-Krankheit.
Auf Deutsch erschienen seine Romane bei verschiedenen Verlagen. Zwischen 1954 und 1956 verlegte sie der Amsel-Verlag in Berlin, danach der Scherz Verlag und ab den sechziger Jahren auch Rowohlt. Seit 1970 liegen sie beim Diogenes Verlag. Viele Titel wurden mehrfach neu übersetzt, zuletzt in einer Reihe von Neuausgaben ab 2013.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Macdonalds Detektivromane ist ihr wiederkehrendes Grundthema: gestrauchelte Jugendliche und die Schuld ihrer Eltern. Die Handlung führt fast immer in die Vergangenheit zurück. Die kriminellen Verstrickungen sind vielfach verästelt und reichen weit in die Vergangenheit zurück; erst der Privatdetektiv Lew Archer entwirrt sie Schritt für Schritt.
Damit brachte Macdonald etwas Neues in die Gattung. Er zählt zu den ersten Krimiautoren, die Gedanken der Psychoanalyse in den Detektivroman einführten. Nicht die äußere Tat steht im Mittelpunkt, sondern was in einer Familie über Jahre hinweg verschwiegen wurde und dann doch ans Licht kommt. Sein Werk gehört zur harten Schule des amerikanischen Detektivromans, jener Richtung, für die zuvor Dashiell Hammett und Raymond Chandler standen.
Rezeption↑
Neben Hammett und Chandler gilt Ross Macdonald als einer der wichtigsten Vertreter der harten Schule des Detektivromans. Bei seinem Tod 1983 war er Amerikas bekanntester Krimi-Autor. James Ellroy nennt ihn als eines seiner Vorbilder.
Zwei Lew-Archer-Romane wurden mit Paul Newman in der Hauptrolle verfilmt: 1966 „Ein Fall für Harper“ und 1975 The Drowning Pool. Aus rechtlichen Gründen heißt der Ermittler in den Filmen Harper statt Archer. Weitere Verfilmungen folgten, darunter 1974 Familiengeheimnisse nach The Underground Man und 1986 Blue City. 1975 lief zudem eine sechsteilige Fernsehserie mit Brian Keith in der Titelrolle.
Im deutschen Sprachraum blieb Macdonald über Jahrzehnte im Programm. Seine Romane erschienen bei Amsel, Scherz, Rowohlt und seit 1970 bei Diogenes. Dass viele Titel mehrfach neu übersetzt wurden, zeigt das anhaltende Interesse: Karsten Singelmann legte ab 2013 eine Reihe von Neuübersetzungen vor, 2024 folgte Find a Victim in einer Neufassung von Thomas Stegers. 1999 erschien in New York die Biografie Ross Macdonald. A Biography von Tom Nolan.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (20 weitere Titel)