1866 – 1914
Hermann Löns
Kurzporträt↑
Als „Heidedichter“ wurde Hermann Löns schon zu Lebzeiten zum Mythos. Geboren 1866 in Culm in Westpreußen (heute Chełmno in Polen), arbeitete er sich in Hannover vom freien Mitarbeiter zum Chefredakteur empor und war ein leidenschaftlicher, findiger Journalist. Seine eigentliche Domäne aber wurde die Naturschilderung: Tiergeschichten, Heideromane und volksliedhafte Gedichte, deren Landschaftsideal die Lüneburger Heide war. Löns verstand sich als Naturdichter, verband diese Ideen jedoch mit einem immer radikaler vertretenen Nationalismus. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und fiel im September 1914 bei Loivre nahe Reims.
Biografie↑
Hermann Löns war das erste von vierzehn Kindern des aus Westfalen stammenden Gymnasiallehrers Friedrich Löns und seiner Frau Clara, geborene Cramer. Als er ein Jahr alt war, wurde der Vater nach Deutsch Krone am Rand der Tucheler Heide versetzt. Dort wuchs Löns auf, dort wurde er eingeschult und besuchte später das Gymnasium. 1884 kehrte die Familie nach Westfalen zurück, weil der Vater eine Anstellung in Münster fand. Am dortigen Gymnasium Paulinum legte Löns Mitte der 1880er Jahre das Abitur ab; die Quellen nennen dafür teils 1886, teils 1887.
Anschließend nahm er ein Studium der Medizin an der Universität Greifswald auf und trat der schlagenden Turnerschaft Cimbria bei. Weil er die Studiengebühren nicht aufbringen konnte, wechselte er nach Göttingen. Ohne das Physikum abgelegt zu haben, kehrte er nach Münster zurück und studierte dort an der Theologischen und Philosophischen Akademie Naturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Zoologie. Sein wichtigster Lehrer war laut der Neuen Deutschen Biographie der Zoologe Hermann Landois. Schon als Kind hatte Löns eine starke Neigung zur Natur entwickelt; er beschäftigte sich mit der Vogelwelt, mit Insekten und mit Weichtieren und verfasste als Malakologe einige wissenschaftliche Arbeiten. 1890 gab er das Studium vorzeitig auf. Dies und ein starker Alkoholkonsum führten zum Bruch mit seinen Eltern.
Im Kreis literarisch interessierter Freunde in Münster empfing Löns die ersten Anregungen zu eigenem Schreiben. Vorbildhaft wirkten die Programmatik des Naturalismus, die Naturnähe der Lyrik Detlev von Liliencrons und das Außenseiterleben Peter Hilles, dessen Roman Die Sozialisten für ihn zu einem entscheidenden Leseerlebnis wurde. Im Hintergrund stand das Werk der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, deren Naturlyrik als maßstabsetzend verehrt wurde.
1891 entschloss sich Löns, Journalist zu werden. Er wurde bei der Pfälzischen Presse in Kaiserslautern eingestellt, aber schon ein Jahr später entlassen, und arbeitete danach kurz bei einer Zeitung in Gera. 1892 ging er nach Hannover, wo er ansässig blieb. Er schrieb für den Hannoverschen Anzeiger und entwickelte sich vom freien Mitarbeiter zum fähigen Redakteur. Populär wurde er durch seine satirische Lokalplauderei unter dem Pseudonym „Fritz von der Leine“. Von 1902 bis 1904 gab er gemeinsam mit Richard Hamel die Hannoversche Allgemeine heraus, deren Chefredaktion er übernahm; als das Blatt aus Geldmangel einging, wechselte er zum Hannoverschen Tageblatt und schrieb dort unter dem Pseudonym „Ulenspeigel“. Wegen seiner Gewohnheit, weiße Anzüge zu tragen, galt er als Dandy. Von Hannover aus unternahm er seit 1893 Ausflüge in die Lüneburger Heide. Um 1900 begann er Gedichte zu schreiben, von denen viele vertont wurden.
Privat verlief Löns' Leben unruhig. 1893 heiratete er die Kellnerin Elisabeth Erbeck; nach fünf Fehlgeburten ließ er sich 1901 scheiden. 1902 heiratete er in Hannover seine Arbeitskollegin Lisa Hausmann, eine selbstbewusste, als Frauenrechtlerin geltende Partnerin und Tochter des Malers Gustav Hausmann. 1906 kam der Sohn Dettmer zur Welt. Nachdem seine Frau ihn 1911 verlassen hatte, zog Löns ein Jahr lang mit Stationen in Berlin, Davos, Innsbruck, Wien und weiteren Orten durch Europa. 1912 kehrte er nach Hannover zurück und lebte mit Ernestine Sassenberg zusammen.
Ende 1906 erschien der Band Mein braunes Buch, sein erster literarischer Erfolg. 1907 übernahm Löns die Chefredaktion der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung in Bückeburg. Er erhoffte sich Ruhe für seine Romanprojekte, geriet aber mit den höfischen Vorgaben seines Arbeitgebers in Konflikt und schied im Groll. Aus dieser Erfahrung entstand die bissige Satire Duodez, in der er die deutsche Kleinstaaterei verspottete. In Bückeburg verfeinerte er zugleich seine Kunst des zoologischen Tierporträts. 1909 erschien Mümmelmann, sein erfolgreichstes Tierbuch, sowie der Balladenband Mein blaues Buch und sein erster Roman, Der letzte Hansbur. Es folgten die Romane Dahinten in der Haide, Der Wehrwolf und Das zweite Gesicht. Die 1911 erschienene Lyriksammlung Der kleine Rosengarten bezeichnete er selbst als „Volkslieder“.
1909 kehrte Löns nach Hannover zurück und arbeitete als freier Schriftsteller. 1910 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und verbrachte Wochen in einem Sanatorium in Zwischenahn. Von 1898 bis 1914 hielt er sich oft zur Jagd am Westenholzer Bruch auf, wo die später nach ihm benannte „Lönshütte“ stand.
Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldete sich Löns freiwillig zum Militärdienst und wurde dem Füsilier-Regiment Nr. 73 zugeteilt. Die angebotene Aufgabe eines Kriegsberichterstatters lehnte er ab; er wollte an der Front kämpfen. Am 26. September 1914 fiel er vermutlich durch einen Herzschuss bei einem Sturmangriff nahe der Zuckerfabrik von Loivre, etwa zehn Kilometer nördlich von Reims. Erst lange nach seinem Tod wurde bekannt, dass er ein Kriegstagebuch geführt hatte, das die Grausamkeit des Krieges mit Naturschilderungen verbindet.
Der Verbleib seiner sterblichen Überreste ist bis heute ungewiss. Nach einer Darstellung wurden die Gebeine über mehrere Umbettungen in ein Massengrab in Loivre überführt; nach einer anderen fand ein Bauer sie erst 1933 beim Pflügen. Auf Anordnung Adolf Hitlers wurde ein Leichnam exhumiert und nach Deutschland überführt, ohne dass eine gerichtsmedizinische Untersuchung erfolgte. Um den Bestattungsort in der Lüneburger Heide entspann sich ein grotesker Streit, in den hohe NS-Stellen verwickelt waren; SA-Angehörige entführten 1934 den Sarg, die Reichswehr bestattete ihn schließlich 1935 im Tietlinger Wacholderhain bei Walsrode. 1962 erklärte der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, es sei nicht geklärt, ob dort tatsächlich die Überreste von Löns ruhen.
Literarische Merkmale↑
Seine eigentliche Domäne fand Löns in der Tiererzählung und der Naturschilderung. Er beobachtete genau und verband dieses Beobachten mit zoologischem Fachwissen. Seine Tierporträts arbeiten die arttypischen Verhaltensweisen einer bestimmten „Tierpersönlichkeit“ in ihrer natürlichen Umgebung heraus. Am gelungensten sind laut der Neuen Deutschen Biographie seine fast novellistisch angelegten zoologischen Charakterstudien für das Sammelwerk Lebensbilder aus der Tierwelt. In Mümmelmann dagegen ist die Grenze zum kitschig-sentimentalen Tiermärchen überschritten; einige Kritiker bemängeln, dass Löns die Natur vermenschliche, indem etwa die Hasen Vor- und Zunamen erhalten.
Als Lyriker gelangte er nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie nie über eine banale, wenngleich populäre Metaphorik und einen konventionellen Volkston hinaus. Seine journalistische Arbeit war dagegen anerkannt: Er galt als talentierter Reporter und leidenschaftlicher Lokaljournalist, der Naturskizzen, politische Glossen, historische Charakterbilder, Kunstkritiken und humorige Plaudereien schrieb. Das Branchenblatt Deutsche Presse beschrieb 1931 rückblickend, dass Löns „seinen Aufgaben mit der ganzen Erpichtheit, Findigkeit, ja Frechheit des amerikanischen Nachrichtenjägers nachging“.
In den Heideromanen verbinden sich Naturschilderung und Ideologie. Der als „Bauernchronik“ bezeichnete Roman Der Wehrwolf schildert die blutigen Vergeltungszüge niedersächsischer Heidebauern gegen marodierende Soldaten während des Dreißigjährigen Krieges. In diesen brutalen Gewaltphantasien zeigt sich die aggressive Aufladung von Löns' Weltbild: ein radikaler Nationalismus, das rassistisch motivierte Konzept eines aristokratischen Bauerntums, Großstadtfeindschaft und Fremdenhass.
Rezeption↑
Zu einem Mythos wurde Löns bereits zu Lebzeiten: als Jäger, Natur- und Heimatdichter, als Naturforscher und Naturschützer und vor allem als „Heidedichter“. Er war ein beredter Propagandist des damals neuen Naturschutzgedankens und Mitbegründer des „Heideschutzparks“ am Wilseder Berg, aus dem der Naturpark Lüneburger Heide entstand. Seine Ideen gehören in den Zusammenhang der völkisch akzentuierten Heimat- und Heimatkunstbewegung der Jahrhundertwende, in deren Umfeld etwa Adolf Bartels und Lulu von Strauß und Torney standen.
Viele seiner Gedichte wurden vertont, in der Zeit der Jugendbewegung unter anderem von Fritz Jöde, später von Knut Kiesewetter und Fiede Kay. Das „Matrosenlied“ aus Der kleine Rosengarten mit dem Refrain „Denn wir fahren gegen Engelland“ wurde in der Vertonung von Herms Niel zu einem der meistgesungenen deutschen Soldatenlieder des Zweiten Weltkriegs. Der Nationalsozialismus vereinnahmte Löns nach seinem Tod, was sich am aufwendigen Streit um seine Grablege und der von Hitler angeordneten Überführung zeigt.
Die spätere Kritik urteilt zwiespältig. Der Germanist Hans-Albrecht Koch verurteilt Löns' Werk als „Provinzprosa“ und „Kitsch“. Von allen, die ihn kannten, wurde Löns als zwiespältige, neurotisch gespannte Persönlichkeit geschildert: ein besessener Jäger und sensibler Naturbeobachter zugleich, ein intimer Kenner der Heidelandschaft und ein aufbrausender, zu Alkoholexzessen neigender Einzelgänger. Sein Werk hat eine umfangreiche biografische und literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung angeregt, von frühen Erinnerungsbänden der 1920er und 1930er Jahre bis zu kritischen Einordnungen der Nachkriegszeit.
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