1884 – 1941
Oskar Loerke
Kurzbiografie↑
Als deutscher Dichter zwischen Expressionismus und Magischem Realismus zählt Oskar Loerke (1884–1941) zu den Wegbereitern der modernen Naturlyrik. Seine formstrengen, musikalisch durchgearbeiteten und von mythischen Bildern geprägten Gedichte machten ihn zu einer prägenden Stimme der sogenannten naturmagischen Schule. Jahrzehntelang wirkte er zugleich als einflussreicher Lektor des S. Fischer Verlags, wo er mit den bedeutenden Autoren seiner Zeit verkehrte. Unter dem Nationalsozialismus zog er sich zurück und gilt seither als einer der Dichter der Inneren Emigration. Sein theoretischer Aufsatz Formprobleme der Lyrik beschäftigt die Forschung bis heute.
Biografie↑
Am 13. März 1884 kam Oskar Loerke in Jungen bei Schwetz in Westpreußen zur Welt, einem Ort, der heute polnisch Wiąg heißt. Sein Vater Julius Andreas war Hof- und Ziegeleibesitzer, später Rentier in Graudenz. Schon früh erhielt der Junge eine musikalische Ausbildung und besuchte das Gymnasium in Graudenz. Gegen Ende der Schulzeit schloss er Freundschaft mit Hans Kyser, mit dem er erste literarische Versuche austauschte.
Seit 1903 studierte Loerke in Berlin Germanistik, Geschichte, Philosophie und Musik. Schon in seinen damals einsetzenden Tagebüchern deuteten sich Vorbehalte gegenüber dem akademischen Leben an. Wegen einer Krankheit wurde er im Sommer 1905 beurlaubt, kehrte aber nach Berlin zurück und lernte im Januar 1906 seine spätere Lebensgefährtin Clara Westphal kennen. Zwei als Dissertationen geplante Arbeiten hatte er fertiggestellt, doch im März 1907 verließ er die Universität ohne Abschluss. Im selben Jahr erschien im Verlag S. Fischer seine Erzählung Vineta.
Bis 1914 lebte Loerke als freier Schriftsteller und unternahm zahlreiche Reisen: in den Harz und ins Samland, ins Riesengebirge, nach Paris, ins Elsass und in den Schwarzwald. 1912 fuhr er mit seinem Freund Martin Beradt auf einem Fischdampfer über die Nordsee; diese Erlebnisse gingen später als Rahmengeschichte in den autobiografischen Roman Oger (1921) ein. Entscheidend für seine Entwicklung war die Förderung durch Moritz Heimann, den Lektor des S. Fischer Verlags, den er 1909 kennenlernte. 1911 erschien sein erster Gedichtband Wanderschaft.
Geselligen Anschluss fand Loerke von 1910 bis 1917 in der Berliner Donnerstagsgesellschaft, wo Künstler, Schriftsteller und Politiker zusammenkamen, unter ihnen Emil Orlik, Martin Buber, Gerhart Hauptmann und Walther Rathenau. 1913 erhielt er den Kleist-Preis, der zur Hälfte an ihn ging; das Preisgeld ermöglichte eine Reise nach Algier und Italien. Als Pazifist wurde er wegen eines Herzleidens wiederholt vom Kriegsdienst freigestellt. Seit 1917 arbeitete er beim S. Fischer Verlag als Lektor und lernte dort die Autoren des Hauses kennen, darunter Thomas Mann. Aus seinen Buchbesprechungen wurden oft bedeutende Essays, die er in der Neuen Rundschau und zwischen 1920 und 1928 regelmäßig im Berliner Börsen-Courier veröffentlichte.
1926 wurde Loerke Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, 1928 wählte man ihn zum besoldeten Sekretär der Sektion für Dichtkunst. Trotz Zweifeln blieb er angesichts der wachsenden Zensurbestrebungen der späten Weimarer Zeit im Amt. Seine Liebe zur Musik schlug sich in Schriften über Johann Sebastian Bach und 1938 über Anton Bruckner nieder. 1930 erwarb er ein Haus im Berliner Vorort Frohnau.
Loerke lehnte den Nationalsozialismus ab. Im Zuge der Gleichschaltung der Akademie zwang man ihn 1933, um seine Entlassung nachzusuchen. Nach anfänglicher Weigerung und schweren Bedenken unterschrieb er im Oktober 1933 ein Treuegelöbnis für Hitler – nach dem Zeugnis seiner Freunde in der Absicht, seinen jüdischen Verleger Samuel Fischer zu schützen. Danach wurde er wieder Mitglied der gesäuberten Deutschen Akademie der Dichtung. Zurückgezogen in Frohnau blieb er bis zu seinem Tod Cheflektor des S. Fischer Verlags, den er gegen immer neue Repressionen zu verteidigen suchte. In diesen Jahren erschienen die Gedichtbände Der Silberdistelwald (1934), Der Wald der Welt (1936) und Der Steinpfad (1938), die seinen Ruf als Dichter der Inneren Emigration begründeten. Wenige Monate vor seinem Tod verfasste er auf Bitten von Karl Korn einen Nachruf auf den kurz zuvor verstorbenen Hermann Stehr, mit dem er einst befreundet gewesen war; der Text erschien unter anderem in der Wochenzeitung Das Reich, was später zu Irritationen führte. Oskar Loerke starb am 24. Februar 1941 in Berlin-Frohnau.
Literarische Merkmale↑
Musik prägte Loerkes Dichtung von Anfang an. Seine Gedichte gelten als formstreng, dabei von intensiver Bildlichkeit, Musikalität und mythischen Zügen durchzogen. Mit dieser Verbindung wurde er wegweisend für die moderne Naturlyrik und zum Vertreter der sogenannten naturmagischen Schule.
Seine ersten Prosaarbeiten waren vom Impressionismus beeinflusst. Die Lyrik orientierte sich zunächst an Stefan George, dann zunehmend an älteren Dichtern. Loerkes Weltanschauung entwickelte sich früh zu einer kritisch-pantheistischen Religiosität; eine zeitweilige Beziehung zu einer pietistischen Sekte hinterließ einen bleibenden Widerwillen gegen religiöses Dogmenwesen. Ausgleich suchte er in der Rezeption östlicher Weisheit – den Reden Buddhas, Goethes West-östlichem Divan, den Nachdichtungen orientalischer Lyrik durch Friedrich Rückert – und vor allem in der Musik Bachs.
Auch als Theoretiker der Lyrik trat Loerke hervor. Sein 1928 im Rahmen einer Vortragsreihe der Akademie entstandener Beitrag Formprobleme der Lyrik gilt, vergleichbar mit Gottfried Benns Probleme der Lyrik, noch heute als einer der wesentlichen theoretischen Aufsätze zur modernen Lyrik.
Rezeption↑
Anerkennung fand Loerke früh in den literarischen Kreisen Berlins. Die Zustimmung der Donnerstagsgesellschaft trug wohl dazu bei, dass ihm 1913 der Kleist-Preis zur Hälfte zugesprochen wurde. Seine Buchbesprechungen aus der Tätigkeit als Lektor wuchsen sich oft zu bedeutenden Essays aus, die er in der Neuen Rundschau und im Berliner Börsen-Courier veröffentlichte.
Auch nach seiner Ausgrenzung unter dem Nationalsozialismus wurde Loerke von Kollegen geschätzt. Zu seinem 50. Geburtstag erfuhr er eine unerwartete Rehabilitation durch die Gratulationen vieler Emigranten, unter ihnen Alfred Döblin und Thomas Mann, sowie der meisten in innerer Emigration lebenden Schriftsteller. Gottfried Benn hatte ihn 1930 als Arzt betreut; nähere Freundschaft verband ihn mit Emil Orlik und Hermann Kasack.
Dass Loerkes Werk nach dem Krieg weiterwirken konnte, ist laut der Neuen Deutschen Biographie vor allem Hermann Kasack und Wilhelm Lehmann zu verdanken. Kasack gab in den folgenden Jahren zahlreiche Ausgaben heraus, darunter die Gedichtsammlung Die Abschiedshand (1949) und die Tagebücher (1956). Eine Auswahl seiner Gedichte besorgte 1963 Günter Eich.
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