1920 – 1977
Clarice Lispector
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten Stimmen der brasilianischen Literatur des 20. Jahrhunderts zählt Clarice Lispector. Geboren wurde sie 1920 in der Ukraine, als Kind jüdischer Eltern, die kurz nach ihrer Geburt vor den Pogromen nach Brasilien flohen. Mit dreiundzwanzig Jahren veröffentlichte sie ihren ersten Roman Nahe dem wilden Herzen und wurde damit über Nacht bekannt. In ihren Romanen, Kurzgeschichten und Zeitungskolumnen spürte sie dem nach, was sich hinter der Oberfläche des Alltags verbirgt. Sie starb 1977 in Rio de Janeiro, einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag.
Biografie↑
Geboren wurde Clarice Lispector am 10. Dezember 1920 im ukrainischen Tschetschelnyk als Chaja Pinkussowna Lispektor. Sie war die jüngste von drei Töchtern des jüdischen Ehepaars Pedro und Marietta Lispector, wie die Eltern später in Brasilien hießen. Ihr hebräischer Vorname Chaja bedeutet „die Lebendige“. Angesichts der Pogrome in der Heimat verließ die Familie das Land, als das Kind zwei Monate alt war. Zunächst gelangten die Lispectors nach Hamburg, wo der Vater vergeblich Arbeit suchte. 1922 erreichten sie das brasilianische Maceió, wo alle portugiesische Vornamen annahmen. Ihr eigenes Geburtsjahr verschob die Schriftstellerin später gerne um fünf Jahre auf 1925.
Aufgewachsen ist sie in Recife im armen Nordosten Brasiliens. Die Eltern sprachen und schrieben noch fast ausschließlich Jiddisch; sie war die Erste der Familie, die von Anfang an Portugiesisch lernte. Als Kind streifte sie durch die wohlhabenderen Viertel von Recife und stahl Rosen aus den Gärten der Villen. Zu ihren prägenden Kindheitserinnerungen zählten auch die Fahrten der Familie mit der Straßenbahn ans Meer, noch vor Sonnenaufgang. Später schrieb sie, nie wieder so glücklich gewesen zu sein.
1934 zog die Familie nach Rio de Janeiro. Dort besuchte Clarice Lispector die Oberschule, ab 1937 studierte sie Jura. Daneben arbeitete sie als Lehrerin und schrieb Beiträge für Zeitungen.
Im Jahr 1943 heiratete sie gegen die Vorbehalte ihrer Eltern einen Katholiken, den späteren Diplomaten Maury Gurgel Valente. Im selben Jahr begann sie ihren ersten Roman, der 1943 unter dem Titel Perto do coração selvagem erschien, auf Deutsch Nahe dem wilden Herzen. Das Buch der Dreiundzwanzigjährigen schildert die soziale Wirklichkeit Brasiliens, besonders die des Nordostens. In einer Zeit, in der der Regionalismus die brasilianische Literatur beherrschte, galt der Roman als revolutionäre Neuerung. Er wurde zur literarischen Sensation.
Als ihr Mann als Botschafter ins Ausland ging, zog sie mit. Von 1945 bis 1949 lebte das Paar in Neapel, danach in Bern und von 1952 bis 1959 in Washington. 1949 kam ihr Sohn Pedro zur Welt, 1953 der zweite Sohn Paulo. Während der Jahre in den USA veröffentlichte sie in der brasilianischen Zeitschrift Senhor.
Nach der Scheidung 1959 ließ sich Lispector mit ihren Söhnen in Rio de Janeiro nieder. Sie arbeitete als Journalistin und Übersetzerin und schrieb Kolumnen für die Tageszeitungen Correio da Manhã und Jornal do Brasil. Es folgten weitere Romane und Bände mit Kurzgeschichten, außerdem Drehbücher für mehrere Filme. Auch ihr Roman Der Apfel im Dunkeln von 1961 wurde bekannt. Sie schrieb häufig bis spät in die Nacht, rauchte viel und nahm Schlaftabletten.
1967 geriet ihre Wohnung in Brand, nachdem sie mit einer Zigarette in der Hand eingeschlafen war. Beim Versuch, Manuskripte und Bücher vor dem Feuer zu retten, verletzte sie sich schwer und hätte beinahe ihre rechte Hand verloren. Von da an konnte sie diese Hand nur noch unter Schmerzen gebrauchen.
1968 führte sie für die Zeitschrift Manchete eine Interviewreihe mit bekannten Persönlichkeiten, darunter der Musiker Antônio Carlos Jobim. Politisch verstand sie sich als Sozialistin. Am 26. Juni 1968 nahm sie am „Marsch der Hunderttausend“ teil, einer Großdemonstration gegen die brasilianische Militärdiktatur.
Kurz vor ihrem Tod erschien 1977 der Roman A hora da estrela, auf Deutsch Der große Augenblick. Clarice Lispector starb am 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro an Krebs, einen Tag vor ihrem 57. Geburtstag. Beigesetzt wurde sie auf dem jüdischen Friedhof von Cajú.
Literarische Merkmale↑
Prägend für ihr Schreiben waren der Existenzialismus und zwei Autorinnen, die sie verehrte: Virginia Woolf und Katherine Mansfield. Als „post-regionalistisch“ wird ihr Werk beschrieben, weil es sich von der damals vorherrschenden Heimatliteratur Brasiliens abwandte.
Ihre Bücher kreisen immer wieder um die bestürzende Wirklichkeit, die hinter der Fassade des Alltags lauert. Zugleich beobachtet sie das Alltägliche mit größter Genauigkeit: Selbst scheinbar Nebensächliches wird bei ihr zum literarischen Gegenstand. In kurzen Prosastücken und Kolumnen schrieb sie über Friseure ebenso wie über die Schwierigkeit, Frau und Schriftstellerin zugleich zu sein.
Äußere Handlung gibt es in ihren Texten wenig. Stattdessen beschreibt sie, wie der Suhrkamp Verlag es formuliert, das Innenleben ihrer Figuren in einer „expressive[n] Sprache bis in die kleinsten, kaum mehr erfa[ss]baren Verästelungen“. Ein Beispiel für ihre Bauweise ist der Roman A paixão segundo G. H., dessen 33 Kapitel der Passion Jesu nachgebildet sind.
Bemerkenswert ist die Entstehung ihres Erstlings. Der Titel Perto do coração selvagem stammt aus Ein Porträt des Künstlers als junger Mann von James Joyce; sie stellte das Zitat ihrem Buch als Motto voran. Joyce' Werk kannte sie damals allerdings noch gar nicht: Ihr Freund Lúcio Cardoso hatte ihr die Stelle empfohlen.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten war Clarice Lispector eine Legende: berühmt, bewundert, kapriziös, depressiv und den meisten Menschen unverständlich. Ihr Erstling wurde 1944 zur literarischen Sensation, auch Der Apfel im Dunkeln erlangte Berühmtheit. Der Rowohlt Verlag nennt sie zuweilen die „brasilianische Virginia Woolf“, ihren Roman A paixão segundo G. H. bezeichnete man als einen der verstörendsten der Weltliteratur. Die New York Times schrieb 2005, sie sei das Äquivalent Franz Kafkas in der lateinamerikanischen Literatur.
Besondere Wirkung entfaltete ihr letzter Roman Der große Augenblick. Er erzählt von Macabéa, einer armen Schreibkraft aus Alagoas, jenem Bundesstaat, in dem die Familie Lispector einst brasilianischen Boden betrat. Macabéa schlägt sich in der rauen Hafengegend von Rio de Janeiro durch und gilt als eine der bedeutendsten Frauengestalten der brasilianischen Literatur. Der Roman liegt auch als deutsches Hörspiel vor. 1985 verfilmte ihn die brasilianische Regisseurin Suzana Amaral.
Zur internationalen Bekanntheit trug die französische Poststrukturalistin Hélène Cixous bei. Sie veröffentlichte 1989 im Buch Des femmes den Aufsatz L'Heure de Clarisse Lispector. Die Autorin und Regisseurin Cordelia Dvorák widmete Lispector und ihren Frauenfiguren das Hörspiel Ulissas, eine weibliche Odyssee in 13 Stationen aus dem Jahr 2021 und zitiert darin aus ihren Texten.
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