1919 – 1987
Primo Levi
Kurzbiografie↑
Als Chemiker und Schriftsteller wurde Primo Levi weltweit bekannt, weil er das Grauen des Konzentrationslagers Auschwitz überlebte und darüber schrieb. Er wurde 1919 in Turin geboren und starb 1987 in derselben Stadt. In seinem autobiografischen Bericht Ist das ein Mensch? hielt er seine elf Monate als Häftling im Lager fest und versuchte, der gezielten Entmenschlichung der Opfer nachzuspüren. Neben seinen Zeugnissen vom Holocaust schrieb er Erzählungen, Gedichte und Romane, in denen sich seine naturwissenschaftliche Bildung und sein eigenes Leben immer wieder spiegeln. Bis 1977 arbeitete er hauptberuflich als Chemiker und trat erst danach ganz als Autor hervor. Manche seiner Bücher veröffentlichte er unter dem Pseudonym Damiano Malabaila.
Biografie↑
Primo Levi wuchs in einer liberalen jüdischen Familie in Turin auf. Beim Geburtsjahr weicht Wikidata mit dem 31. Juli 1918 ab; korrekt ist nach übereinstimmender Quellenlage, auch der Deutschen Nationalbibliothek, der 31. Juli 1919. Ab 1934 besuchte er das humanistische Liceo classico Massimo d'Azeglio, das für die antifaschistische Einstellung vieler seiner Lehrer bekannt war, von denen die meisten allerdings schon aus dem Schuldienst entfernt worden waren. 1937 schrieb er sich an der Universität Turin für das Fach Chemie ein.
Ein Jahr später erließ die faschistische Regierung Italiens ein Rassengesetz, das jüdischen Bürgern den Besuch staatlicher Schulen und Hochschulen verbot. Levi konnte sein Studium dennoch 1941 mit Auszeichnung abschließen; auf dem Zeugnis stand der Vermerk „von jüdischer Rasse“.
Im Herbst 1943 schloss sich Levi dem antifaschistischen Widerstand an, der Resistenza. Mit einigen Kameraden versuchte er, sich in den Bergen des Aosta-Tals einer Partisanengruppe der liberalen Bewegung Giustizia e Libertà anzuschließen. Laut dem italienischen Historiker Sergio Luzzatto war Levi in dieser Zeit an der Erschießung zweier Partisanen beteiligt. Am 13. Dezember 1943 wurde die unerfahrene Gruppe von faschistischen Milizen gefasst. Bei den Verhören bezeichnete sich Levi als „italienischer Staatsbürger jüdischer Rasse“, weil er fürchtete, das Eingeständnis seiner politischen Tätigkeit werde Folter und den sicheren Tod bedeuten. Als Jude kam er zunächst in das Durchgangslager Fossoli bei Modena. Am 22. Februar 1944 wurde er von dort nach Auschwitz deportiert. Von den 650 Menschen des Transports wurden 526 sogleich in den Gaskammern ermordet; nur 95 Männer und 29 Frauen kamen als Häftlinge ins Lager.
Als 24-jähriger Zwangsarbeiter verbrachte Levi elf Monate im Lager Auschwitz-Monowitz, das dem Chemiekonzern I.G. Farben zur Herstellung von synthetischem Kautschuk diente. Zunächst musste er schwere körperliche Arbeit leisten, später konnte er als Chemiker im Labor arbeiten und entging so den schlimmsten Bedingungen des Winters 1944/1945. Wenige Tage vor der Befreiung erkrankte er an Scharlach und kam in den „Krankenbau“. Durch Glück und Zufall überstand er die Krankheit und entging den Todesmärschen der flüchtenden SS. Halt gab ihm die Freundschaft zu einem Mann namens Lorenzo, dem er zeitlebens dankbar blieb. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Lager. Zurückkehren konnte Levi jedoch erst am 19. Oktober, nachdem ihn eine lange, wirre Zugreise quer durch Mittel- und Osteuropa fast bis nach Minsk geführt hatte.
Sofort nach seiner Rückkehr begann er, seine Erfahrungen niederzuschreiben. Der erste seiner beiden autobiografischen Berichte, Ist das ein Mensch?, erschien 1947; Die Atempause folgte 1963. Zunächst schrieb Levi nur nebenbei und arbeitete bis 1977 hauptberuflich wieder als Chemiker. Nach seinem Ausscheiden aus dem naturwissenschaftlichen Beruf widmete er sich ganz dem Schreiben. Im September 1984 gab er dem Magazin L'Espresso ein Interview über Israel, in dem er den Schwerpunkt des Judentums nicht dort, sondern in der Diaspora sah, die er als Bewahrerin der jüdischen Ethik verstand.
Am 11. April 1987 starb Primo Levi durch einen Sturz in den Treppenschacht seines Wohnhauses in Turin. Wie es dazu kam, ist bis heute ungeklärt. Einerseits wird ein Freitod vermutet; andererseits legen Zeugenaussagen und Umstände einen Unfall nahe, der durch Medikamente begünstigt worden sein könnte.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Levis Prosa ist die enge Verbindung von naturwissenschaftlicher Klarheit und persönlichem Erleben. In Ist das ein Mensch? beschreibt er seine Zeit in Auschwitz und versucht, dem Zivilisationsbruch der gezielten Entmenschlichung nachzuspüren. Vieles in seinem Werk ist autobiografisch grundiert, doch verarbeitet er seine Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Formen. In der Erzählsammlung Das periodische System ist jedes der 21 Kapitel nach einem chemischen Element benannt, dessen Eigenschaft er mit einer Episode aus seinem Leben verknüpft. Daneben stehen Werke, die eher der reinen Fiktion zuzurechnen scheinen, etwa die pikareske Geschichte eines weitgereisten Technikers in Der Ringschlüssel. Im Partisanenroman Wann, wenn nicht jetzt? adaptiert er historische Überlieferungen sehr frei; doch auch solche Bücher spiegeln immer wieder Erfahrungen und Episoden aus dem Leben des Autors. In seinem letzten Buch, Die Untergegangenen und die Geretteten, kehrt er nach vierzig Jahren noch einmal reflektierend zu Auschwitz zurück und denkt über Erinnerung, Verdrängung und die „Grauzone“ zwischen Tätern und Opfern nach.
Rezeption↑
Bekannt wurde Ist das ein Mensch? weltweit erst seit der Zweitausgabe von 1958. Für sein weiteres Schaffen erhielt Levi mehrere angesehene italienische Literaturpreise. 1963 wurde ihm für Die Atempause der erste Premio Campiello zugesprochen, 1979 der Premio Strega für Der Ringschlüssel und 1982 ein zweiter Premio Campiello für Wann, wenn nicht jetzt?. 1987 wurde er mit dem Antonio-Feltrinelli-Preis ausgezeichnet. Sein Erzählband Das periodische System wurde 2006 vom Londoner Imperial College in einer Publikumsabstimmung zum „besten populären Wissenschaftsbuch aller Zeiten“ gewählt. Die Untergegangenen und die Geretteten, ein halbes Jahr vor seinem Tod erschienen, gilt als Levis Vermächtnis, in dem er die Themen seines Lebens noch einmal bündelt.
Sein Werk und sein Leben wirkten über die Literatur hinaus. Der Regisseur Francesco Rosi verfilmte 1996 Die Atempause mit John Turturro, und 2006 widmete sich Davide Ferrario in La strada di Levi seiner monatelangen Rückreise durch das zerstörte Osteuropa. In der Musik vertonte der amerikanische Komponist Simon Sargon 1988 mehrere seiner frühen Gedichte, und der englische Songwriter Peter Hammill widmete ihm 1992 ein Lied. Nach Levi wurden ein Berliner Gymnasium und ein Asteroid benannt; seit 2017 vergeben die deutsche und die italienische chemische Gesellschaft einen Primo-Levi-Preis für Chemiker, die sich um die Menschenrechte verdient gemacht haben. Mehrere Biografien zeichnen sein Leben nach, darunter Arbeiten von Myriam Anissimov, Ian Thomson und Carole Angier.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Im Lexikon
Weitere Werke (Auswahl)
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (18 weitere Titel)