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Porträt Fanny Lewald
Fanny Lewald
1811 – 1889
– Autorenporträt –

Fanny Lewald

1811 – 1889 · 78 Jahre

Fanny Lewald, eine Kaufmannstochter aus Königsberg, kämpfte in ihren Romanen und Schriften für das Recht der Frauen auf Bildung und Berufsarbeit – und lebte selbst vor, was sie forderte.

Kurzporträt

Zu den ersten deutschen Frauen, die vom Schreiben leben konnten, zählt Fanny Lewald (1811–1889). Sie stammte aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Königsberg und musste die höhere Schule schon mit dreizehn Jahren verlassen. Erst mit über dreißig gelang ihr der Ausbruch aus der Abhängigkeit vom Elternhaus: Sie zog nach Berlin und verdiente ihr Brot mit Romanen. Zeitlebens trat sie für das Recht der Frauen auf Bildung und Berufsarbeit ein und wandte sich gegen die Zwangsverheiratung. Ihre Romane Clementine und Jenny brachten ihr in den 1840er Jahren den Durchbruch; ihre sechsbändige Meine Lebensgeschichte gilt als eindringliches Zeugnis über das Los bürgerlicher Frauen ihrer Zeit.


Biografie

Geboren wurde Fanny Lewald im März 1811 in Königsberg als ältestes von neun Kindern. Ihr Vater, der Kaufmann David Marcus (1787–1846), war Weinhändler und Stadtrat; die Mutter hieß Zipora, geborene Assur (1790–1841). Die Familie trug zunächst den Namen Marcus, bis der Vater sie 1831 in Lewald umbenennen ließ. Bereits zuvor hatte er den Übertritt seiner Kinder zum Protestantismus gestattet, um ihnen die soziale Außenseiterrolle zu erleichtern: den Söhnen die freie Berufswahl, der Tochter die Ehe mit einem christlichen Mann. Obwohl die Familie nicht religiös war, bekam Lewald schon als Kind antisemitische Anfeindungen zu spüren, so 1819 bei den Hep-Hep-Krawallen.

Bis zum vierzehnten Lebensjahr besuchte sie eine Privatschule. Ihr Vater förderte die begabte Tochter, doch ein Universitätsstudium, wie es ihren Brüdern offenstand, kam für eine Frau nicht in Frage. Nach der Schulzeit blieb ihr vor allem Handarbeit, Klavierspiel und etwas Lektüre; zeitweise führte sie während einer Erkrankung der Mutter den großen Haushalt. Mit siebzehn Jahren trat sie ohne innere Überzeugung zum Christentum über, um einen jungen Theologen zu heiraten – der Bewerber starb jedoch, ehe es zur Ehe kam. Die Taufe bereute sie fast unmittelbar.

Im Winter 1832/33 reiste sie mit dem Vater zu Verwandten nach Breslau. Im liberalen Haus ihres Onkels Friedrich Lewald hörte sie erstmals freimütig über Politik, Literatur und soziale Fragen reden und lernte die Schriften des Jungen Deutschland kennen, besonders die Heines, Börnes und Gutzkows. Dort verliebte sie sich in ihren Cousin Heinrich Simon, der ihre Zuneigung jedoch nicht erwiderte. Diese Begegnung bestärkte sie darin, sich keiner Zweckehe zu fügen. 1837 widersetzte sie sich einer Verbindung, welche die Eltern zu ihrer Versorgung schließen wollten. Bis zu ihrem 32. Lebensjahr lebte sie in völliger Abhängigkeit von der Familie.

Der Anstoß zur Schriftstellerei ging von ihrem Onkel August Lewald aus, der als Herausgeber der Zeitschrift Europa ihre Reisebeschreibungen abdruckte und sie 1841 um eine Auftragsarbeit bat. Nun konnte der Vater ihr die Erlaubnis, mit der Feder ihr Brot zu verdienen, nicht länger verweigern. Sie zog nach Berlin und legte 1842 den Roman Clementine vor; mit dem Roman Jenny (1843) gelang der literarische Durchbruch. Aus Rücksicht auf die Familie erschienen die frühen Werke zunächst anonym.

Das Jahr 1845 brachte zwei entscheidende Begegnungen. Auf einer Italienreise lernte Lewald die Schriftstellerin Therese von Bacheracht kennen, mit der sie bis zu deren Tod 1852 eng befreundet blieb. In Rom traf sie den Oldenburger Gymnasiallehrer und Kunsthistoriker Adolf Stahr (1805–1876), die große Liebe ihres Lebens. Stahr war verheiratet und Vater von fünf Kindern und wollte seine Familie zunächst nicht verlassen. Erst im Herbst 1852 zog er zu Lewald nach Berlin; 1854 konnten die beiden nach seiner Scheidung heiraten. Gemeinsam unternahm das Paar zahlreiche Reisen durch Deutschland, England, Frankreich, Italien und die Schweiz. In Berlin führte Lewald einen literarischen Salon. Mit Rücksicht auf Stahrs Gesundheit ließ sich das Paar zuletzt in Wiesbaden nieder; nach seinem Tod 1876 kehrte sie nach Berlin zurück.

Fanny Lewald starb 1889 in Dresden, wo ihre Schwester Minna Susanne lebte. Beerdigt wurde sie an der Seite ihres Mannes auf dem Alten Friedhof in Wiesbaden. Ihre Schwester Elisabeth war mit dem Maler Louis Gurlitt verheiratet und Mutter des Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt. Der Bruder Otto zählte zu den namhaften politischen Strafverteidigern seiner Zeit; ihm widmete sie 1853 die Wandlungen.


Literarische Merkmale

Klarheit kennzeichnet Fanny Lewalds Schreiben. Den romantisch-sentimentalen Ton ihrer Zeit lehnte sie entschieden ab – am schärfsten in der bitterbösen Satire Diogena (1847), einer Persiflage auf die Schriftstellerkollegin Ida Hahn-Hahn. Ihre Romane analysierten die Konventionen und Traditionen der Zeit, ohne selbstkritische Töne gegen sich und das eigene Geschlecht zu scheuen.

Die schriftstellerisch bedeutendsten Werke entstanden in ihrer ersten Zeit, dem Vormärz. Ihre bevorzugten Themen waren dort eine bessere Bildung der Frauen, die Emanzipation der Juden, die Demokratisierung von Kunst und politischem Leben, die Überwindung der Standesunterschiede und der Kampf gegen die Konvenienzehe. Aus eigener Erfahrung machte sie die Verbesserung der Mädchenbildung und das Recht der Frau auf eine eigene Berufsausbildung zum Mittelpunkt ihres publizistischen Interesses.

Nach 1848 wandelte sich ihr Schreiben. Der emanzipatorische Elan trat zurück; nicht mehr Heine war ihr Vorbild, sondern Goethe, nicht mehr Tendenzliteratur ihr Anliegen, sondern die „wahre Dichtung“. An Goethes Dichtung und Wahrheit orientiert, legte sie 1861 ihre eigene Meine Lebensgeschichte vor. Dennoch blieb ihr Einsatz für die Gleichstellung der Frau bestehen. Davon zeugen die Osterbriefe für die Frauen (1863) und ihre wohl schärfste emanzipatorische Schrift Für und wider die Frauen (1870). Neben Romanen und autobiografischen Schriften gehörten auch Erzählungen und Reisebilder zu ihrem Repertoire.


Rezeption

Bereits zu Lebzeiten zählte Fanny Lewald zu den gefragtesten Autoren ihrer Zeit. Gemeinsam mit Ida Gräfin Hahn-Hahn, ihrer literarischen Antipodin, und Luise Mühlbach gehörte sie zu den ersten Schriftstellerinnen, die ihre Tätigkeit professionell betrieben und gut davon leben konnten. Ihre Romane erreichten mit 4000 Exemplaren eine für damalige Verhältnisse erstaunliche Auflagenhöhe. Sie forderte das uneingeschränkte Recht der Frauen auf Bildung und gewerbliche Arbeit, wandte sich gegen die Zwangsverheiratung und trat für die Erleichterung der Ehescheidung ein, so in ihrem Roman Eine Lebensfrage. Die Ereignisse von 1848 begleitete sie publizistisch und setzte den Revolutionen in ihren Erinnerungen aus dem Jahr 1848 (1850) ein Denkmal.

Zu ihrem Freundes- und Bekanntenkreis zählten Heinrich Heine, Karl August Varnhagen von Ense, Ferdinand Lassalle, Hedwig und Ernst Dohm, Henriette Herz, Berthold Auerbach, Theodor Mundt und Heinrich Laube; auch der junge Fontane nahm an ihrem Salon teil. Nach der Revolution von 1848 gründete die „deutsche George Sand“ – so ein damaliges Schlagwort – einen einflussreichen politisch-literarischen Salon in Berlin. Zunächst liberal eingestellt, wandelte sie sich zu ihrem Lebensende hin zur Monarchistin.

Ihre Meine Lebensgeschichte gilt der Nachwelt als eines der aufschlussreichsten Dokumente über das Los bürgerlicher Mädchen und Frauen zur Zeit der Restauration. In den 1990er Jahren wurde ihr Werk im Ulrike Helmer Verlag neu aufgelegt. Der dreibändige Briefwechsel mit Adolf Stahr erscheint seit 2014 im Aisthesis Verlag, eine Neuausgabe des Romans Jenny 2023 bei Reclam. In mehreren Städten, darunter Dresden, erinnern Straßen an sie.

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