1905 – 1983
Arthur Koestler
Kurzbiografie↑
Arthur Koestler wurde 1905 in Budapest geboren und starb 1983 in London. Er war ein ungarisch-britischer Schriftsteller, der vorwiegend auf Deutsch und Englisch schrieb. Bis 1938 gehörte er der Kommunistischen Partei Deutschlands an; seine Zeitgenossen sahen in ihm einen der bedeutenden Abtrünnigen dieser Partei. Weltweit bekannt wurde er mit dem Roman Sonnenfinsternis. In der zweiten Hälfte seines Lebens zog er sich weitgehend aus der Politik zurück und schrieb über Naturwissenschaft, Evolution und Parapsychologie.
Biografie↑
Als Sohn des aus Miskolc stammenden jüdischen Kaufmanns Henrik Kösztler und der Adele Jeiteles kam Artúr Kösztler 1905 in Budapest zur Welt, damals Österreich-Ungarn. Als Kind erlebte er in Ungarn das Ende der Habsburgermonarchie und die kommunistische Revolution unter Béla Kun. Während der rumänischen Besetzung Budapests 1919 zog die Familie nach Wien. Dort studierte er ab 1922 Ingenieurwissenschaften. Er wurde Mitglied der jüdisch-akademischen Verbindung Unitas.
Mitte der zwanziger Jahre begeisterte er sich für den Zionismus. Kurz vor dem Examen brach er das Studium ab und ging 1926 nach Palästina. Einige Wochen verbrachte er im Kibbuz Chefziba; sein Antrag auf Mitgliedschaft wurde von der Kibbuzversammlung abgelehnt. In Haifa hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. 1927 leitete er in Berlin kurz das Sekretariat von Jabotinskys Revisionisten. Im Herbst 1927 wurde er Nahost-Korrespondent des Ullstein Verlags.
So begann seine journalistische Laufbahn. Koestler nahm seinen Sitz in Jerusalem. Zwei Jahre lang schrieb er über die politische Lage und führte zahlreiche Interviews mit bedeutenden Persönlichkeiten; daneben verfasste er Feuilletons und Reisereportagen. Er berichtete aus Palästina, Ägypten, Transjordanien, Irak, Syrien und dem Libanon. Im Juni 1929 bat er im Berliner Verlagshaus um eine Versetzung. Noch 1929 schickte ihn Ullstein als Korrespondenten nach Paris. Im September 1930 zog er nach Berlin und trat in die Redaktion der Vossischen Zeitung ein, wo er die Nachfolge des Wissenschaftsredakteurs Kurt Joel antrat.
Im Juli 1931 nahm Koestler an der Arktisfahrt des Luftschiffs LZ 127 Graf Zeppelin teil. Das machte ihn sehr bekannt; anschließend hielt er in mehreren Ländern Diavorträge über die Reise. Im September 1931 bot ihm Ullstein den Wechsel zur B.Z. am Mittag an, als Außenpolitik-Redakteur und stellvertretender Chefredakteur. Am 31. Dezember 1931 stellte er ein Aufnahmegesuch an das Zentralkomitee der KPD, ohne den liberalen Ullstein-Verlag davon zu unterrichten. Im Januar 1932 wurde dem Gesuch stattgegeben; sein Parteibuch trug das Pseudonym „Iwan Steinberg“.
1932/33 bereiste Koestler die Sowjetunion. In Aschchabad, der Hauptstadt Turkmenistans, kam es zu einer zufälligen Begegnung mit Langston Hughes. Die katastrophalen Zustände nahm er durchaus wahr, denn es herrschte eine Hungersnot mit Millionen Opfern. Dennoch blieb er dem Kommunismus zunächst verbunden: Er hielt das Beobachtete für unvermeidliche Nachwehen der Revolution und hoffte auf Besserung. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten konnte er nicht mehr nach Deutschland zurückkehren und ging von dieser Reise direkt ins Pariser Exil. Von 1934 bis 1936 arbeitete er für den Pressedienst Inpress, den Sándor Radó in Paris herausgab.
Im Spanischen Bürgerkrieg reiste Koestler schon 1936 im Parteiauftrag zu Franco nach Sevilla. Anfang 1937 ging er als Korrespondent der britischen Zeitung News Chronicle erneut nach Spanien. Im Februar 1937 wurde er in Málaga festgenommen und zum Tode verurteilt. Einige Tage saß er im Gefängnis von Málaga, während in der Stadt Massenerschießungen stattfanden. Danach wurde er nach Sevilla verbracht. Nach neunzig Tagen erreichten die Briten auf dem Weg eines Gefangenenaustauschs seine Freilassung. Diese Erlebnisse verarbeitete er in Ein spanisches Testament. Das Buch erschien im Left Book Club und verhalf ihm zum Durchbruch als Schriftsteller. Unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse wandte er sich 1937/38 vom Kommunismus ab. 1938 wurde er Herausgeber der antifaschistischen und antistalinistischen Zeitschrift Die Zukunft.
1939/40 war Koestler im französischen Lager Le Vernet interniert. Ab 1940 lebte und arbeitete er in England. Dort kam er zunächst in Haft und diente dann in der britischen Armee. Ab 1942 arbeitete er für das Informationsministerium, später schrieb er für englische und amerikanische Zeitschriften. In England freundete er sich mit George Orwell an, der in mancher Hinsicht eine ähnliche Entwicklung hinter sich hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte er vorübergehend nach Frankreich zurück und verkehrte unter den Linksintellektuellen um Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Er hatte eine kurze Liaison mit Beauvoir; das erklärt möglicherweise die gegenseitige Abneigung zwischen ihm und Sartre, dem langjährigen Lebensgefährten Beauvoirs. In deren Schlüsselroman Die Mandarins von Paris wird die Figur Scriassine mit Koestler identifiziert. Weitere Erfolge als Romanautor brachten ihm der Spartacus-Roman Die Gladiatoren von 1939 und Gottes Thron steht leer von 1951.
Mitte der fünfziger Jahre zog sich Koestler weitgehend aus der Politik zurück und wandte sich naturwissenschaftlichen und parapsychologischen Themen zu. Schon 1952 war er Mitglied der Society for Psychical Research geworden. 1968 erhielt er den Sonning-Preis, 1972 den Titel Commander des Order of the British Empire. 1974 wurde er Companion of Literature der Royal Society of Literature.
Koestler sprach fließend Deutsch, Ungarisch, Englisch und Französisch; dazu verfügte er über Russisch- und Hebräischkenntnisse, vermutlich auch über Jiddischkenntnisse. Gelebt hat er in Ungarn, Österreich, Deutschland, Palästina, der Sowjetunion, der Schweiz sowie in England, Wales, Frankreich und den USA. Dreimal war er verheiratet: von 1935 bis 1949 mit Dorothy Ascher, von 1950 bis 1952 mit Mamaine Paget und von 1965 bis zu seinem Tod mit Cynthia Jefferies.
1981 ließ sich Koestler zum Vizepräsidenten der britischen Freitod-Vereinigung EXIT wählen. Er litt an der Parkinson-Krankheit und an Leukämie. Am 1. März 1983 schied er gemeinsam mit seiner zweiundzwanzig Jahre jüngeren dritten Ehefrau Cynthia Jefferies durch Suizid aus dem Leben. Sein Vermögen stiftete er für einen Lehrstuhl für Parapsychologie, der zwei Jahre später an der University of Edinburgh eingerichtet wurde; vermittelt hatte das sein Testamentsvollstrecker John Beloff.
Literarische Merkmale↑
Mehrsprachigkeit prägt Koestlers Werk von Grund auf. Die Gladiatoren und Sonnenfinsternis schrieb er auf Deutsch, Ein Mann springt in die Tiefe auf Englisch. Die deutschen Originalmanuskripte gingen auf der Flucht aus Frankreich verloren, sodass die lange bekannte deutsche Fassung von Sonnenfinsternis eine Rückübersetzung aus dem Englischen war. 2015 fand ein Doktorand der Universität Kassel im Archivbestand der Universität Zürich einen Durchschlag des deutschen Originaltyposkripts; 2018 wurde es veröffentlicht.
Koestler bewegte sich zwischen Reportage, Roman, Essay und Sachbuch. Die Grenze ist bei ihm oft fließend: Erlebtes wird zur Literatur, politische Erfahrung zur Analyse. Die Hauptfigur der Sonnenfinsternis verkörpert die willenlose Unterwerfung des Einzelnen unter eine mörderische politische Maschinerie. Angeregt ist sie von alten Bolschewiki wie Nikolai Bucharin und Karl Radek, die den Moskauer Prozessen zum Opfer fielen. In den Essays des Bandes Der Yogi und der Kommissar wollte er die Unmenschlichkeit der sowjetischen Partei und des Moskauer Regimes bloßlegen.
Im zweiten Teil seines Schaffens trat der Theoretiker hervor. In Der göttliche Funke und Das Gespenst in der Maschine stellte er seine Theorien über Bisoziationen, offene hierarchische Systeme und Holone vor. In Von Heiligen und Automaten setzte er sich mit östlichen Weisheitslehren auseinander. Äußerungen westlicher Buddhismus-Anhänger wie auch D. T. Suzukis bezeichnete er häufig als Mystifizierungen eher banaler Einsichten. In Der Mensch: Irrläufer der Evolution zog er Schlussbilanz. Er lehnte den damals vorherrschenden Behaviorismus wie auch Freuds Psychoanalyse ab. Eine Kluft zwischen Denken und Handeln hielt er für das Grundproblem des Menschen. In den Bahnen des menschlichen Nervensystems vermutete er einen verhängnisvollen Konstruktionsfehler. An seiner dualistischen Sichtweise hielt er fest. Im Sinne Henri Bergsons hatte er nichts dagegen, wenn man seine Auffassungen als „Vitalismus“ bezeichnete.
Rezeption↑
Zum internationalen Bestseller wurde Sonnenfinsternis, das 1940 in der Übersetzung von Daphne Hardy in England erschien. Bereits Ein spanisches Testament hatte ihm den Durchbruch als Schriftsteller verschafft. Koestler stieg zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller englischer Sprache auf. Seine Zeitgenossen sahen in ihm einen der bedeutenden Abtrünnigen der KPD.
Aufsehen erregte er in den 1970er Jahren mit der Paul-Kammerer-Biografie Der Krötenküsser von 1971, in der er die gegen den österreichischen Biologen erhobenen Vorwürfe des Wissenschaftsbetrugs zu widerlegen versuchte. 1976 erschien Der dreizehnte Stamm mit der These, ein Großteil des östlichen Judentums stamme vom Volk der Chasaren ab. In Israel löste das so viel Verärgerung aus, dass der israelische Botschafter in England das Buch bei seinem Erscheinen als von den Palästinensern finanzierten, antisemitischen Akt bezeichnete.
Nach Koestlers Tod wurde der Vorwurf laut, er habe 1951 die Filmemacherin Jill Craigie vergewaltigt, die Ehefrau des Politikers Michael Foot. Craigie bestätigte ihn. David Cesarani griff ihn 1998 in seiner umstrittenen Biografie Arthur Koestler: The Homeless Mind auf und nannte Koestler einen Serienvergewaltiger. Danach wurde eine Koestler-Büste an der University of Edinburgh entfernt. Michael Scammell wandte in seiner Biografie von 2009 ein, Craigie sei die einzige Frau, die das öffentlich bezeugt habe. Gina Thomas urteilt, für Cesaranis „schwerwiegende Behauptungen“ fehlten „handfeste Beweise“.
Sein Leben und Werk haben eine umfangreiche Forschungsliteratur hervorgebracht, darunter Christian Buckards Arthur Koestler. Ein extremes Leben von 2004 und Michael Scammells Biografie Koestler: The Indispensable Intellectual von 2010. Tony Judt widmete ihm in Das vergessene 20. Jahrhundert ein Kapitel über den Intellektuellen par excellence. Seit 2000 verleiht die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben einen nach Arthur Koestler benannten Medienpreis an Personen, die sich des Themas Sterben unter Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts angenommen haben.
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