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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Danilo Kiš
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Porträt Danilo Kiš
Danilo Kiš
1935 – 1989
– Autorenporträt –

Danilo Kiš

1935 – 1989 · 54 Jahre

Der jugoslawische Schriftsteller Danilo Kiš verarbeitete in seiner Prosa immer wieder die eigene Kindheit und den Vater, einen ungarischen Juden, der in Auschwitz umkam.

Kurzbiografie↑

Zu den bedeutenden jugoslawischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt Danilo Kiš, geboren 1935 in Subotica, gestorben 1989 in Paris. Er war Romancier, Übersetzer und Lektor und schrieb auf Serbokroatisch. Seine Prosa kreist immer wieder um die eigene Kindheit und um den Vater, einen ungarischen Juden, der in Auschwitz umkam. Werke wie der Roman Sanduhr und der Erzählzyklus Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch machten ihn über Jugoslawien hinaus bekannt. Ein Streit um den letztgenannten Band prägte die zweite Hälfte seines Lebens.


Biografie↑

Geboren wurde Danilo Kiš am 22. Februar 1935 in Subotica. Seine Mutter Milica Dragičević stammte aus Montenegro, sein Vater Eduard Kiš (ungarisch Kis Ede) war ein ungarischer Jude. Die ersten Jahre verbrachte er in der Vojvodina. Vorsorglich ließen ihn die Eltern 1939 taufen; eingeschult wurde er zunächst auf Serbisch.

Im Januar 1942 entging der Vater nur zufällig dem Massaker von Novi Sad. Daraufhin floh die Familie zu Verwandten väterlicherseits ins Umland von Zalaegerszeg, wo Kiš die ungarische Schule besuchte. Der Vater aber entkam der Deportation nicht: Er wurde, wie die meisten der jüdischen Verwandten, nach Auschwitz verschleppt und kam dort um. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die verbliebene Familie durch das Rote Kreuz repatriiert. Kiš kam mit Mutter und Schwester zu einem Onkel nach Cetinje in Montenegro und legte dort sein Abitur ab.

Ab 1954 studierte er an der Universität Belgrad vergleichende Literaturwissenschaft. 1958 schloss er das Studium mit einem Diplom ab. 1962 erschienen seine ersten beiden Bücher, Die Dachkammer und Psalm 44. In der Folge arbeitete Kiš in Belgrad und Novi Sad als Übersetzer aus dem Ungarischen, Französischen und Russischen. Später wurde er Lektor für Serbokroatisch in Frankreich und begann ein Pendlerleben zwischen beiden Ländern.

Aus den Kindheitserfahrungen und der Suche nach dem verschwundenen Vater entstand eine Trilogie, die er ironisch „Familienzirkus“ nannte. Zu ihr gehören Garten, Asche (1965), Frühe Leiden (1970) und als Abschluss der 1972 erschienene Roman Sanduhr. Für diesen erhielt Kiš 1973 den jugoslawischen NIN-Preis. Den Preis gab er jedoch aus Protest zurück, als die Kulturbürokratie 1978 auf seinen antistalinistischen Erzählzyklus Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch (1976) mit einer politisch motivierten Plagiatskampagne reagierte. Die Auseinandersetzung mit seinen Kritikern trug er auch literarisch aus, im Roman Anatomiestunde (1978).

1979 ließ er sich dauerhaft in Frankreich nieder, behielt aber den jugoslawischen Pass. Für seinen Erzählband Enzyklopädie der Toten (1983), sein letztes vollendetes Werk, erhielt er den Ivo-Andrić-Preis. 1988 wurde er zum korrespondierenden Mitglied der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste gewählt. Nachdem er sich monatelang schwach gefühlt hatte, wurde bei dem starken Raucher im September 1989 metastasierter Lungenkrebs festgestellt. Er starb einen Monat später, am 15. Oktober 1989, im Alter von 54 Jahren – genauso alt, wie sein Vater bei der Deportation nach Auschwitz gewesen war. Auf eigenen Wunsch wurde Kiš in Belgrad nach serbisch-orthodoxem Ritus beigesetzt.


Literarische Merkmale↑

Immer wieder greift Kišs Prosa auf die eigene Herkunft zurück. Seine Trilogie, die er ironisch „Familienzirkus“ nannte, umkreist die Kindheitswelt und den im Vernichtungslager verschwundenen Vater. Mit dem antistalinistischen Erzählzyklus Ein Grabmal für Boris Dawidowitsch wandte er sich der politischen Gewalt des 20. Jahrhunderts zu; der Untertitel lautet „Sieben Kapitel ein und derselben Geschichte“. Dass er die literarische Form auch als Waffe im Streit einsetzen konnte, zeigt der Roman Anatomiestunde, in dem er die Auseinandersetzung mit seinen Kritikern austrug.


Rezeption↑

Anerkennung fand Kiš schon zu Lebzeiten durch zahlreiche Preise. 1973 erhielt er den jugoslawischen NIN-Preis für Sanduhr, gab ihn aber später aus Protest gegen eine Plagiatskampagne zurück. Für den Erzählband Enzyklopädie der Toten wurde ihm der Ivo-Andrić-Preis zuerkannt. Bereits 1980 hatte man ihm für sein Gesamtwerk den Grand aigle d'Or de la Ville de Nice verliehen; 1986 folgte der französische Ordre des Arts et des Lettres in der Klasse Chevalier, 1989 der Bruno Schulz Prize des PEN America. 1988 wählte ihn die Serbische Akademie der Wissenschaften und Künste zum korrespondierenden Mitglied.

Auch nach seinem Tod blieb sein Werk im deutschen Sprachraum präsent. Eine teils überarbeitete Neuausgabe zentraler Erzählwerke besorgte 2014 Ilma Rakusa, die mehrere seiner Bücher selbst ins Deutsche übertrug.

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