Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · A Tomb for Boris Davidovich
Eingang · Werke · A Tomb for Boris Davidovich
Abbildung nicht verfügbar
A Tomb for Boris Davidovich
1976
– Werkseintrag –

A Tomb for Boris Davidovich

1976 · Kurzgeschichte

Sieben Erzählungen verweben erfundene Lebensläufe mit historischen Ereignissen und zeigen, wie sich Muster von Macht, Verrat und Gewalt über Jahrhunderte hinweg wiederholen.

Überblick↑

Der Erzählungsband A Tomb for Boris Davidovich von Danilo Kiš versammelt sieben Kurzgeschichten. Er entstand 1976; das Original trägt den serbokroatischen Titel Grobnica za Borisa Davidoviča. Ins Englische wurde das Buch 1978 übertragen. Die Erzählungen gehen auf historische Ereignisse zurück und kreisen um politischen Betrug, Verrat und Mord im Osteuropa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nur eine Geschichte, „Dogs and Books“, spielt im Frankreich des 14. Jahrhunderts. Mehrere Texte sind als erfundene Lebensläufe angelegt, in denen die Hauptfiguren auf wirkliche geschichtliche Personen treffen.

Das Buch gilt als eines der bekannteren Werke der modernen jugoslawischen Literatur. Harold Bloom nahm es in seine Liste kanonischer Werke auf, die er in The Western Canon beschreibt. In den 1970er Jahren erschien es zudem in der von Philip Roth herausgegebenen Reihe „Writers from the Other Europe“ des Penguin-Verlags.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Sieben Geschichten fügen sich zu einem Bild von Revolution, Verfolgung und Verrat. Sechs von ihnen spielen im Osteuropa der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, eine führt weit zurück ins mittelalterliche Frankreich. Kiš erzählt sie überwiegend als Lebensläufe: Er begleitet einzelne Menschen von ihren Anfängen bis in die Wirren ihrer politischen Zeit hinein.

Die Figuren sind Revolutionäre, Handwerker, Gelehrte und Verfolgte. Sie glauben an eine Sache, geraten in die Mühlen von Verdächtigung, Schauprozess und Lagerhaft und begegnen dabei immer wieder wirklichen Gestalten der Geschichte. So entsteht ein Reigen von Schicksalen, in dem sich die Muster von Macht und Gewalt über die Jahrhunderte hinweg auf unheimliche Weise gleichen. Wer die Geschichten liest, verfolgt, wie sich Überzeugung und Grausamkeit, Treue und Denunziation in denselben Menschen mischen.

Die Handlung im Detail↑

Die erste Erzählung, „The Knife with the Rosewood Handle“, handelt von Miksha, einem jüdischen Schneiderlehrling, der zum Revolutionär wird. Sein Fanatismus und seine Grausamkeit treiben ihn zu einem gemeinen Mord. Am Ende stirbt er im Gefängnis.

In „The Sow that Eats her Farrow“ steht Verschoyle im Mittelpunkt, ein republikanischer Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg. Weil er die sowjetische Machtübernahme kritisiert, wird er bestraft.

„The Mechanical Lions“ erzählt von Tscheljustnikow, der für den Besuch einer westlichen Persönlichkeit in Kiew einen vorgetäuschten Gottesdienst inszeniert.

Im Zentrum von „The Magic Card Dealing“ steht Karl Georgijewitsch Taube, auch Dr. Taube genannt. Nach Jahren in verschiedenen Lagern wird er 1956 ermordet. Der Meisterverbrecher Kostik Korschunidse, bekannt als „König der Diebe“, wird verhaftet und gesteht die Tat.

Die Titelgeschichte, „A Tomb for Boris Davidovich“, zeigt den angesehenen Revolutionär Boris Dawidowitsch Nowski. Man verhaftet ihn, um ihm in einem Schauprozess ein Geständnis abzupressen. Während des Verhörs ringt Nowski mit seinem Vernehmer Fedukin um die Frage, wie er der Nachwelt in Erinnerung bleiben wird – die beiden kämpfen darum, wie seine Lebensgeschichte enden soll.

„Dogs and Books“ ist bewusst als Gegenstück zur Titelgeschichte angelegt. Sie erzählt von Baruch David Neumann, einem Juden, der während des Hirtenkreuzzugs im Jahr 1320 zur Taufe gezwungen wird. Im Jahr 1330 erfährt der Bischof Monsignore Jacques von einem Mann namens Baruch David Neumann, der vom Christentum zum Judentum zurückgekehrt sei. Der Bischof lässt ihn sofort verhaften und einkerkern. Vor versammelten Vertretern und Richtern befragt er ihn, und Baruch legt seine Geschichte dar. Die Vorlage stammt aus einer Übersetzung des dritten Kapitels der Inquisitionsregister, in denen Jacques Fournier – der spätere Papst Benedikt XII. – Geständnisse und Zeugenaussagen festhielt; die Handschrift wird in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt. Kiš vermerkt, dass er die Geschichte Baruchs erst nach der Titelerzählung entdeckte und dabei auffällige Ähnlichkeiten zwischen der historischen Gestalt und seiner Figur Boris Dawidowitsch fand, bis hin zu den verwandten Namen. Im Band stellt er „Dogs and Books“ deshalb bewusst hinter die Titelgeschichte.

Die letzte Erzählung, „The Short Biography of A. A. Darmolatov“, schildert einen Mann, der in einem kleinen Ort namens Nikolajewski geboren wird. Sein Vater, ein Biologe, weckt früh sein Interesse an der Natur. Die Eltern fördern ihn, kaufen Bücher und lassen ihn mit dem Vater kleine Tiere sezieren. Mit den Jahren wird er politisch und gesellschaftlich wacher. Er liest alte Texte, verachtet zusehends die Gegenwart und langweilt sich in seiner Umgebung und dem, was er das „positivistisch gebildete Bürgertum“ nennt.

Stil↑

Kiš verbindet Erfindung und geschichtliche Wirklichkeit zu einer eigenen Form. Viele seiner Figuren sind erdacht, doch sie bewegen sich zwischen realen Ereignissen und wirklichen Personen, und einzelne Texte greifen auf überlieferte Dokumente zurück. So gewinnen die Erzählungen den nüchternen Ton von Lebensläufen und Aktenberichten, obwohl sie Dichtung sind.

Inhaltlich berührt der Band den Stalinismus, den Faschismus und die jugoslawische Gesellschaft unter dem Kommunismus. Immer wieder geht es um das Judentum und den Umgang mit Juden in Europa. Kiš richtet seine Kritik gegen ausgrenzendes und völkisch-nationalistisches Denken. Das Buch ist zutiefst politisch, doch der literarische Wert sollte für Kiš nicht hinter der Politik zurücktreten. Er selbst sagte über das Werk, es sei „poetry about a political subject, not politics“ – Dichtung über einen politischen Gegenstand, nicht Politik.

Rezeption↑

Danilo Kiš (1935–1989) war ein serbisch-jüdisch-jugoslawischer Autor, der Romane, Essays und Erzählungen schrieb und daneben Werke übersetzte. Als er das Buch 1976 herausbrachte, war er bereits ein anerkannter Schriftsteller und hatte mehrere Literaturpreise erhalten. Der Erzählungsband wurde nicht zensiert, missfiel aber dem Bund der Kommunisten wegen seiner anti-nationalistischen Themen.

Nach dem Erscheinen kritisierte ihn der Herausgeber Dragan Jeremić heftig. Dessen anhaltende Angriffe und Vorwürfe in der Presse veranlassten Kiš, 1978 Čas anatomije („Die Anatomiestunde“) zu schreiben, eine literarische Verteidigung gegen seine Kritiker. Darin warf Kiš Jeremić und anderen vor, unliterarisch zu urteilen und nationalistische Ansichten zu vertreten. Jeremić antwortete 1980 mit dem Band Narcis bez lica, der sich gezielt gegen Kiš wandte. Im selben Jahr veröffentlichte der Journalist Boro Krivokapić die Schrift Treba li spaliti Kiša? („Sollte Kiš verbrannt werden?“), die das Buch und die Anatomiestunde unmittelbar angriff.

Das Werk stand im Mittelpunkt eines langen Plagiatsstreits, einer der bekanntesten literarischen Skandale im Jugoslawien Titos. Kiš wurde beschuldigt, aus 7000 Tage in Sibirien von Karlo Štajner abgeschrieben zu haben. In der Anatomiestunde verteidigte er seine Arbeitsweise als rechtmäßig. Die serbische Literaturkritik weist den Plagiatsvorwurf ganz überwiegend zurück.

Der Stoff wirkte auch über das Buch hinaus. 2011 wurde die Titelgeschichte als etwa dreiminütiger Kurzfilm umgesetzt, in dem ein Sprecher die Handlung erzählt, während grobe Zeichnungen die Ereignisse begleiten. 2017 brachte das Slowenische Nationaltheater Drama Ljubljana die Titelerzählung als Bühnenstück heraus; die Inszenierung dauerte rund 95 Minuten und wurde wohlwollend besprochen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten