1923 – 2015
Yaşar Kemal
Kurzbiografie↑
Yaşar Kemal war ein türkischer Schriftsteller und Journalist kurdischer Herkunft. Geboren wurde er 1923 in der Türkei, gestorben ist er 2015 in Istanbul. Sein eigentlicher Name lautete Kemal Sadık Gökçeli; den Namen Yaşar Kemal nahm er in seiner Zeit als Zeitungsreporter an. Er gilt als einer der bedeutendsten Romanciers seines Landes. Sein bekanntester Roman Memed mein Falke erzählt von einem Bauernjungen, der sich gegen einen Großgrundbesitzer auflehnt, und wurde in über vierzig Sprachen übersetzt.
Biografie↑
Geboren wurde Yaşar Kemal am 6. Oktober 1923 in einem Dorf, das damals Hemite hieß und zur Provinz Adana gehörte. Heute trägt der Ort den Namen Gökçedam und liegt im Gebiet von Osmaniye. Zum Geburtsort gibt es unterschiedliche Angaben: Wikidata nennt Gökçedam, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen Orhaniye. Seine Eltern waren kurdische Zuwanderer. Sie kamen während des Ersten Weltkriegs aus dem Dorf Ernis in der Provinz Van in die Çukurova. Der Vater Sadık handelte mit Orangen und brachte es damit zu einem gewissen Wohlstand.
Die Kindheit verlief schwer. Bei einem Unfall verlor der Junge sein rechtes Auge. Als Vier- oder Fünfjähriger musste er mitansehen, wie sein Vater in einer Moschee beim Gebet erstochen wurde.
Zur Schule ging er zunächst im Dorf Berhanlı, später in der Kreisstadt Kadirli. Er war das einzige Kind seines Dorfes, das Lesen und Schreiben lernte. In dieser Zeit zog er von Dorf zu Dorf und sammelte die überlieferten Klage- und Trauerlieder, die auf Türkisch Ağıt heißen. Die Mittelschule besuchte er in Adana. Seinen Lebensunterhalt verdiente er dort in einer Baumwollfabrik. Danach arbeitete er als Baumwollarbeiter und als Aushilfslehrer. In Adana lernte er den türkischen Künstler Abidin Dino kennen, den die Regierung ins Exil geschickt hatte; die beiden freundeten sich an.
Mit siebzehn Jahren kam er wegen eines Gedichts zum ersten Mal ins Gefängnis. Insgesamt wurde er im Lauf seines Lebens dreimal inhaftiert. Nach dem Militärdienst kam er 1946 zum ersten Mal nach Istanbul, kehrte aber 1948 in seine Heimat zurück. Nachdem er eine weitere Haftstrafe verbüßt hatte, ging er 1951 erneut nach Istanbul. Dort lernte er seine Frau Tilda kennen, die aus einer jüdischen Familie stammte. Sie unterstützte ihn nachdrücklich und übersetzte unter anderem seine Werke ins Englische. Tilda Kemal starb Anfang 2001.
Zwischen 1951 und 1963 arbeitete Yaşar Kemal als Journalist für die Tageszeitung Cumhuriyet. In dieser Zeit begann er, den Namen Yaşar Kemal zu führen. Als Reporter bereiste er das ganze Land und berichtete über die Lage der Arbeiter und der benachteiligten Menschen. Bei einem Besuch auf der Insel Akdamar im Vansee sah er 1951, wie die dortige armenische Klosteranlage mit der Kirche zum Heiligen Kreuz mutwillig zerstört zu werden begann. Er nutzte seine Kontakte und erreichte, dass die Zerstörung aufhörte. Die Kirche blieb in vernachlässigtem Zustand, bis die türkische Regierung 2005 eine Restaurierung einleitete.
Im Jahr 1962 trat er der Arbeiterpartei der Türkei (Türkiye İşçi Partisi) bei und übernahm dort wichtige Funktionen. Er wurde zu einem wachsamen und streitbaren Beobachter der türkischen Politik. Für die Einhaltung der Menschenrechte und für die Menschen Anatoliens, auch für die Kurden, trat er beständig ein.
Yaşar Kemal war überzeugter Sozialist, blickte aber ebenso kritisch auf Staaten, die sich sozialistisch nannten und in denen die Arbeiter dennoch nicht regierten. In einem Gespräch mit dem türkischen Journalisten Abdi İpekçi sagte er, er sei sowohl gegen jene, die die Arbeiter ausplündern und unterdrücken, als auch gegen jene, die im Namen der Arbeiter an die Macht kommen wollen. Nach seiner Überzeugung musste die Arbeiterklasse ihren sozialistischen Staat selbst aufbauen. Auch die Sowjetunion hielt er nicht für ein Land, das wirklich vom Proletariat beherrscht wurde, solange dort die Reste der Bürokratie fortbestanden; 1971 äußerte er noch die Hoffnung, dies werde sich ändern.
Sein Blick reichte über die Türkei hinaus. Dem britischen Sender BBC gab er ein Interview, in dem er auch Großbritannien in einigen Punkten kritisierte. Der Sender strahlte das Gespräch nie aus, worüber sich Kemal noch Jahre später beklagte: Bezahlt worden sei er dafür, veröffentlicht wurde es trotzdem nicht. England bot dem Proletariat nach seiner Ansicht mehr Freiheit als andere kapitalistische Staaten, weil das Bürgertum dort so fest verankert sei, dass es die Arbeiterschaft nicht unterdrücken müsse. In Deutschland dagegen sei das Bürgertum vom Proletariat so stark unter Druck geraten, dass der Nationalsozialismus als Ausweg erschienen sei und Hitler an die Macht gelangen konnte. Mussolinis Aufstieg in Italien erklärte er auf ähnliche Weise.
Seine ersten Erzählungen erschienen 1951 in der Istanbuler Zeitung Cumhuriyet. Das erste Buch folgte 1952 unter dem Titel Sarı Sıcak. Es hatte die Çukurova zum Thema, eine Landschaft, zu der er in seinem Werk immer wieder zurückkehrte. Im Jahr 1955 erschien Memed mein Falke, sein wohl bekanntestes Buch. Auf Deutsch kam das Werk 1992 im Unionsverlag in Zürich heraus. In seinem letzten Romanzyklus, den Inselromanen, behandelte er Heimat, Auswanderung, Vertreibung und das Zurechtfinden in einer fremden Welt. Yaşar Kemal starb am 28. Februar 2015 in Istanbul.
Literarische Merkmale↑
Auffällig war von Anfang an seine Sprache. Die frühen Erzählungen von 1951 handelten vom täglichen Leben einfacher Menschen und griffen dafür die türkische Umgangssprache auf. In der türkischen Literatur war das damals neu, und gerade das verschaffte diesen Texten große Beachtung.
Sein Stoff kam aus der Landschaft seiner Kindheit. Die Çukurova-Ebene gehörte zu seinen bevorzugten Motiven, vom ersten Buch Sarı Sıcak an. Prägend wirkte auch das mündlich überlieferte Erzählgut, das er als Junge von Dorf zu Dorf gesammelt hatte: die Klage- und Trauerlieder, die auf Türkisch Ağıt heißen.
Seine Bücher erzählen von Unterdrückung und Auflehnung. In Memed mein Falke wird ein Bauernjunge aus Wut über die Willkür des Großgrundbesitzers Abdi Ağa, der fünf Dörfer beherrscht, zum Räuber, Rebellen und Rächer seines Volkes. Im Spätwerk, den Inselromanen, verschob sich der Blick auf Heimat, Auswanderung, Vertreibung und das Zurechtfinden in der Fremde.
Rezeption↑
Als einer der bedeutendsten Romanciers der Türkei ist Yaşar Kemal weit über sein Land hinaus gelesen worden. Memed mein Falke wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und selbst zur Legende: In türkischen Kaffeehäusern las man den Roman vor, wandernde Sänger erzählten ihn nach.
Schon seine ersten Erzählungen in der Zeitung Cumhuriyet fanden 1951 große Beachtung, weil sie vom Alltag einfacher Menschen handelten und dafür die gesprochene Sprache verwendeten. Zur deutschsprachigen Verbreitung trug der Zürcher Unionsverlag bei, in dem sein Werk 1992 erschien. Ins Englische übertrug seine Frau Tilda unter anderem seine Bücher.
Peter Ustinov verfilmte Memed mein Falke im Jahr 1984 unter dem Titel Memed, mein Falke; der Film hatte wenig Erfolg. Neben Ustinov selbst als Abdi Ağa spielten Herbert Lom den Ali Safa und Simon Dutton den Memed.
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