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Autoreneintrag · Justinus Kerner
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Porträt Justinus Kerner
Justinus Kerner
1786 – 1862
– Autorenporträt –

Justinus Kerner

1786 – 1862 · 75 Jahre

Der schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner schrieb schlichte Lieder, die so volkstümlich wurden, dass viele Hörer sie als Volkslieder kennen – ohne zu wissen, von wem sie stammen.

Kurzporträt

Justinus Kerner war ein deutscher Arzt und Dichter, der von 1786 bis 1862 lebte. Er zählte zum Kern der Schwäbischen Dichterschule und wurde vor allem durch schlichte, liedhafte Gedichte bekannt, von denen einige – oft ohne Wissen um ihren Urheber – als Volkslieder weiterlebten. In Weinsberg wirkte er über Jahrzehnte als Oberamtsarzt und machte sein Haus zum gastfreundlichen Treffpunkt eines großen Freundeskreises. Als Mediziner gab er die erste klinische Beschreibung des Botulismus, der Lebensmittelvergiftung aus verdorbenen Würsten. In seinen späten Jahren wandte er sich spiritistischen und okkulten Fragen zu und nahm die Seherin von Prevorst bei sich auf.


Biografie

Geboren wurde Justinus Andreas Christian Kerner am 18. September 1786 in Ludwigsburg. Sein Vater Christoph Ludwig Kerner war dort Oberamtmann, ebenso wie schon der Großvater. Die Mutter hieß Friederike Luise, geborene Stockmaier. Justinus war das jüngste von sechs Kindern. Sein ältester Bruder Georg wurde als Chronist der Französischen Revolution bekannt, sein Bruder Karl brachte es zum General und kurzzeitig zum Innenminister des Königreichs Württemberg.

Kerner ging in Ludwigsburg zur Schule. Als der Vater nach Maulbronn versetzt wurde, unterrichteten ihn Lehrer und ältere Schüler der dortigen Klosterschule. Die mittelalterliche Klosteranlage und die umgebende Natur beschrieb er später als eine seiner Phantasie sehr gemäße Umgebung. Nach dem Tod des Vaters 1799 kehrte die Familie nach Ludwigsburg zurück. Aus wirtschaftlichen Gründen schickte die Mutter den noch minderjährigen Sohn in eine Kaufmannslehre, in das Kontor der herzoglichen Tuchfabrik. Die eintönige Arbeit gefiel ihm nicht. Gegen sie schützte er sich mit heimlichem Verseschreiben, und die Kranken des im selben Gebäude untergebrachten Irrenhauses unterhielt er mit seinem Spiel auf der Maultrommel.

Sein früherer Lehrer Karl Philipp Conz, inzwischen Professor in Tübingen, setzte bei Kerners Mutter durch, dass der Sohn studieren durfte. Von 1804 bis zu seiner Promotion 1808 studierte Kerner Medizin und Naturwissenschaften in Tübingen. Zu seinen medizinischen Lehrern zählte Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, durch den er zeitweise Friedrich Hölderlin als Patienten zur Behandlung zugewiesen bekam. Diese Begegnung verarbeitete er in seinem Roman Reiseschatten. Schon in den Studienjahren war er mit Ludwig Uhland, Karl Mayer und Gustav Schwab befreundet, woraus sich der Kern der Schwäbischen Dichterschule entwickelte.

Im Jahr 1807 lernte Kerner Friederike Ehmann kennen, die er Rickele nannte. Er heiratete sie 1813 und verewigte sie in vielen Gedichten. Aus der Ehe gingen die Töchter Marie und Emma sowie der Sohn Theobald hervor. Nach der Promotion reiste Kerner nach Hamburg, wo sein Bruder Georg Krankenanstalten leitete. In Berlin machte er die Bekanntschaft von Fouqué und Chamisso, den Winter 1809/10 verbrachte er in Wien, wo er im Hause Friedrich Schlegels verkehrte und Beethoven begegnete.

Ab 1810 war Kerner als Arzt tätig, zunächst in Dürrmenz, dann als Badearzt in Wildbad und ab 1812 als praktischer Arzt in Welzheim. 1815 wurde er Oberamtsarzt in Gaildorf, 1819 in Weinsberg. Dort fand er seine bleibende Wirkungsstätte und übte das Amt bis 1851 aus, als ihn ein Augenleiden zur Pensionierung zwang. In Weinsberg ließ er 1822 das heute noch als Kernerhaus bekannte Wohnhaus errichten. Es beherbergte seine große Kunstsammlung und war Treffpunkt eines großen Freundeskreises: Ludwig Uhland, Gustav Schwab, Nikolaus Lenau und andere gingen dort ein und aus.

Als Arzt lieferte Kerner die erste klinische Beschreibung des Botulismus, einer Lebensmittelvergiftung aus verdorbenen Würsten. Er behandelte das Thema in einem Zeitschriftenbeitrag von 1817 und in der Schrift Das Fettgift oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den thierischen Organismus von 1822. Aus heimatkundlichem Interesse bemühte er sich um die Weinsberger Geschichtsschreibung und die Erhaltung der Burgruine Weibertreu. Den 1823 von ihm gegründeten Frauen-Verein zu Weinsberg gibt es bis heute.

In späteren Jahren wandte sich Kerner spiritistischen und okkulten Fragen zu. Er nahm die Seherin von Prevorst, Friederike Hauffe, einige Zeit bei sich auf und veröffentlichte 1829 zwei Bücher über sie. Seine Freude am Grotesken zeigte sich in den sogenannten Klecksographien: Aus Tintenklecksen, die auf die Manuskripte des fast erblindeten Dichters fielen, formte er durch Faltung des Papiers abstrakte Zeichnungen. Kerner starb am 21. Februar 1862 in Weinsberg und wurde neben seiner Frau begraben, die 1854 gestorben war.


Literarische Merkmale

Lied und Ballade waren die lyrischen Dichtarten, die Kerner unter dem Einfluss der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ früh ausbildete. Über sie ist er, abgesehen von einigen Sonetten und den Gelegenheitsgedichten seiner späten Sammlungen, kaum hinausgelangt. Ihm genügten die begrenzten Möglichkeiten der Volksliedstrophe, anspruchslose Reime und vertraute, unmittelbar verständliche Bilder. Sein Stil wird als schlicht und innig beschrieben; in seinen Werken finden sich Wehmut, Humor und echte Herzensfrömmigkeit nebeneinander.

Nur wenige Naturgedichte und Wanderlieder sprechen Lebensfreude und Lust an der Ferne aus, darunter das volkstümlich gewordene Wanderlied mit den Zeilen „Wohlauf! Noch getrunken den funkelnden Wein!“. Die meisten seiner Gedichte aber sind auf den Schmerz gestimmt, den Kerner den „Grundton der Natur“ nannte. In langsam fallendem Rhythmus wandeln sie Themen wie Abschied, Erinnerung an Verlorenes, Ruheverlangen und Todesnähe ab, etwa in Der Wanderer in der Sägmühle. Das Leben erscheint darin als Verirrtsein eines hilflosen Kindes und als Sehnsucht nach Rückkehr in den Schoß der Natur. Hinzu trat ein Zivilisationspessimismus, dem Gottfried Keller mit dem Gedicht „Erwiderung“ entgegentrat.

In seiner Balladendichtung bevorzugte Kerner totenmagische Motive, Sage und Legende, so in Der reichste Fürst. Die Sangbarkeit nach bekannten Melodien und die schlichten Vertonungen durch Friedrich Silcher haben eine Reihe seiner Gedichte volkstümlich erhalten. Laut der Neuen Deutschen Biographie regte ihre „geheimnisvolle überirdische Kraft“ Robert Schumann zu seinem Liederzyklus an; einzelne Kompositionen von Hugo Wolf und Richard Strauß folgten.


Rezeption

Bekannt geblieben ist Kerner vor allem durch seine Lieder, oft ohne dass den Hörern bewusst ist, dass die Verse von ihm stammen. Die schlichten Vertonungen Friedrich Silchers und die Sangbarkeit nach vertrauten Melodien trugen dazu bei, dass Gedichte wie Der reichste Fürst oder das Wanderlied volkstümlich wurden. Robert Schumann vertonte 1840 einen Zyklus von zwölf Gedichten Kerners, der bis heute häufig in Konzertsälen aufgeführt wird. Auch Hugo Wolf und Richard Strauß griffen einzelne Texte auf.

Über die Musik hinaus wirkte Kerner auf unerwartete Weise fort. Seine Klecksographien, aus gefalteten Tintenklecksen entstandene Zeichnungen, nahmen etwas vorweg, das der Schweizer Psychoanalytiker Hermann Rorschach zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seinem bekannten, stets umstrittenen Rorschachtest aufgriff.

Der Freundeskreis um das Kernerhaus hielt die Erinnerung an ihn wach. Sein Sohn Theobald, selbst Arzt und Schriftsteller, schilderte diesen Kreis 1894 in dem Buch Das Kernerhaus und seine Gäste. Seine Tochter Marie schrieb Das Leben des Justinus Kerner nach Briefen und eigenen Erinnerungen. Das Grab in Weinsberg und das Kernerhaus sind bis heute erhalten.

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