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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Erich Kästner
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Porträt Erich Kästner
Erich Kästner
1899 – 1974
– Autorenporträt –

Erich Kästner

1899 – 1974 · 75 Jahre

Erzähler der Weimarer Republik und Erfinder eines neuen Kinderbuchs – satirisch-präziser Kopf der Neuen Sachlichkeit, 1957 mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt.

Kurzbiografie↑

Erich Kästner wurde am 23. Februar 1899 in Dresden geboren und starb am 29. Juli 1974 in München. Er war einer der vielseitigsten deutschen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts. Er schrieb Gedichte, Romane, Drehbücher, Kabarettnummern, Glossen und Kinderbücher. In jedem dieser Felder wurde er erfolgreich. In der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten linksliberalen Stimmen Berlins. Nach 1933 standen seine Bücher auf den schwarzen Listen. Am 10. Mai 1933 wurden sie öffentlich verbrannt. Weltberühmt machten ihn vor allem seine Kinderbücher, allen voran Emil und die Detektive (1929), Pünktchen und Anton (1931), Das fliegende Klassenzimmer (1933) und Das doppelte Lottchen (1949). Für sein Werk erhielt er 1957 den Georg-Büchner-Preis und 1960 die Hans-Christian-Andersen-Medaille.


Biografie↑

Erich Kästner wuchs als Einzelkind in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Die Familie lebte in der Königsbrücker Straße in der Äußeren Neustadt von Dresden. Sein Vater Emil Kästner war Sattlermeister, später Arbeiter in einer Kofferfabrik. Die Mutter Ida, geborene Augustin, verdiente als Dienstmädchen, Heimarbeiterin und schließlich als Friseurin Geld dazu. So sicherte sie den Unterhalt der Familie und die Ausbildung des Sohnes. Zur Mutter hatte Kästner eine außergewöhnlich enge Bindung. Sie prägte sein ganzes Leben und kehrt in vielen seiner Romane als Motiv wieder. Später kursierten Gerüchte, der jüdische Hausarzt Emil Zimmermann sei sein leiblicher Vater gewesen. Bestätigt wurden sie nie.

Ab 1913 besuchte Kästner das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar in Dresden. Die Ausbildung zum Volksschullehrer brach er drei Jahre später kurz vor dem Ende ab. 1917 wurde er zum Militärdienst eingezogen. Die brutale Ausbildung machte ihn zum lebenslangen Antimilitaristen und zog ihm eine dauerhafte Herzschwäche zu. Nach Kriegsende holte er das Abitur am König-Georg-Gymnasium mit Auszeichnung nach. Er erhielt das Goldene Stipendium der Stadt Dresden, das ihn zu einem Studium in Sachsen verpflichtete. Ab 1919 studierte er in Leipzig Geschichte, Philosophie, Germanistik, Zeitungskunde und Theaterwissenschaft, mit Zwischensemestern in Rostock und Berlin. 1925 wurde er bei Georg Witkowski promoviert.

Das Studium finanzierte sich Kästner als Journalist und Theaterkritiker bei der Neuen Leipziger Zeitung. 1927 wurde er entlassen, nach einer Kampagne wegen seines als frivol angegriffenen Gedichts Nachtgesang des Kammervirtuosen. Daraufhin zog er nach Berlin. Dort stieg er innerhalb weniger Jahre zu einer der wichtigsten intellektuellen Figuren der Stadt auf. Er schrieb für das Berliner Tageblatt, die Vossische Zeitung und die Weltbühne. 1928 erschien sein erster Gedichtband Herz auf Taille. 1929 folgte sein Kinderbuchdebüt Emil und die Detektive, das allein in Deutschland über zwei Millionen Mal verkauft und in 59 Sprachen übersetzt wurde. Es folgten Pünktchen und Anton (1931), der Roman Fabian – Die Geschichte eines Moralisten (1931), Der 35. Mai (1932) und Das fliegende Klassenzimmer (1933). 1932 stand er auf dem Höhepunkt seines Erfolgs.

Anders als fast alle seine regimekritischen Kollegen blieb Kästner nach dem 30. Januar 1933 in Deutschland. Er erwartete, das NS-Regime werde nur kurz dauern. Zudem wollte er als Augenzeuge bleiben und seine Mutter nicht allein lassen. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 standen seine Werke auf der Liste. Goebbels nannte seinen Namen als dritten. Kästner beobachtete die Verbrennung aus nächster Nähe. Sein Aufnahmeantrag in die Reichsschrifttumskammer wurde abgelehnt, was einem Publikationsverbot im Deutschen Reich gleichkam. Im Schweizer Atrium Verlag konnte er weiterhin Bücher veröffentlichen; gegründet hatte ihn der emigrierte jüdische Verleger Kurt Leo Maschler. Zugleich arbeitete Kästner unter Pseudonymen wie „Berthold Bürger“ als Drehbuchautor und Verfasser von Unterhaltungstexten. 1942 lieferte er das Drehbuch zum Ufa-Jubiläumsfilm Münchhausen. Im Januar 1943 wurde ihm auch das Schreiben von Drehbüchern und das Veröffentlichen im Ausland untersagt. Im Februar 1944 brannte seine Berliner Wohnung mitsamt etwa viertausend Büchern aus. Nur sein in Gabelsberger Kurzschrift geführtes geheimes Tagebuch konnte er retten. Das Kriegsende erlebte er im März 1945, als er mit einem fingierten Filmstab für angebliche Außenaufnahmen nach Mayrhofen im Zillertal ausweichen konnte.

Nach Kriegsende zog Kästner nach München. Dort leitete er bis 1948 das Feuilleton der Neuen Zeitung und nahm an der Eröffnung der Nürnberger Prozesse als Beobachter teil. Er gab die Kinder- und Jugendzeitschrift Pinguin heraus und schrieb für die Kabaretts „Die Schaubude“ und „Die Kleine Freiheit“ sowie für den Hörfunk. 1949 erschien Das doppelte Lottchen. 1951 wurde Kästner Präsident des westdeutschen PEN-Zentrums und hatte dieses Amt bis 1962 inne. Er war außerdem Mitbegründer der Internationalen Jugendbibliothek in München. Er trat auf Ostermärschen als Redner auf, wandte sich gegen die Remilitarisierung und später gegen den Vietnamkrieg und protestierte 1962 gegen die Spiegel-Affäre.

Kästner blieb lebenslang unverheiratet, hatte aber zum Teil langjährige Beziehungen. Mit der Redakteurin Luiselotte Enderle war er seit 1927 verbunden. Ab Kriegsende bis zu seinem Tod lebten sie gemeinsam in München-Bogenhausen. 1957 wurde sein Sohn Thomas geboren, dessen Mutter die Schauspielschülerin Friedhilde Siebert war. Luiselotte Enderle erfuhr erst 1961 von dieser Beziehung. Ab 1965 zog Kästner sich fast ganz aus dem Literaturbetrieb zurück. Sein zunehmender Alkoholismus ließ die Produktion weiter zurückgehen. Er starb am 29. Juli 1974 im Alter von 75 Jahren an Speiseröhrenkrebs im Klinikum Neuperlach. Beigesetzt wurde er auf dem Bogenhausener Friedhof in München.


Literarische Merkmale↑

Kästners Markenzeichen war eine Schreibweise, die er selbst „Gebrauchslyrik“ nannte: Gedichte für den Alltag, für die Bedürfnisse alltäglicher Bürger, ohne elitären Kunstanspruch. Mit dieser klaren, zugespitzten, oft satirischen Sprache rückte er Ende der zwanziger Jahre in eine Reihe mit Walter Mehring, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky. Seine Gedichte, Glossen und Reportagen waren gesellschaftskritisch, antimilitaristisch und auf den schnellen, präzisen Treffer angelegt. Mit dieser Form wurde er zu einer wichtigen Stimme der Neuen Sachlichkeit.

Der Roman Fabian (1931) zeigt eine fast filmische Technik mit schnellen Schnitten und Montagen. Das ist kein Zufall bei einem Autor, der zugleich als Drehbuchautor in Babelsberg arbeitete. Auch in seinen Kinderbüchern brach Kästner mit den Konventionen seiner Zeit. Emil und die Detektive spielte ungewöhnlicherweise in der Gegenwart der Großstadt Berlin. Kästner nahm den jungen Leser ernst und trennte die Eigenwelt des Kindlichen nicht von der gemeinsamen sozialen Wirklichkeit. Laut der Deutschen Biographie bestand seine Neuerung darin, „den jungen Leser als Partner des Autors ernst“ zu nehmen.

Auch als Wissenschaftler zeichnete sich Kästner durch knappe, klare Prosa aus. Seine Dissertation wird in der Deutschen Biographie wegen ihrer „präzisen und knappen Ausarbeitung“ und ihrer „klaren, ‚ungermanistischen' Sprache“ hervorgehoben. Quer durch alle Gattungen – Gedicht, Roman, Kinderbuch, Drehbuch, Kabarettnummer, Essay – bleibt sein Ton wiedererkennbar: mal nachdenklich, mal humoristisch, oft satirisch, immer auf Verständlichkeit zielend und auf den moralischen Punkt.


Rezeption↑

Innerhalb weniger Jahre stieg Kästner in der späten Weimarer Republik zu einem der bekanntesten linksliberalen Schriftsteller auf. Emil und die Detektive wurde 1931 von Gerhard Lamprecht erfolgreich verfilmt, mit einem Drehbuch unter Mitwirkung Billy Wilders. Das Buch verkaufte sich in Deutschland über zwei Millionen Mal und erschien in 59 Sprachen. Genau diese Popularität machte ihn dem NS-Regime verhasst. Als „weltläufig-großstädtischer Asphaltliterat“ wurde er bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 öffentlich an den Pranger gestellt.

Nach 1945 wurde Kästner vielfach geehrt: 1955 mit dem Kunstpreis der Stadt München, 1957 mit dem Georg-Büchner-Preis, 1960 mit der Hans-Christian-Andersen-Medaille des Internationalen Kuratoriums für das Jugendbuch und 1970 mit dem Kulturellen Ehrenpreis der Stadt München. Er war Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Von 1951 bis 1962 stand er als Präsident dem westdeutschen PEN-Zentrum vor. 1965 wurde er dessen Ehrenvorsitzender.

Die literarische Wahrnehmung blieb in den Jahrzehnten nach dem Krieg gespalten. Kästner fand keinen Anschluss an die neue Nachkriegsliteratur und galt in den fünfziger und sechziger Jahren überwiegend als Kinderbuchautor. Die Wiederentdeckung seines literarischen Werks aus der Zeit der Weimarer Republik – mit Gedichten, Glossen und dem Roman Fabian – begann erst ab den siebziger Jahren. Seine Kinderbücher wurden weiterhin in viele Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt. In mehreren Verfilmungen war Kästner selbst der Erzähler, so etwa 1950 in Das doppelte Lottchen. Kurz vor seinem Tod genehmigte er, dass das Erich Kästner Kinderdorf seinen Namen tragen darf. In seinem Geburtshausviertel in Dresden erinnert heute das Erich Kästner Museum an ihn.

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