1933
Das fliegende Klassenzimmer
Überblick↑
Bei Das fliegende Klassenzimmer handelt es sich um einen Roman für Kinder von Erich Kästner, der 1933 erschien. Die ersten beiden Auflagen kamen noch in der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart heraus, alle weiteren beim Atrium-Verlag in Zürich. Die farbigen Illustrationen stammten von Kästners langjährigem Weggefährten Walter Trier. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten durfte dessen Name jedoch nicht mehr auf dem Bucheinband genannt werden. Das Buch erzählt von einer Gruppe befreundeter Internatsschüler in den Tagen vor Weihnachten und zählt zu den bekanntesten Kinderbüchern Kästners.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine Rahmenhandlung eröffnet das Buch: Der Autor selbst tritt darin als Figur auf und beschließt während eines Sommerurlaubs im oberbayerischen Grainau, mit Blick auf die schneebedeckte Zugspitze, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Erzählt wird von fünf befreundeten Gymnasiasten eines oberbayerischen Internats in den Tagen kurz vor den Weihnachtsferien.
Die fünf sind sehr unterschiedlich. Martin Thaler ist der gewissenhafte Klassenprimus, der wegen der Armut seiner Eltern über Weihnachten nicht nach Hause fahren kann. Der schweigsame Jonathan „Johnny" Trotz wurde von seinen leiblichen Eltern verlassen und verbringt das Fest im Internat. Der kräftige, gutmütige Matthias Selbmann eifert Max Schmeling nach. Der sensible und furchtsame Ulrich „Uli" von Simmern will beweisen, dass er kein Feigling ist. Und der kluge, komplizierte Sebastian Frank hält das Beschenken eigentlich für sinnlos.
Zwei Erwachsene begleiten die Jungen: der von allen verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus" Bökh und der „Nichtraucher", ein rauchender Hobbypianist, der als Aussteiger in einem Nichtraucherwaggon der Reichsbahn lebt. Die Jungen proben ein Theaterstück mit dem Titel Das fliegende Klassenzimmer für die Weihnachtsfeier. Daneben geraten sie in einen handfesten Streit mit der verfeindeten Realschule, müssen Mutproben bestehen und erleben, was Freundschaft, Gerechtigkeit und Anständigkeit bedeuten.
Die Handlung im Detail↑
Das Buch beginnt mit einer Rahmenhandlung, in der Erich Kästner selbst als Figur auftritt. In den ersten Kapiteln beschreibt er, wie er in seinem Sommerurlaub im oberbayerischen Grainau, mit Blick auf die Zugspitze, beschließt, eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben. Diese soll von Gymnasiasten eines oberbayerischen Internats kurz vor den Weihnachtsferien handeln.
Im Mittelpunkt stehen fünf befreundete Internatsschüler. Martin Thaler ist gewissenhaft und ein Gerechtigkeitsfanatiker; wegen der Armut seiner Eltern kann er über Weihnachten nicht heimfahren. Jonathan „Johnny" Trotz, von seinen leiblichen Eltern verlassen, bleibt im Internat, weil sein Adoptivvater Überseekapitän ist. Matthias Selbmann ist körperlich stark, dickfellig und gutmütig und freut sich auf einen Punchingball, den er zu Weihnachten bekommen soll, weil er Max Schmeling nacheifert. Ulrich „Uli" von Simmern ist sensibel und furchtsam und will noch vor Weihnachten beweisen, dass er kein Feigling ist. Sebastian Frank schließlich ist intelligent und kompliziert und hält das gegenseitige Beschenken eigentlich für sinnlos, hält sich aber dennoch an die Tradition. Als Erwachsene treten hinzu: der verehrte Hauslehrer Dr. Johann „Justus" Bökh sowie der „Nichtraucher", ein rauchender Hobbypianist, der als Aussteiger in einem Nichtraucherwaggon der Reichsbahn lebt und, wie sich herausstellt, früher Arzt war.
Die Geschichte besteht aus einzelnen Episoden. Zunächst wird der Klassenkamerad Rudi Kreuzkamm, Sohn des Deutschlehrers, mitsamt den Diktatheften der Klasse seines Vaters von Schülern der verfeindeten Realschule entführt und in einem Keller gefangen gehalten. Eine Schneeballschlacht zwischen beiden Schulen droht. Der „Nichtraucher" schlägt vor, dass stellvertretend der stärkste Realschüler, ein Junge namens Heinrich Wawerka, gegen den stärksten Gymnasiasten, Matthias Selbmann, kämpfen soll, und der Sieger dieses Zweikampfs auch der Sieger des Schulkriegs sein soll. Matz gewinnt den Kampf, doch die Realschüler brechen ihr Wort und lassen den Gefangenen nicht frei. Die fünf Gymnasiasten müssen ihren Kameraden Rudi mit Gewalt befreien, stellen aber fest, dass die Diktathefte vor den Augen des Gefangenen verbrannt worden sind. Es folgt ein strenges Verhör durch Dr. Bökh, der jedoch Verständnis für den unerlaubten „Ausgang" aufbringt und auf eine harte Strafe verzichtet, weil er die Zivilcourage der Kinder bewundert.
Weitere Episoden schließen sich an: die Proben für das Theaterstück Das fliegende Klassenzimmer, das vor Weihnachten aufgeführt werden soll; Ulis verzweifelter Mutbeweis, als er mit einem Regenschirm in der Hand von einem Klettergerüst springt und sich dabei das Bein bricht; die von den Schülern arrangierte Zusammenführung Dr. Bökhs mit seinem verloren geglaubten Freund, dem „Nichtraucher"; und schließlich Martin Thalers weihnachtliche Heimfahrt zu seinen mittellosen Eltern, nachdem Dr. Bökh ihm das Reisegeld geschenkt hat.
Am Ende wird die Rahmenhandlung wieder aufgegriffen. Der Autor erzählt, wie er zwei Jahre später in Berlin mit Johnny Trotz und dessen Adoptivvater zusammentrifft. Alle seine früheren Kameraden und er selbst sind zu selbstständigen Persönlichkeiten geworden, jeder auf seine Weise couragiert und lebensfroh. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet der einst so ängstliche Uli nun der Durchsetzungsfähigste von allen ist.
Nach den Olympischen Winterspielen 1936 schrieb Kästner eine Fortsetzung als Kurzgeschichte mit dem Titel Zwei Schüler sind verschwunden. Darin reißen Matthias und Uli aus dem Internat aus, um die Winterspiele zu sehen, und freunden sich dabei mit einem englischen Eishockeyspieler an.
Stil↑
Aufgebaut ist der Roman als Folge einzelner Episoden, die von einer Rahmenhandlung zusammengehalten werden. In dieser Rahmenhandlung tritt der Autor selbst als Figur auf und spricht offen darüber, wie und warum er die Geschichte schreibt. So wendet sich der Erzähler unmittelbar an seine jungen Leser. Die fünf Hauptfiguren sind klar voneinander unterschieden: Jeder Junge verkörpert einen eigenen Charakterzug, sei es Gewissenhaftigkeit, Schweigsamkeit, Kraft, Furchtsamkeit oder kühle Klugheit. Diese deutliche Zeichnung macht die Figuren leicht greifbar. Zu Kästners Text gehörten von Anfang an die farbigen Illustrationen Walter Triers, die das Buch mitprägten.
Rezeption↑
Auch Jahrzehnte nach dem Erscheinen wurde das Buch noch gelesen und besprochen. Katharina Döbler hob 2003 hervor, das damals siebzig Jahre alte Kinderbuch sei geeignet, Zeiten und Epochen zu überdauern, weil die darin angesprochenen Grundprobleme nicht zeitgebunden seien. Die „hässlichen Grunderfahrungen der Kindheit" – das Verlassenwerden, das Johnny Trotz erlebt, der verzweifelte Wunsch nach Anerkennung, der Uli zu seiner gefährlichen Mutprobe verleitet, und die Einschränkungen durch Armut, mit denen Martin Thaler umgehen muss – gebe es nach wie vor. Döbler lobte, wie im Buch ein „Bollwerk der Freundschaft" gegen solche Bitternisse errichtet werde. Zugleich merkte sie an, dem Werk seien die strengen Hierarchien und der Kult männlicher Kampf- und Kameradschaftsrituale seiner Entstehungszeit anzumerken.
Kritischer urteilte der Germanist Alwin Binder 1980. Am Verhalten der Figuren zeige sich, dass die von Kästner als vorbildlich dargestellten Personen Maximen vermittelten, die seinen aufklärerischen Absichten widersprächen. Statt Lösungen im Gespräch würden Gewaltlösungen wie Zweikampf und Schneeballschlacht nahegelegt. Selbstüberwindung werde als Tugend gefeiert, etwa in Ulis Mutprobe. Auch würden die Ursachen der Armut nicht zum Thema gemacht.
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