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Autoreneintrag · Wilhelm Heinse
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Porträt Wilhelm Heinse
Wilhelm Heinse
1746 – 1803
– Autorenporträt –

Wilhelm Heinse

1746 – 1803 · 57 Jahre

Sprachgewaltiger Entdecker der italienischen Renaissance für die deutsche Literatur und mit dem Künstlerroman „Ardinghello" (1787) Vorbote der Romantik.

Kurzporträt

Johann Jakob Wilhelm Heinse war ein deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Gelehrter und Bibliothekar des späten 18. Jahrhunderts. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Briefroman Ardinghello und die glückseligen Inseln (1787). Darin entdeckte er die italienische Renaissance für die deutsche Literatur und stellte sie der römischen Antike als ebenbürtig zur Seite. Schon dreißig Jahre vor Goethes Italienischer Reise eröffnete er den deutschen Lesern damit einen neuen Blick auf Italien. Heinse arbeitete jahrzehntelang als Bibliothekar des Mainzer Erzbischofs, später in Aschaffenburg. Mit seinem sinnlich-pantheistischen Weltbild gilt er als Vorbote der Romantik.


Biografie

Heinse hieß eigentlich Heintze. Geboren wurde er im thüringischen Langewiesen als Sohn des Organisten, Stadtschreibers und späteren Bürgermeisters Johann Nikolaus Heintze und seiner Frau Barbara Katharina, geborene Jahn. Laut Wikipedia und der Deutschen Biographie fiel sein Geburtstag auf den 15. Februar 1746. Die abgleichenden Datenbanken Wikidata und DNB verzeichnen dagegen den 16. Februar – in dieser Frage gehen die Quellen also auseinander. Er stammte aus eingeschränkten kleinbürgerlichen Verhältnissen. Entfernt verwandt war seine Familie mit der thüringischen Künstlersippe Heinsius.

Nach dem Schulbesuch in Langewiesen wechselte Heinse auf die Gymnasien in Arnstadt und Schleusingen. 1766 immatrikulierte er sich an der Universität Jena für das Fach Jura. Dieses Studium vernachlässigte er aber von Anfang an zugunsten seiner literarischen Interessen. 1768 folgte er seinem Lehrer Friedrich Justus Riedel an die Universität Erfurt. Riedel unterstützte ihn finanziell, nutzte ihn allerdings auch zur Abfassung von Pamphleten. Durch Riedel lernte Heinse Christoph Martin Wieland kennen, der ihn weiter förderte. Auf Wielands Empfehlung nahm ihn Johann Wilhelm Ludwig Gleim in seinen Halberstädter Dichterkreis auf.

Im September 1771 begleitete er, nach erfolglosen Versuchen, eine Anstellung zu finden, zwei verabschiedete Offiziere auf einer Reise durch Süd- und Westdeutschland. Zu ihnen gehörte der pamphletistisch tätige Graf Hermann Woldemar von Schmettau. Der literarischen Handlangerdienste überdrüssig, löste er diese Verbindung Mitte 1772. Im September trat er eine von Gleim vermittelte Hofmeisterstelle bei der Familie von Massow in Halberstadt an. Laut der Deutschen Biographie schliff der Umgang mit der künstlerisch empfänglichen Mutter seines Zöglings „manche jugendliche Unebenheit" ab. Die Stellung hatte er bis Ende 1773 inne.

Im April 1774 wurde Heinse von den Brüdern Johann Georg und Friedrich Heinrich Jacobi für die Redaktion ihrer Damenzeitschrift „Iris" nach Düsseldorf engagiert. Im Juli desselben Jahres lernte er den von ihm verehrten Goethe kennen. Dazu befreundete er sich mit Friedrich Maximilian Klinger, dessen Schauspiel Sturm und Drang er schätzte. 1776/77 veröffentlichte er im „Teutschen Merkur" seine Briefe Über einige Gemälde der Düsseldorfer Galerie und erreichte damit seinen literarischen Durchbruch. In ihnen wandte er sich von Johann Joachim Winckelmanns Kunstauffassung ab.

Ab Juli 1780 unternahm Heinse, finanziert durch Gleim und Friedrich Heinrich Jacobi, eine Italienreise. Sie führte ihn über die Schweiz und Südfrankreich bis an den Golf von Neapel, und er legte sie größtenteils zu Fuß zurück. In Venedig, Florenz und besonders in Rom hielt er sich längere Zeit auf. In Rom hatte er engen Umgang mit dem Dichter und Maler Friedrich Müller, genannt Maler Müller. Die Eindrücke verarbeitete er in seinem Roman Ardinghello und die glückseligen Inseln, den er nach seiner Rückkehr 1787 veröffentlichte.

Im September 1783 kehrte Heinse nach Deutschland zurück. Ein gemeinsam mit Maler Müller und dem Speyerer Domherrn Joseph Anton Siegmund von Beroldingen geplantes Zeitschriftenprojekt scheiterte an den Kosten. 1786 erhielt er in Mainz eine Anstellung als Vorleser des Kurfürsten und Erzbischofs Friedrich Karl Joseph von Erthal und stieg später zum erzbischöflichen Bibliothekar auf. Der Kurfürst verlieh ihm den Titel eines Hofrats und beförderte ihn zum Professor. Auch Erthals Nachfolger Karl Theodor von Dalberg ließ seine Privatbibliothek von Heinse verwalten. Aus der jahrelangen engen Zusammenarbeit mit beiden Kirchenfürsten entstand das Gerücht, Heinse sei zum Katholizismus konvertiert. Die Deutsche Biographie und Wikipedia bezeichnen das übereinstimmend als falsch. In Mainz arbeitete er einige Jahre an der Seite Georg Forsters. Die beiden verstanden sich nicht, denn Forster war ein glühender Anhänger der Französischen Revolution, die Heinse ablehnte. Eng befreundet war er hingegen mit dem Mediziner Samuel Thomas Soemmerring.

1792 wurde Mainz von der französischen Armee besetzt. Während der Belagerung 1793 flüchtete der kurfürstliche Hof nach Aschaffenburg. Unter Heinses Leitung wurde auch die erzbischöfliche Privatbibliothek dorthin in Sicherheit gebracht. Bis an sein Lebensende wirkte er als Bibliothekar an der Hofbibliothek Aschaffenburg. Im Sommer 1796 verbrachte er einige Zeit in Kassel und Bad Driburg, gemeinsam mit Friedrich Hölderlin und Susette Gontard. Im Alter von 57 Jahren starb Heinse am 22. Juni 1803 in Aschaffenburg. Sein Grab befindet sich dort auf dem Altstadtfriedhof. Er blieb unverheiratet.


Literarische Merkmale

Heinses literarische Anfänge waren noch vom Geist des Rokoko geprägt. Tiefer als die Anakreontik Gleims, deren tändelnden Ton er im Briefwechsel bereitwillig aufnahm, wirkten auf ihn laut der Deutschen Biographie die hedonistische Lebenslehre und das schwärmerische Griechentum Wielands. Doch wurden ihm die Grenzen der Wielandschen Grazienwelt bald zu eng. Das Erotische behandelte er mit ungeschminkter Direktheit, etwa in den Anmerkungen zu seiner Petron-Übersetzung Begebenheiten des Enkolp (1773). Damit zog er sich schließlich den Zorn des Meisters zu.

Sein Weltbild beschreibt die NDB als pantheistischen Vitalismus. An die Stelle des heiter-vernünftigen Daseinsgenusses der Aufklärung trete bei Heinse der Genuss als „Frucht von Tat", die stürmische, „die Grenze des Ich dionysisch sprengende Lebensfreude". Die „Kraft zu genießen" bestimme den menschlichen Rang. Allgemeingültige Moralregeln, Wahrheiten und Kunstideale lehnte er ab. Diese Haltung machte ihn zu einem ausgesprochen anti-klassizistischen Kunstbetrachter. Schon in den Düsseldorfer Galerie-Briefen feierte er Rubens als Urbild eines genialen Menschen- und Künstlertums. Dessen Größe wurde damit erstmals in Deutschland anerkannt.

Erzählerisch sind Heinses Romane „kunstlos" – so die Deutsche Biographie. Denn theoretische Erörterungen und impressionistisch-suggestive Werkbeschreibungen überwuchern die Handlung. Stilistisch dagegen erreichte er mit dem Briefroman Ardinghello und die glückseligen Inseln eine sprachgewaltige Hochform. Sein Held ist ein „uomo universale" der Renaissance: Maler und Stegreifdichter, geübt auf der Gitarre wie mit der Klinge, Schachspieler, Ingenieur, Korsar, schließlich Religionsstifter und Staatsgründer. Er ist das von den Fesseln „barbarischer Moral" befreite Individuum, dem in Fiordimona eine weibliche Gestalt zur Seite tritt. Am Schluss errichtet der Roman auf zwei Inseln des griechischen Archipels das Idealbild einer vom kosmischen All-Leben durchwalteten Gesellschaft.

Im Ardinghello steht die bildende Kunst der Antike und Hochrenaissance im Vordergrund. Hildegard von Hohenthal (1795/96) dreht sich dagegen um die Tonkunst, vor allem um die italienische Kirchen- und Opernmusik des Spätbarock. Heinse war selbst ein leidenschaftlicher Musikkenner und ein guter Schachspieler. Beides floss in den zweibändigen Spätroman Anastasia und das Schachspiel (1803) ein, in den er die Analysen des italienischen Schachmeisters Giambattista Lolli einarbeitete. Eine dort vorgeführte Mattführung trägt noch heute den Namen „Matt der Anastasia".

Eine eigene Werkgruppe bilden Heinses Aufzeichnungen von Einfällen, Impressionen und Notizen. Er führte sie ab den Düsseldorfer Jahren bis zu seinem Tod fort. In der Gesamtausgabe von 1924/25 erschienen sie als Aphorismen. Sie sind, so die NDB, in ihrer Frische und Unmittelbarkeit die wichtigste Quelle für Heinses geistige Welt.


Rezeption

Heinses Bild bei den Zeitgenossen war widersprüchlich. Sein Wesen blieb vielen verschlossen, doch gewann er sich auch innerlich Fernstehende zu Freunden. Manche Jüngere berührte der Zauber seiner Persönlichkeit stark, so Clemens Brentano und Friedrich Hölderlin. Hölderlin rühmte ihm laut der Deutschen Biographie „Kindereinfalt" bei „grenzenloser Geistesbildung" nach. Goethe begrüßte schon den frühen Roman Laidion oder die eleusinischen Geheimnisse (1774) begeistert.

Sein Hauptwerk Ardinghello beeinflusste laut Wikipedia unmittelbar die Romantik, auch wenn die unmittelbare Rezeption beim Erscheinen anscheinend gering ausfiel. Der Roman gilt als erste literarische Gestaltung der Renaissance und als Muster vieler späterer Künstlerromane. Die Deutsche Biographie sieht in Heinse – vor Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche – einen „genialen Entdecker aus seelischer Gleichgestimmtheit". In den Männer- und Frauengestalten der italienischen Renaissance fand er das Bild des ungebrochenen, aus der Fülle der Natur existierenden „Kernmenschen" wieder.

Im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigte sich die Forschung wiederholt mit Heinse. A. Schurig (1910) und W. Brecht (1911, Heinse und der ästhetische Immoralismus) legten frühe Studien vor. A. Jolivet (1922) und A. Zippel (1930) untersuchten sein Italienverhältnis. Später widmete sich M. L. Baeumer (1964, 1966) dem Dionysischen in seinem Werk. Sämtliche Werke gab Carl Schüddekopf von 1902 bis 1925 in zehn Bänden heraus. Auch musikgeschichtlich ist Hildegard von Hohenthal wegen seiner Darstellung der italienischen Oper bis heute von Bedeutung.

Mit einer von Johann Nepomuk Haller begonnenen und von Ernst Mayer vollendeten Büste wird Heinse als deutscher Dichter in der Walhalla bei Donaustauf geehrt. 2023 diente seine Biographie als Vorlage für die Graphic Novel Wilhelm und die glückseligen Inseln von Angela Pfenninger und Jan Hochbruck.

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