1923 – 1999
Joseph Heller
Kurzbiografie↑
Joseph Heller wurde 1923 in New York geboren und starb 1999 in East Hampton auf Long Island. Er schrieb Romane, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Drehbücher. Berühmt wurde er mit seinem Erstlingsroman Catch-22, der 1961 erschien und seine eigenen Kriegserfahrungen als Bombenschütze verarbeitet. Der Titel steht seither für eine Zwickmühle, aus der es keinen Ausweg gibt: Wer sich wegen seelischer Not vom Kampfeinsatz befreien lassen will, beweist damit gerade seinen gesunden Verstand und muss weiterfliegen. Aus diesem Gedanken entwickelte Heller eine bittere Satire auf Militär, Behörden und Regierung.
Biografie↑
Geboren wurde Heller am 1. Mai 1923 in New York, genauer auf Coney Island im Stadtteil Brooklyn. Die Quellen bezeichnen den Geburtsort unterschiedlich: Wikidata nennt New York City, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet New York, NY. Gemeint ist dieselbe Stadt. Seine Eltern waren arme russisch-jüdische Einwanderer.
Mit 19 Jahren trat Heller in die U. S. Air Force ein. Im Zweiten Weltkrieg war er zwischen Mai und Dezember 1944 auf Korsika stationiert und flog dort 60 Einsätze als Bombenschütze. Diese Monate wurden zum Stoff seines späteren Erstlingsromans. Die Deutsche Nationalbibliothek führt neben dem Schriftsteller ausdrücklich auch den Piloten als Beruf.
Nach dem Krieg studierte Heller Anglistik und schloss 1949 ab. An der Pennsylvania State University erhielt er einen Lehrauftrag. 1952 arbeitete er zunächst für das Medienunternehmen Time Inc., bald darauf als Werbetexter für eine kleine Medienagentur. Dort war auch Mary Higgins Clark beschäftigt, die später als Kriminalautorin bekannt wurde. Geschrieben hatte Heller schon vorher: Seine erste Kurzgeschichte erschien 1948 in der Zeitschrift Atlantic. 1945 heiratete er Shirley Held, mit der er zwei Kinder hatte.
An seinem Erstling arbeitete Heller seit 1953, mit langen Unterbrechungen. 1961 erschien Catch-22. Im Mittelpunkt steht ein Paradoxon, das dem Buch den Namen gibt: Wer seelisch krank ist, darf nicht mehr fliegen. Wer aber selbst den Antrag stellt, zeigt damit, dass er bei Verstand ist, denn Angst vor dem Kriegsdienst ist normal. Also muss er weiterfliegen. Aussteigen ist unmöglich. Hellers Ablehnung von Institutionen, Regierung und Militär wird in dem Roman deutlich. Auf Deutsch erschien das Buch zunächst 1964 unter dem Titel Der IKS-Haken, später unter dem Originaltitel. 1970 entstand unter der Regie von Mike Nichols eine Verfilmung; Alan Arkin spielte die Hauptfigur John Yossarian, daneben waren Anthony Perkins, Orson Welles und Art Garfunkel zu sehen.
Auch für die Bühne schrieb Heller. 1967 kam We Bombed in New Haven heraus, auf Deutsch Wir bombardieren Regensburg. 1973 folgten eine Bühnenfassung des Romans sowie Clevinger's Trial. Für das Kino arbeitete er an mehreren Drehbüchern mit, darunter 1964 … und ledige Mädchen und 1970 Der „schärfste“ aller Banditen; an dem 1967 uraufgeführten Casino Royale war er ungenannt beteiligt.
Sein zweiter Roman Something Happened, deutsch Was geschah mit Slocum?, ist eine Satire auf das amerikanische Familienleben. Es folgten Good as Gold und 1984 God Knows, deutsch Weiß Gott, worin sich Heller mit dem Leben des Königs David befasst. 1988 erschien Picture This, auf Deutsch unter dem Titel Rembrandt war 47 und sah dem Ruin ins Gesicht. In Closing Time von 1994, deutsch Endzeit, erzählt er, wie es einigen Figuren aus seinem Erstlingsroman im New York der Neunzigerjahre weiter ergeht.
Neben dem Schreiben verfolgte Heller eine akademische Laufbahn. Er lehrte kreatives Schreiben in Yale und an der University of Pennsylvania. Seit 1977 gehörte er der American Academy of Arts and Letters an.
1981 ließ sich Heller von seiner Frau scheiden. Im selben Jahr erkrankte er am Guillain-Barré-Syndrom, einer neurologischen Krankheit, die ihn zeitweise lähmte. Krankheit und die lange Rehabilitation beschrieb er 1986 gemeinsam mit seinem Freund Speed Vogel in dem autobiografischen Buch No Laughing Matter, deutsch Überhaupt nicht komisch. 1987 heiratete er Valerie Humphries, eine der Krankenschwestern, die ihm bei der Genesung beigestanden hatten.
1998 veröffentlichte Heller seine Erinnerungen unter dem Titel Now and Then: From Coney Island to Here, deutsch Einst und jetzt. Am 12. Dezember 1999 starb er in East Hampton auf Long Island an einem Herzinfarkt. Kurz zuvor hatte er die Arbeit an seinem letzten, autobiografisch gefärbten Roman Portrait of the Artist as an Old Man abgeschlossen; das Buch erschien 2000.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Heller ist die Satire. Sein Erstlingsroman ist ein satirischer Antikriegsroman, dessen Wirkung aus einem einzigen, unerbittlich durchgespielten Widerspruch erwächst: einer Vorschrift, die jeden Ausweg sofort wieder verschließt. Aus dieser Denkfalle heraus greift Heller Militär, Regierung und Behörden an.
Dasselbe Verfahren wendet er auch auf ganz andere Stoffe an. Sein zweiter Roman nimmt das amerikanische Kleinfamilienleben aufs Korn. Später wendet er sich biblischen und kunstgeschichtlichen Stoffen zu, etwa dem Leben des Königs David. Auffällig ist außerdem, dass Heller gern zu eigenen Figuren zurückkehrt: In Closing Time erzählt er das Leben mehrerer Gestalten aus seinem Erstling Jahrzehnte später weiter.
Eigene Erfahrung bildet dabei immer wieder den Ausgangspunkt. Die Kriegsjahre auf Korsika, die schwere Krankheit der frühen achtziger Jahre, die Kindheit auf Coney Island und schließlich das Altern selbst hat Heller literarisch verarbeitet, teils als Roman, teils als offene Autobiografie.
Rezeption↑
Bekannt geworden ist Heller vor allem durch Catch-22. 1970 verfilmte Mike Nichols den Roman mit prominenter Besetzung, unter anderem mit Alan Arkin, Anthony Perkins, Orson Welles und Art Garfunkel.
Seine Anerkennung im amerikanischen Literaturbetrieb zeigt sich auch darin, dass er seit 1977 der American Academy of Arts and Letters angehörte und an renommierten Universitäten kreatives Schreiben unterrichtete.
Die Forschung hat sich früh mit ihm befasst. 1984 gab James Nagel einen Sammelband mit kritischen Aufsätzen heraus, 1987 legte Robert Merrill eine Monografie vor, 1991 folgte eine Darstellung von Judith Ruderman und 2009 eine überarbeitete Einführung von Sanford Pinsker. 2011 erschien mit Tracy Daughertys Just One Catch eine ausführliche Biografie.
Im deutschen Sprachraum wurde Heller durchgehend übersetzt. Sein Erstling kam 1964 bei S. Fischer unter dem Titel Der IKS-Haken heraus, ab 1971 dann unter dem Originaltitel. Auch die späteren Romane und die autobiografischen Bücher erschienen auf Deutsch, überwiegend bei S. Fischer, Bertelsmann und Goldmann.
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