1832 – 1910
Bjørnstjerne Bjørnson
Kurzporträt↑
Bjørnstjerne Bjørnson war ein norwegischer Dichter und Politiker. 1903 erhielt er als erster Skandinavier den Nobelpreis für Literatur. Er schuf 1859 die norwegische Nationalhymne Ja, vi elsker dette landet (Ja, wir lieben dieses Land) und gründete den Riksmålsforbundet. Neben seinem literarischen Werk trat er als Theaterleiter, Journalist und politischer Redner hervor. Zeitlebens setzte er sich für die nationale Eigenständigkeit Norwegens ein. Sein Landsitz Aulestad entwickelte sich zu einem geistigen Zentrum des Landes. Bjørnson wurde am 8. Dezember 1832 in Kvikne geboren und starb am 26. April 1910 in Paris.
Biografie↑
Geboren wurde Bjørnson auf dem Hof Bjørgan in Kvikne, einem Bergdorf in der Landschaft Østerdalen. Dort war sein Vater Peder Bjørnson als Pfarrer tätig. 1837 wurde der Vater in die Pfarrei Nesset versetzt, unweit von Molde. Bjørnson besuchte die Schule in Molde und von 1850 bis 1852 ein privates Gymnasium in Christiania, dem heutigen Oslo. Nachdem er sein Studium abgebrochen hatte, arbeitete er einige Zeit als Journalist. In dieser Zeit lernte er auch Henrik Ibsen kennen.
Zwischen 1857 und 1859 wirkte Bjørnson als Leiter des Theaters in Bergen. 1859 trat er in die Redaktion der Zeitung Aftenbladet ein. Wegen des Widerstandes in der öffentlichen Meinung musste er sie aber wieder verlassen. Ein Jahr später bereiste er für drei Jahre Deutschland und Italien. Nach seiner Rückkehr 1865 bekam er eine Anstellung als künstlerischer Leiter am Christiania Theater. Nach einem Streit mit der Theaterdirektion trat er zum Ende der Spielzeit 1867 zurück. Danach konzentrierte er sich darauf, das Blatt Norsk Folkeblad zu einem Organ für den Kampf gegen die Unionspolitik zu machen. Dieser publizistische Kampf richtete sich gegen eine engere Bindung Norwegens an die schwedische Krone und für nationale Eigenständigkeit. Sein Mitstreiter war der Kammerprokurator Bernhard Dunker.
In den 1870er Jahren begann Bjørnsons Freundschaft mit den Geschwistern Anker, Angehörigen einer Patrizierfamilie, die auf großen Gutshöfen residierten. Nils Anker war Hausherr auf Rød herregård in Fredrikshald. Dikka Møller, geborene Anker, war Bjørnson erstmals 1869 begegnet; sie wohnte mit ihrem Ehemann Edvard auf Thorsø herregård in Fredrikstad. Herman Anker besuchte er in Sagatun, wo dieser die erste Volkshochschule Norwegens gegründet hatte. Für dessen Tochter Ella Anker wirkte Bjørnson als Taufpate. Zum Jahresende 1871 verließ er das Norsk Folkeblad und hielt sich in den folgenden Jahren öfter in Deutschland und Italien auf. Vor einer seiner Abreisen erwarb er 1874 mit dem Anwesen Aulestad ein eigenes Heim. Dieses entwickelte sich mit der Zeit zu einem geistigen Zentrum Norwegens.
Von 1880 bis 1881 bereiste Bjørnson die Vereinigten Staaten. Nach seiner Rückkehr 1882 lebte er bis 1887 in Paris. Auch als er sich danach auf sein Gut zurückzog, blieb er ein geistiger Mittelpunkt des Landes. Beeinflusst durch die französischen Realisten, aber auch durch Georg Brandes, fand er seine eigene Form des Realismus. Mit Werken wie dem Drama Ein Bankrott und Ein Handschuh wurde er zum Erneuerer der norwegischen Literatur. 1903 erhielt er als erster Skandinavier den Nobelpreis für Literatur.
Bjørnson war politisch stets sehr engagiert und warb überall in Norwegen in Reden für seine Ansichten. Seine ideale Staatsform war die Republik. Er setzte sich für internationale Schiedsgerichte zur Schlichtung zwischenstaatlicher Konflikte ein. Er war Mitglied des für den Friedensnobelpreis zuständigen Komitees, verteidigte Alfred Dreyfus in der Dreyfus-Affäre und nahm Stellung zum Nationalitätenkonflikt in der Habsburgermonarchie. Er trat für das allgemeine Wahlrecht in Norwegen ein, attackierte als Bibelkritiker die Staatskirche und forderte eine strenge Sexualmoral für beide Geschlechter. In Wort und Schrift setzte er sich für die Unabhängigkeit seines Landes ein. Auch vom Ausland aus warb er für die Volkshochschulbewegung und die Erneuerung des norwegischen Theaters. Daneben vertrat er den Pangermanismus. 1906 hielt er die Festrede anlässlich der Überreichung des Friedensnobelpreises an Bertha von Suttner. Am 26. April 1910 starb Bjørnson im Alter von 77 Jahren in Paris. Sein Grab befindet sich im Ehrenhain des Vår Frelsers Gravlund in Oslo.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Bjørnsons Werk ist eine ausgesprochen optimistische Grundhaltung. Heinrich Hart sah darin ein wesentliches Kennzeichen seiner Dichtung. Der Glaube an die Frau und an ihren belebenden, erhöhenden Einfluss auf den Mann gebe den meisten seiner Werke das Gepräge, und in diesem Glauben wurzele Bjørnsons Optimismus. Während Ibsen vor allem Ankläger sei, so Hart, sei Bjørnson stets ein gläubig Schaffender, ein Mahner und Erwecker.
In seinem späteren Werk wandte er sich dem Realismus zu. Angeregt durch die französischen Realisten und durch Georg Brandes entwickelte er eine eigene realistische Form. In ihr behandelte er gesellschaftliche Fragen, etwa in den Dramen Ein Bankrott und Ein Handschuh. Auf diese Weise wurde er zum Erneuerer der norwegischen Literatur. Einen breiten Raum nahmen daneben seine patriotischen Gedichte und Lieder ein. Unter ihnen ragt die Nationalhymne Ja, vi elsker dette landet hervor.
Rezeption↑
Anerkennung fand Bjørnson vor allem als Dichter. Bei der Verleihung des Nobelpreises 1903 würdigte das Komitee seine „edle, großartige und vielseitige Wirksamkeit als Dichter, die immer durch einmalige Frische der Eingebung und durch eine seltene Seelenreinheit ausgezeichnet war". Heinrich Hart hob seine Frauenverehrung und seinen Optimismus als Kennzeichen seines Schaffens hervor. Er stellte ihn als „gläubig Schaffenden" neben den anklagenden Ibsen.
Deutlich kritischer wurde dagegen sein politisches Wirken aufgenommen. In Norwegen stießen seine innenpolitischen Ansichten auf wenig Gegenliebe, was Zeitgenossen vor allem seinem Hochmut zuschrieben. Der Politiker Evald Rygh meinte, Bjørnson tue alles in seiner Macht Stehende, um sich zu ruinieren, und habe sich mit einer kleinen Clique fanatischer Bewunderer umgeben. Der Historiker Michael Birkeland sprach von einer „politischen Raserei". Er stellte fest, in Christiania herrsche „allgemeiner Unwille und Geringschätzung" gegenüber seiner politischen Wirksamkeit. Auch seine republikanischen Ideen und sein Pangermanismus schadeten seinem politischen Ansehen.
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