1145 – 1221
Fariduddin Attar
Kurzbiografie↑
Fariduddin Attar zählt zu den großen Dichtern des klassischen Persien, ist im deutschsprachigen Raum aber weniger bekannt als andere. Er lebte im 12. und frühen 13. Jahrhundert und verband Dichtung mit islamischer Mystik, dem Sufismus. Sein bekanntestes Werk ist das Epos Mantiq ut-tair, auf Deutsch Die Vogelgespräche, in dem tausend Vögel zu ihrem König aufbrechen und am Ende sich selbst erkennen. Attar gilt als eine der wichtigsten Gestalten des Sufismus, weil er den mystischen Weg nicht als Lehre vorträgt, sondern als Geschichte erzählt. Sein Beiname bedeutet „der Drogist“ und verweist auf seinen bürgerlichen Beruf.
Biografie↑
Geboren wurde Attar in der persischen Stadt Nischapur; die Deutsche Nationalbibliothek schreibt den Ortsnamen als Neyschabur, gemeint ist derselbe Ort. Auch das Geburtsjahr ist nicht sicher überliefert: Die Wikipedia nennt „um 1136“, andere Nachweise verzeichnen 1145. Ebenso unklar bleibt das Todesjahr, für das 1220 wie auch 1221 genannt werden. In derselben Stadt, in der er geboren wurde, ist er auch gestorben.
Vor seiner Hinwendung zum Sufismus betrieb Attar eine Drogerie. Daraus erklärt sich sein Beiname: Das arabische Wort ʿAṭṭār bedeutet „der Drogist“. Eine verwandte Deutung besagt, dass er als Arzt tätig war. Der Handel mit Kräutern, Essenzen und Heilmitteln und die Heilkunde lagen in jener Zeit nahe beieinander.
Sein Werk ist umfangreich; überliefert sind ihm 114 Schriften zugeschrieben. Eines der bekanntesten darunter ist Mantiq ut-tair, im Deutschen Die Vogelgespräche und auch Versammlung der Vögel genannt. Das Epos erzählt von tausend Vögeln, die durch sieben Täler zu ihrem König, dem Simurgh, ziehen. Der Weg ist gefährlich und beschwerlich, nur dreißig Vögel erreichen das letzte Tal. Dort erkennen sie im König sich selbst. Attar spielt dabei mit dem Namen: Simurgh ist eine Sagengestalt, getrennt geschrieben aber bedeutet si murgh „dreißig Vögel“. Zu diesem Werk gehört auch die bekannte Liebesgeschichte vom Mekkaner Scheich Sanʿan und dem Christenmädchen.
Ein zweites Hauptwerk ist Tadhkirat al-auliya, eine Sammlung von Heiligenlegenden. Darin steht unter anderem eine Lebensbeschreibung des Mystikers al-Halladsch, die das Bild dieses Märtyrers in der späteren persischen, türkischen und indischen Dichtung stark geprägt hat. Weitere bekannte Bücher sind Ilahiname, in dem ein König seine sechs Söhne von weltlichen Begierden abzubringen versucht, und Musibatname, auf Deutsch Das Buch der Leiden, das von den Erfahrungen während einer vierzigtägigen Klausur berichtet.
Eine Begegnung ist besonders folgenreich geworden. Der Sufi Dschalal ad-Din Rumi traf Attar in jungen Jahren und wurde von ihm in dessen Lehren eingeweiht. Später bezeichnete Rumi ihn als seine eigene Seele und bekannte, alles, was er über die Wahrheit sage, von Attar gelernt zu haben. Über ihn urteilte er: „Attar durchquerte die sieben Städte der Liebe, wir sind nur bis zur nächsten Straßenecke gekommen.“
Auch Attars Tod ist überliefert, allerdings in einer Form, die selbst wie eine Lehrgeschichte des Sufismus klingt; deshalb wird vermutet, dass es sich um eine Legende handelt. Während des Mongolensturms im 13. Jahrhundert soll er gefangen genommen worden sein. Ein Mann bot tausend Silberstücke für ihn, doch Attar riet seinem mongolischen Bewacher ab: Der Preis stimme nicht. Der Mongole folgte dem Rat und verkaufte ihn nicht. Später bot ein anderer einen Sack Stroh, und Attar erklärte, das sei genau sein Preis, mehr sei er nicht wert. Da geriet der Mongole in Wut und schlug ihm den Kopf ab.
Literarische Merkmale↑
Attar erzählt, statt zu belehren. Er beschreibt den mystischen Weg, den Pfad oder die Tariqa, mit den Mitteln eines Geschichtenerzählers und wirft so ein neues Licht auf die Lehre des Sufismus. Seine großen Werke sind Verserzählungen, in denen eine Rahmenhandlung viele einzelne Geschichten zusammenhält: die Reise der Vögel in Mantiq ut-tair, der König mit seinen sechs Söhnen in Ilahiname. Gern arbeitet er mit dem Doppelsinn von Wörtern, am bekanntesten beim Namen des Vogelkönigs Simurgh, der zugleich „dreißig Vögel“ bedeutet und damit die Pointe der ganzen Reise in sich trägt. Neben der Dichtung steht die Sammlung von Lebensbeschreibungen: In Tadhkirat al-auliya trägt er die Legenden früherer Heiliger zusammen. Kennzeichnend ist außerdem, dass er das Leid nicht ausspart, sondern zum Gegenstand seiner Auseinandersetzung mit Gott macht.
Rezeption↑
Über Jahrhunderte hinweg hat Attars Dichtung auf Mystiker gewirkt, östliche wie westliche, und er gilt als eine der wichtigsten Gestalten des Sufismus. Seine Legendensammlung Tadhkirat al-auliya beeinflusste alle späteren Generationen von Sufis tief. Am unmittelbarsten zeigt sich seine Wirkung bei Dschalal ad-Din Rumi, der sich ausdrücklich als sein Schüler verstand.
In Europa blieb Attar dagegen der am wenigsten bekannte unter den großen klassischen Dichtern Persiens. Immerhin fand sein Hauptwerk früh den Weg in westliche Sprachen: 1653 erschien in Lüttich eine französische Teilübersetzung, 1678 folgte eine lateinische Übertragung. Jorge Luis Borges verwies in seinen Schriften gelegentlich darauf, besonders in seiner angeblichen Besprechung des erfundenen Buches Der Weg zu Al-Mutasim.
Im deutschsprachigen Raum hat der Schriftsteller und Islamwissenschaftler Navid Kermani 2005 mit seinem Buch Der Schrecken Gottes auf Attars radikales Gottesbild aufmerksam gemacht und dessen Auflehnung gegen das Leid mit dem biblischen Hiob verglichen. Hadayatullah Hübsch machte aus dem Stoff der Vogelreise ein Hörspiel. 2022 erschien in der Berliner Edition Orient eine illustrierte zweisprachige Ausgabe auf Persisch und Deutsch.
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