1886 – 1914
Delmira Agustini
Kurzbiografie↑
Delmira Agustini wurde 1886 in Montevideo geboren und starb dort 1914, nicht einmal achtundzwanzig Jahre alt. In ihrem kurzen Leben veröffentlichte sie drei Gedichtbände, die in der spanischsprachigen Dichtung Lateinamerikas Aufsehen erregten. Ihre Verse kreisen um Erotik und Tod, und sie sprach darüber mit einer Offenheit, die für eine Frau ihrer Zeit ungewöhnlich war. Sie gilt als eine der bedeutendsten lateinamerikanischen Dichterinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Ihr gewaltsamer Tod durch die Hand ihres geschiedenen Mannes hat das Bild von ihr bis heute mitgeprägt.
Biografie↑
Geboren wurde Delmira Agustini am 24. Oktober 1886 in Montevideo. Ihre Familie gehörte dem gehobenen Bürgertum der Stadt an. Über die Herkunft der Familie gehen die Angaben auseinander: Genannt werden deutsche, französische und argentinische Wurzeln, anderen Quellen zufolge italienische.
Schon früh fiel auf, wie begabt das Kind war. Mit zehn Jahren begann sie, Gedichte zu schreiben. Daneben lernte sie Französisch, Musik und Malerei.
Ihr erstes Buch El libro blanco erschien 1907. Drei Jahre später folgte Cantos de la mañana. Einzelne ihrer Texte erschienen auch in der Zeitschrift Apolo. 1913 kam ihr dritter Band heraus, Los cálices vacíos. Sie widmete ihn Eros, dem Gott der Liebe.
Am 14. August 1913 heiratete Agustini Enrique Job Reyes. Die Ehe hielt nur kurz: Schon zwei Monate später verließ sie ihn. Am 5. Juni 1914 wurde die Scheidung vollzogen. Einen Monat danach, am 6. Juli 1914, tötete Reyes sie mit zwei Schüssen in den Kopf und nahm sich anschließend selbst das Leben. Agustini starb in ihrer Geburtsstadt Montevideo.
Ein Teil ihres Werkes wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht. 1924 erschienen El rosario de Eros und Los astros del abismo. 1969 folgte ihre Correspondencia íntima, 1971 eine Gesamtausgabe der Gedichte.
Literarische Merkmale↑
Erotik und Tod sind die beiden großen Themen ihrer Lyrik. Agustini schrieb darüber ungewöhnlich freimütig, und gerade diese Offenheit unterscheidet sie von den meisten Dichterinnen ihrer Zeit. Ihre Verse fallen durch eine außergewöhnliche und reiche Bildsprache auf.
Eine zentrale Gestalt ihrer Gedichte ist Eros, der Gott der Liebe. Er steht bei ihr für das Erotische und war ihr zugleich Anregung zum Schreiben. Immer wieder taucht er in ihren Versen auf, und ihr dritter Band Los cálices vacíos ist ihm eigens gewidmet.
Rezeption↑
Zu den bedeutendsten lateinamerikanischen Dichterinnen des frühen 20. Jahrhunderts wird Agustini bis heute gezählt. Die Forschung hat sich vor allem mit ihrem Verhältnis zum Modernismo befasst: Birgit Seibert untersuchte 2003 Agustinis Auslegung dieser Strömung und die Entstehung einer weiblichen Dichterstimme in Lateinamerika. Maria-Elena Barreiro de Armstrong widmete 1998 eine eigene Studie der Rolle des Eros in Los cálices vacíos. Mirta Fernández dos Santos wertete 2019 zum Teil unveröffentlichte Briefe aus, um zu zeigen, wie Zeitgenossen ihr Werk aufnahmen.
Im deutschen Sprachraum blieb Agustini lange eine Entdeckung für wenige. Erna Pfeiffer nahm 1991 Gedichte von ihr in eine Sammlung erotischer Texte lateinamerikanischer Autorinnen auf. Hans-Jürgen Schmitt stellte sie 2000 gemeinsam mit Alfonsina Storni und Alejandra Pizarnik vor und verband dabei Leben und Sterben der drei Dichterinnen. Dieter Hoffmann legte Nachdichtungen und Deutungen ihrer Gedichte vor und ordnete sie der Lyrik des lateinamerikanischen Modernismo zu.
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