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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Ilse Aichinger
1921 – 2016
– Autorenporträt –

Ilse Aichinger

1921 – 2016 · 95 Jahre

Als Tochter einer jüdischen Ärztin überlebte Ilse Aichinger den Nationalsozialismus unter ständiger Bedrohung und wurde zu einer der wichtigen Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur – ihr Werk wurde über die Jahrzehnte immer knapper und sprachkritischer, bis hin zum Verstummen.

Kurzporträt

Zu den wichtigen Stimmen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zählt die österreichische Schriftstellerin Ilse Aichinger. Geboren 1921 in Wien, überlebte sie die Zeit des Nationalsozialismus als Tochter einer jüdischen Ärztin unter ständiger Bedrohung. Ihre Erfahrungen prägten ihr Schreiben von Beginn an: 1945 veröffentlichte sie mit Das vierte Tor einen der ersten österreichischen Texte über die Konzentrationslager, 1948 folgte ihr einziger Roman Die größere Hoffnung. Ihr Werk wurde im Lauf der Jahrzehnte immer knapper und sprachkritischer, bis hin zum Verstummen. Sie starb 2016 in ihrer Geburtsstadt Wien.


Biografie

Am 1. November 1921 kam Ilse Aichinger in Wien zur Welt, gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Helga. Ihr Vater war Lehrer, ihre Mutter jüdische Ärztin. Ihre Kindheit verbrachte sie zunächst in Linz. Nach der Scheidung der Eltern zog die Mutter mit den Kindern nach Wien zurück, wo Ilse Aichinger meist bei ihrer jüdischen Großmutter oder in Klosterschulen lebte. Sie besuchte unter anderem die Klosterschule Sacré Cœur und die Klosterschule St. Ursula. Nach deren Schließung durch die Nationalsozialisten legte sie 1939 die Matura an einem öffentlichen Wiener Gymnasium ab.

Der Anschluss Österreichs bedeutete für die Familie Verfolgung und Lebensgefahr. Die Schwester Helga floh am 4. Juli 1939 mit einem Kindertransport nach Großbritannien; der Rest der Familie konnte wegen des Kriegsbeginns nicht mehr nachkommen. Ilse Aichinger blieb bei ihrer Mutter, um sie vor der Deportation zu bewahren. Ihr selbst wurde ein Studienplatz verweigert, sie wurde in einer Apothekenbuchstelle dienstverpflichtet. Später versteckte sie ihre Mutter in einem Zimmer gegenüber dem Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz und ging dabei die Gefahr ein, selbst deportiert zu werden. Ihre Großmutter und zwei jüngere Geschwister der Mutter wurden 1942 verschleppt und ermordet.

Nach Kriegsende begann Ilse Aichinger 1945 in Wien ein Medizinstudium, das sie nach fünf Semestern abbrach, um ihren teils autobiografischen Roman Die größere Hoffnung zu schreiben. Er entstand in der Küche einer ärmlichen Wohnung und im Dienstzimmer einer Anstalt, in der ihre Mutter als Ärztin arbeitete. Der Kritiker Hans Weigel empfahl ihr, sich beim Bermann-Fischer Verlag vorzustellen, der ihre Werke schließlich veröffentlichte. Schon zuvor hatten ihre in Zeitungen und Zeitschriften erschienenen Texte Aufsehen erregt. Ingeborg Bachmann freundete sich kurz nach ihrer Ankunft in Wien im Herbst 1946 mit ihr an.

In den folgenden Jahren arbeitete Ilse Aichinger als Verlagslektorin für S. Fischer und als Mitarbeiterin bei den Vorbereitungen zur Hochschule für Gestaltung in Ulm, auf Einladung von Inge Aicher-Scholl. 1951 wurde sie erstmals zur Gruppe 47 eingeladen, wo sie den Schriftsteller Günter Eich kennenlernte. 1952 erhielt sie für ihre Spiegelgeschichte den Preis der Gruppe 47. 1953 heiratete sie Günter Eich. Das Paar lebte mit den Kindern Clemens und Mirjam zunächst in Breitbrunn am Chiemsee, dann in Lenggries und ab 1963 in Großgmain im Land Salzburg. Der Sohn Clemens wurde ebenfalls Schriftsteller. Im Jahr der Heirat wurde auch Aichingers Hörspiel Knöpfe erstmals gesendet. 1967 unternahm sie eine Lesereise in die USA.

Günter Eich starb 1972. Nach dem Tod der Mutter 1984 übersiedelte Ilse Aichinger auf Einladung des S. Fischer Verlages nach Frankfurt am Main, kehrte aber 1988 nach Wien zurück. Nach einer längeren Schaffenspause begann sie Ende der 1990er Jahre wieder zu schreiben, obwohl ihre Veröffentlichungen immer seltener und kürzer wurden. Sie war Mitglied mehrerer Akademien, darunter die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Bayerische Akademie der Schönen Künste. Nach dem Unfalltod ihres Sohnes Clemens 1998 zog sie sich fast völlig aus der literarischen Öffentlichkeit zurück. Von Ende 2001 bis 2005 schrieb sie wieder wöchentliche Kolumnen, zunächst für die Wiener Tageszeitung Der Standard, ab Dezember 2004 für die Beilage „Spectrum“ der Zeitung Die Presse. Aus diesen späten Texten entstanden Bände wie Film und Verhängnis, Unglaubwürdige Reisen und Subtexte. In Wien hielt sie sich fast täglich in ihrem Stammcafé Demel auf und ging häufig ins Kino. 2005 gab sie ihr Archiv an das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Ilse Aichinger starb am 11. November 2016 im Alter von 95 Jahren in Wien.


Literarische Merkmale

Von Anfang an rief Ilse Aichinger in ihren Werken zur Kritik an politischen und gesellschaftlichen Zuständen auf und wandte sich gegen falsche Harmonie und Geschichtsvergessenheit. In ihrem Essay Aufruf zum Misstrauen von 1946 forderte sie ein schonungsloses Misstrauen gegen die eigene Wahrhaftigkeit. Damit stellte sie sich gegen die sogenannte Kahlschlagliteratur, deren Anhänger nach dem Krieg einen radikalen Neubeginn propagierten.

Ihr Roman Die größere Hoffnung schildert das Schicksal einer jungen „Halbjüdin“ im Nationalsozialismus. Aichinger erzählt nicht konkret-realistisch, sondern allegorisch, in zehn Bildern aus der Sicht eines fünfzehnjährigen Mädchens. Der Text ist ein Geflecht aus Traum, Märchen, Mythos und Historie; Monologe wechseln mit Dialogen, auktoriales Erzählen mit personalem. Durch die symbolische Überhöhung wird das Grauen nicht verharmlost, sondern auf eine andere Ebene gehoben. In ihren frühen Erzählungen, die den Einfluss Franz Kafkas zeigen, beschreibt sie das Gefesseltsein des Menschen durch Ängste, Zwänge, Träume und Wahnvorstellungen. Das Thema der schwierigen Beziehung zwischen Traum und Realität, zwischen Freiheit und Zwang kehrt immer wieder, etwa im Prosaband Wo ich wohne.

Über die Jahre zeigte ihr Werk eine ausgeprägte Tendenz zur Verknappung. Der Sammelband Schlechte Wörter von 1976 machte eine Wende sichtbar: An die Stelle der Wahrheitssuche trat eine subversive Sprachkritik. Sprache erschien der Autorin immer mehr als unbrauchbares Ausdrucksmittel. Sie schrieb zunehmend seltener, die Texte wurden immer kürzer, bis hin zum Aphorismus. Aichinger selbst erklärte das als Reaktion auf die fehlenden Zusammenhänge in der Welt der Gegenwart: „Man kann nicht einfach drauflosschreiben und künstlich Zusammenhänge herstellen.“ Ihre Poetik des Schweigens verstand sie als Konsequenz aus der Ablehnung jeder Form von Konformismus.


Rezeption

Bekanntheit erlangte Ilse Aichinger mit ihren frühen Erzählungen und dem Roman Die größere Hoffnung. Große Beachtung bei Kritik und Publikum fand ihre Spiegelgeschichte, die das Leben einer jungen Frau rückwärts erzählt und für die sie 1952 mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet wurde. Ihre als surrealistisch wahrgenommenen Dialoge Zu keiner Stunde führten innerhalb der Gruppe 47 zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen „Realisten“ und „Ästheten“.

Neben ihrem Roman wurden vor allem die frühen Erzählungen viel rezipiert. Die späteren Prosatexte, Hörspiele und Dialoge, ihre Prosagedichte und ihr einziger Gedichtband Verschenkter Rat blieben dagegen eher Achtungserfolge und wurden teils kontrovers diskutiert, weil manche die Texte als dunkel und schwer zugänglich empfanden. Laut der Deutschen Biographie manifestierten ihre Sprach- und Gattungskonventionen überschreitenden späteren Texte ihren literarischen Rang vor allem in Fachkreisen; ihr Werk wurde in seiner Sprach- und Glaubensskepsis zunehmend radikaler. Ihr erinnerungspoetisches Spätwerk, das aus den Kolumnen der Jahre 2001 bis 2005 in drei Buchpublikationen überführt wurde, brachte auch ihrem Gesamtwerk wieder neue Aufmerksamkeit. Ihr Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach birgt zahlreiche unveröffentlichte Texte aus verschiedenen Gattungen und Werkphasen. 2018 erschien mit Bad Words eine englische Übersetzung ihrer Schlechten Wörter, an der Uljana Wolf und Christian Hawkey nach eigener Aussage über zehn Jahre gearbeitet hatten.

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