1887 – 1970
Samuel Agnon
Kurzbiografie↑
Samuel Joseph Agnon zählt zu den bekanntesten Vertretern der modernen hebräischen Literatur. Geboren wurde er als Samuel Josef Czaczkes in Butschatsch in Galizien, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Seine Erzählungen und Romane sind tief in den religiösen Überlieferungen der Chassidim und im Alltag des Ostjudentums verwurzelt. Zugleich schildern sie Angst und Schutzlosigkeit auf eine Weise, die man mit den Arbeiten Kafkas verglichen hat. 1966 erhielt Agnon zusammen mit Nelly Sachs den Nobelpreis für Literatur, ausgezeichnet „für seine tiefgründige charakteristische Erzählkunst mit Motiven aus dem jüdischen Volk“. Er war der erste moderne hebräische Schriftsteller, dem diese Ehrung zuteilwurde. Sein Werk kreist im Kern um zwei Welten: die versunkene Welt des polnischen Judentums und das neue jüdische Leben in Palästina.
Biografie↑
Über das Geburtsdatum gehen die Angaben auseinander. Wikidata nennt den 8. August 1887, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen den 17. Juli 1888. Der Geburtsort ist unstrittig: Butschatsch in Galizien. Agnon wuchs dort in einer wohlhabenden jüdischen Kaufmanns- und Schriftgelehrtenfamilie auf. Sein Vater Mordechai Czaczkes war Pelzhändler und chassidischer Rabbiner. Durch ihn und die Talmudschule erhielt der Sohn die klassische jüdische Gelehrtenausbildung. Die deutsche Literatur lernte er über seine Mutter Esther kennen.
Mit fünfzehn Jahren veröffentlichte er erste Gedichte auf Jiddisch und Hebräisch in lokalen Zeitungen. Vorübergehend besuchte er ein Lehrerseminar. Mit achtzehn arbeitete er bei einer Zeitung in Lemberg. Früh schloss er sich der zionistischen Bewegung an. Über Zwischenaufenthalte in Krakau und Wien wanderte er als Teilnehmer der zweiten Alija nach Palästina aus und erreichte im Juni 1908 den Hafen von Jaffa.
Zunächst lebte er in Jaffa und arbeitete als Sekretär bei verschiedenen Organisationen, unter anderem bei einem Verein für Rechtshilfe und beim jüdischen Rat. Seine erste Erzählung Agunot (Verlassene Seelen) gilt bis heute als ein klassisches Stück phantasievoller Prosa. Sie erschien unter dem Pseudonym Agnon, was „der Gebundene“ bedeutet. Erst 1924 nahm er diesen Namen auf Drängen seines Freundes Gershom Scholem offiziell als Nachnamen an. 1909 traf er in Palästina mit Chaim Nachman Bialik zusammen, der damals in Odessa lebte.
1912 erschien sein erstes Buch Und das Krumme wird gerade, zunächst in Fortsetzungen in der Wochenzeitschrift der sozialistischen Gruppe HaPoel HaZair. In einem chassidischen Rahmen variiert es die Geschichte von Enoch Arden. Josef Chaim Brenner erkannte als einer der Ersten Agnons Begabung und unterstützte die Buchveröffentlichung auch finanziell. Für Brenner war es das erste Werk profaner hebräischer Literatur, in dem die jüdische Tradition zu einem rein künstlerischen Mittel geworden war.
Im selben Jahr reiste Agnon mit Unterstützung von Arthur Ruppin, dem Leiter des Palästinaamtes, nach Deutschland. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte zunächst die Rückreise. In Berlin gehörten Salman Schasar und David Shimoni zu seinem Bekanntenkreis. Micha Josef Berdyczewski lehnte jeden Kontakt schroff ab, Martin Buber dagegen war von dem jungen Autor sehr angetan. Buber sah ihn berufen, „ein Dichter und Chronist des jüdischen Lebens zu werden“. Während des Krieges lebte Agnon großenteils von seiner Arbeit als literarischer Ratgeber des Jüdischen Verlags von Aron Eliasberg. 1916 erschien dort in der Sammelschrift Treue erstmals ein größeres Stück seines Erstlings auf Deutsch.
Gershom Scholem lernte ihn bei seinem ersten Übersetzer Max Strauß kennen und erinnerte sich an eine „Aura von Einsamkeit und nicht wenig Weltschmerz“. Agnon schrieb damals viele Gedichte, die später verbrannten. In Gesellschaft junger Leute konnte er lange schweigen; schaltete er sich aber ein, floss er über von alten Geschichten und Anekdoten. Sein Deutsch trug galizischen Akzent und den Tonfall chassidischer Anekdoten.
In Berlin fand Agnon auch einen Mäzen: den Kaufmann Salman Schocken, der Warenhäuser betrieb. Schocken förderte ihn in einem Maß, das in der hebräischen Literatur des 20. Jahrhunderts kaum eine Entsprechung hat. So lebte Agnon frei von materiellen Sorgen als Schriftsteller und Herausgeber und schrieb zahlreiche Erzählungen. Unmittelbar nach Kriegsende 1918 erschien Und das Krumme wird gerade in der Übersetzung von Max Strauß. Das Buch war erfolgreich und wurde vor allem in der deutsch-jüdischen Presse wohlwollend besprochen.
1917/18 hielt er sich längere Zeit in Leipzig auf, wo seine Schwester Rosa lebte. Nach dem Krieg verbrachte er ein Jahr in München und lernte dort die Kunststudentin Esther Marx (1889–1973) kennen, Tochter des Bankiers George Marx aus Königsberg. Im Mai 1920 heirateten die beiden in Berlin gegen den Widerstand ihres Vaters. Kurz darauf kam eine Tochter zur Welt, ein Jahr später ein Sohn. Das Paar ließ sich zuerst in Wiesbaden nieder, ab 1921 in Bad Homburg im Haus Imperial an der Kaiser-Friedrich-Promenade. Dort kamen bedeutende jüdische Schriftsteller und Denker zusammen, unter ihnen Bialik, Achad Haam und Nathan Birnbaum. Mit Bialik verband Agnon ein enger Kontakt.
Diese Zeit endete tragisch. Am 5. Juni 1924 zerstörte ein Brand sein Haus in Bad Homburg samt einer Bibliothek von 4000 hebräischen Büchern und zahlreichen Manuskripten. Verloren ging dabei auch die Arbeit an Be-zror ha-chajim, einer Reihe von Porträts und Chroniken aus der Welt des polnischen Judentums. Von diesem Manuskript sei nur etwas in der Größe eines Knaufes übrig geblieben, schrieb Agnon an Buber. Schon im folgenden Herbst kehrte die Familie nach Jerusalem zurück. 1929 wurden Besitz und Bücher ein zweites Mal vernichtet, diesmal bei Plünderungen durch Araber. Im Kurpark von Bad Homburg entstand 1993 ein Denkmal für ihn.
Auch in Palästina blieb Agnon mit Schocken in Verbindung und besorgte alte Bücher und Handschriften für dessen Sammlung. 1928 teilte Schocken ihm mit, er wolle einen eigenen Verlag für deutsche und hebräische Bücher gründen. Der Schocken Verlag brachte 1932 die Gesammelten Erzählungen in vier Bänden heraus, die von der Kritik begeistert aufgenommen wurden. Die hebräische Zeitung Davar widmete der Ausgabe acht Seiten. Im Februar 1930 reiste Agnon für ein halbes Jahr nach Leipzig, wo der Verlag seine Druckerei hatte, und korrigierte gewissenhaft die Druckfahnen. Der Stadt und ihren Juden um 1915 setzte er später in Herrn Lublins Laden ein Denkmal. Im Anschluss besuchte er nach zwanzig Jahren wieder seine Geburtsstadt Butschatsch, was in den Roman Nur wie ein Gast zur Nacht einging.
Neben dem erzählerischen Werk betätigte Agnon sich seit seinen deutschen Jahren als Herausgeber von Sammlungen. Im Jüdischen Verlag erschienen Das Buch von den polnischen Juden und Maos Zur, ein Chanukkah-Buch. In Jerusalem arbeitete er an drei weiteren Anthologien: eine über die hohen Feiertage zwischen Neujahr und Versöhnungstag, eine mit Anekdoten aus dem hebräischen Buchwesen und eine mit Aussprüchen der jüdischen Literatur über die Zehn Gebote.
Zahlreiche Auszeichnungen begleiteten sein Ansehen. 1934 erhielt er den erstmals verliehenen Bialik-Preis, 1950 ein zweites Mal. Es folgten mehrere Ehrendoktorwürden und 1962 die Ehrenbürgerschaft von Jerusalem. 1954 und 1958 wurde er mit dem Israel-Preis geehrt. 1966 kam der Nobelpreis für Literatur hinzu, den er sich mit Nelly Sachs teilte.
Agnon starb am 17. Februar 1970, vier Jahre nach der Nobelpreisverleihung. Auch beim Sterbeort widersprechen sich die Quellen: Wikidata nennt Jerusalem, die Deutsche Nationalbibliothek Rechovot. Beigesetzt wurde er am Ölberg in Jerusalem.
Literarische Merkmale↑
Agnon erzählt, wie es einmal beschrieben wurde, „orientalisch“: nicht straff und auf Spannung gebaut, sondern bewusst langsam, sich in Nebengeschichten verzweigend und ganz am Vorgang des lebendigen Erzählens orientiert. Seine Sprache steht der alten Andachtsliteratur nahe, ohne sie nachzuahmen. Über sein erstes Buch hieß es, es sei in dem Stil geschrieben, den die Autoren der alten Andachtsbücher benutzt hätten, wären sie große Künstler gewesen.
Durch das gesamte Werk zieht sich eine Spannung zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite steht die Tradition, die Sicherheit verleiht; auf der anderen die Verlorenheit des modernen Juden, dem diese Überlieferung abhandengekommen ist oder nicht mehr sinnvoll erscheint. Ebenso stehen sich zwei Schauplätze gegenüber: die Welt von Butschatsch und des polnischen Judentums und das neue Leben, das in Israel heranwächst. Diese Zweigleisigkeit hat manche Leser durchaus verwirrt.
Bekannt machten ihn zuerst die kürzeren Erzählungen. Sie gelten als literarische Kleinodien, die auf kleinstem Raum einen sehr reichen Inhalt fassen. Viele sind von Trauer durchzogen, die zugleich Trost spenden kann. Menschliche Leidenschaften stellt Agnon wahrheitsgetreu dar, aber ohne Pathos und ohne Gefühlsausbrüche. Kaum je erhebt Agnon die Stimme, und in seinen Schriften findet sich keine Spur expressionistischer Hysterie. Auch Situationen, die einen lauten Ton vertragen könnten, übermittelt er mit ruhiger, ja leiser Stimme. Darin wirkt die rabbinische Prosa von Mischna und Midrasch nach.
Auch in den chassidischen Erzählungen, in denen die Durchdringung des jüdischen Lebens mit Mystik im Mittelpunkt steht, vermeidet er jede Sentimentalität. Das Übernatürliche verwebt er eng mit der nackten Wirklichkeit. Der Boden, auf dem selbst der fromme Jude sich bewegt, ist dabei dünn: Dunkle Mächte lauern überall, und es braucht nur einen kleinen Ruck, damit dieser Boden nachgibt und den Menschen den Dämonen überlässt, die möglicherweise nichts anderes sind als seine eigenen Unsicherheiten. In Sefer ha-ma'assim von 1942 hat Agnon Geschichten dieser Art gesammelt. Der Mensch glaubt zu handeln, doch seine Taten verwandeln sich unter der Hand in Schicksalsschläge. Gerade hier tritt die literarische Verwandtschaft mit Kafka deutlich hervor.
Rezeption↑
Anerkennung fand Agnon schon früh. Josef Chaim Brenner erkannte als einer der Ersten seine Begabung, Martin Buber sah in ihm einen künftigen Chronisten des jüdischen Lebens. Nach dem Erfolg der deutschen Übersetzung von 1918 stellte Max Brod ihn als gesamteuropäischen Künstler neben Oskar Kokoschka, Gustav Meyrink und Rudolf Borchardt. Fritz Mordechai Kaufmann meinte, Agnon befriedige das Bedürfnis westlich geprägter Juden nach einer Begegnung mit ihren osteuropäischen Glaubensgenossen auf vollkommene Weise.
Für die Verbreitung im deutschen Sprachraum sorgte vor allem sein Verleger Salman Schocken. Als die Nationalsozialisten den Schocken Verlag schlossen, ging Schocken 1934 zunächst nach Tel Aviv und eröffnete sein Verlagshaus dort neu. 1940 emigrierte er nach New York und machte Agnons Werke auch dem englischsprachigen Publikum zugänglich. Die vierbändigen Gesammelten Erzählungen von 1932 waren zuvor von der Kritik begeistert aufgenommen worden.
Seit seiner Rückkehr nach Palästina galt Agnon als einer der wichtigsten Vertreter der modernen hebräischen Literatur. Bei der Entscheidung des Nobelpreiskomitees spielte die deutsche Übersetzung von Nur wie ein Gast zur Nacht aus dem Jahr 1964 eine große Rolle. Wie schwer diese Prosa zu übertragen ist, wusste Scholem aus eigener Erfahrung: Er hatte um 1920 selbst Erzählungen Agnons übersetzt, von denen einige in Bubers Zeitschrift Der Jude erschienen. Neben den frühen Übertragungen von Max Strauß rühmte er besonders die Leistung von Karl Steinschneider und Tuwia Rübner.
Sein Nachwirken ist in Israel sichtbar geblieben. Der literarische Nachlass ging von der Familie an die Israelische Nationalbibliothek. Sein 1931 im Bauhaus-Stil erbautes Wohnhaus in Talpiot wurde zum Museum Beit Agnon, das Arbeitszimmer blieb unverändert. Eine nahe Hauptstraße und eine Synagoge tragen seinen Namen. Zwischen 1985 und 2014 war sein Bild auf den 50-Schekel-Scheinen zu sehen. Amos Oz widmete ihm Das Schweigen des Himmels.
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