1920
Kristin Lavranstochter
Überblick↑
Das dreiteilige Romanwerk Kristin Lavranstochter der norwegischen Schriftstellerin Sigrid Undset erzählt vom Leben einer Edelfrau im Norwegen des 14. Jahrhunderts. Es besteht aus den Romanen Der Kranz (1920), Die Frau (1921) und Das Kreuz (1922). Für dieses Werk erhielt Undset 1928 den Nobelpreis für Literatur. Die Auszeichnung wurde vor allem mit ihrer „eindrucksvollen Beschreibung der nordischen Lebensweise während des Mittelalters" begründet. Gelobt wird die Trilogie besonders für ihre historische und ethnologische Genauigkeit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Kristin, die Tochter des angesehenen und wohlhabenden Edelmanns Lavrans. Sie wächst in Sel im Gudbrandsdal in einer liebevollen, tiefreligiösen Familie auf und entwickelt einen empfindsamen, zugleich eigensinnigen Charakter, der sich immer wieder gegen den Willen der Eltern stellt. Schon in jungen Jahren wird sie mit Schicksalsschlägen konfrontiert. Nach einem Vorfall, der Zweifel an ihrem Ruf weckt, kommt sie für einige Zeit in ein Kloster in Oslo. Dort nimmt ihr Leben eine entscheidende Wendung.
Obwohl Kristin mit dem Sohn eines Nachbargutsbesitzers verlobt ist, verliebt sie sich in den Edelmann Erlend, dessen Vergangenheit ihn mit Kirche und Gesellschaft in Konflikt gebracht hat. Aus dieser leidenschaftlichen, verbotenen Liebe erwächst ein langer Widerstreit zwischen eigenem Willen und Familie, zwischen Begehren und Glauben. Der Zyklus begleitet Kristin über viele Jahre durch Liebe, Ehe und Mutterschaft. In all diesen Konflikten wird ihr katholischer Glaube zum inneren Halt.
Die Handlung im Detail↑
Kristin wächst in Sel im Gudbrandsdal auf, als Tochter des geachteten und wohlhabenden Edelmanns Lavrans und seiner Frau Ragnfrid. Ragnfrid leidet an Schwermut: Sie hat drei Söhne im Kleinkindalter verloren, und ein Unfall hat die jüngere Tochter Ulvhild gelähmt. In der liebevollen, tiefreligiösen Familie entwickelt Kristin einen empfindsamen, aber eigensinnigen Charakter und widersetzt sich den Eltern in großen wie kleinen Dingen. Schon früh trifft sie das Unglück. Eine versuchte Vergewaltigung kann sie abwehren, doch der Vorfall beschädigt ihren Ruf. Man schickt sie in das von Benediktinerinnen geführte Nonneseter-Kloster in Oslo.
Obwohl sie mit Simon Darre, dem Sohn eines Nachbargutsbesitzers, verlobt ist, verliebt sich Kristin in Erlend Nikulaussøn vom Gut Husaby in Trøndelag. Erlend ist exkommuniziert, weil er offen mit Eline zusammenlebt, der Frau eines angesehenen Richters. Eline hat ihren betagten Mann für Erlend verlassen; die beiden haben zwei Kinder, Orm und Margret, die als Kinder einer ehebrecherischen Verbindung keine Rechte besitzen. Erlend verführt Kristin, und beide werden in Elines Tod verwickelt. Damit laden sie vor Kirche und Staat schwere Schuld auf sich.
Lavrans verbietet die Verbindung, doch Kristin beharrt auf ihrem Willen. Der Streit zwischen Vater und Tochter zieht sich über drei Jahre. Erst als Ulvhild stirbt, gibt Lavrans nach und willigt in die Ehe ein. Noch vor der Hochzeit wird Kristin schwanger; aus Scham verheimlicht sie es. So heiratet sie mit allen Vorrechten der jungfräulichen Braut – mit offenem Haar und der seit Generationen vererbten Brautkrone. Der goldene Kranz, der dem ersten Buch den Titel gibt, steht für ihre Unschuld. Nach der Verführung darf sie ihn nicht mehr tragen, tut es aber aus Angst vor der Entdeckung dennoch.
Mit Kristins Ankunft in Husaby beginnt der zweite Teil. Sie bereut ihre Sünden und bangt um ihr ungeborenes Kind. Zugleich erkennt sie, wie leichtfertig Erlend mit seinem Besitz umgeht, während seine Leidenschaft für sie ungebrochen bleibt. Ihr erster Sohn Nikulaus, kurz Naakkve genannt, kommt gesund zur Welt. Nach der Beichte pilgert Kristin zum Schrein des Heiligen Olav nach Trondheim und spendet dort ihren goldenen Kranz.
In den folgenden Jahren gebiert sie sechs weitere Söhne und trägt die Hauptlast des Haushalts. Sie zieht die eigenen Kinder und Erlends Kinder aus früherer Verbindung groß und muss seine Schwächen bei der Gutsführung ausgleichen. Ihre Eltern sterben. Ihre Schwester Ramborg heiratet mit vierzehn Jahren Simon Darre, Kristins früheren Verlobten, der Kristin heimlich noch immer liebt. Erlend übernimmt eine führende Rolle in einer Verschwörung gegen den König, um dessen Sohn auf den Thron zu bringen. Teils aus Groll über Kristins Kälte lässt er sich auf eine kurze Affäre ein, die er nach einer Woche wieder beendet. Doch die verschmähte Geliebte findet dabei einen Brief seiner Mitverschwörer und verrät ihn an die Staatsgewalt. Die aussichtsreiche Intrige, die Erlend und seine Söhne in den höchsten Adel erhoben hätte, scheitert an seiner Unbesonnenheit. Simon Darre setzt Kristin zuliebe alle seine Beziehungen ein und rettet Erlend vor der Hinrichtung. Erlend aber muss seinen Besitz an die Krone abtreten. Husaby ist verloren, das Erbe der Söhne verspielt; nur Jørundgård, Kristins Elternhof, bleibt der Familie.
Kristin, Erlend und die Söhne ziehen nach Jørundgård, gewinnen aber trotz Simons und Ramborgs Fürsprache die Nachbarn nicht für sich. Als Ramborg und Erlend erkennen, dass Simon nie aufgehört hat, Kristin zu lieben, entfremden sich die beiden Familien. Kristin sorgt sich zunehmend um die Zukunft ihrer Söhne, die durch Erlends Scheitern um ihr Erbe gebracht wurden. In einem heftigen Streit hält sie Erlend ihren Vater vor, dem es gelang, sein Erbe nicht nur zu erhalten, sondern zu mehren – und das, während ringsum alle Nachbarn Schulden aufnahmen und ihr Land an die Krone verloren. Tief getroffen verlässt Erlend das gemeinsame Heim und zieht nach Haugen, den früheren Wohnsitz seiner Tante Aashild, wo diese einst von ihrem Mann ermordet wurde.
Der sterbende Simon nimmt Kristin an seinem Krankenbett das Versprechen ab, Erlend um Vergebung für ihre harschen Worte zu bitten; die beiden versöhnen sich vorübergehend. Kristin wird noch einmal schwanger, doch Erlend weigert sich, nach Jørundgård zurückzukehren, und besteht darauf, dass sie zu ihm nach Haugen zieht. Wütend und zutiefst verletzt, lässt Kristin den neugeborenen Sohn auf den Namen Erlend taufen. Damit begeht sie einen schweren Tabubruch, denn nach dem örtlichen Aberglauben darf ein Kind nicht nach einem lebenden Verwandten benannt werden, sonst stirbt einer von beiden. Für ihr Umfeld und auch für Erlend ist dies der endgültige Bruch. Der Aberglaube bewahrheitet sich: In dem Moment, in dem das Kind den Namen des Vaters erhält, beginnt es zu schwächeln und stirbt bald darauf.
Eine große Stütze ist Kristin in dieser Zeit ihr Vorarbeiter. Als dessen Ehe zerbricht, führt die Eifersucht seiner Frau dazu, dass Kristin öffentlich des Ehebruchs und der Mitschuld am Tod ihres Kindes beschuldigt wird. Ihre Söhne eilen ihr zu Hilfe; der zweitjüngste, Lavrans, reitet zu Erlend, um ihn zu benachrichtigen. Erlend bricht sofort auf, um die Sache aufzuklären. Er bezeugt Kristins Unschuld, wird aber bei der Rückkehr zum Hof im Streit mit den Einheimischen erschlagen. Er stirbt in ihren Armen, ehe er einem Priester seine Sünden beichten kann.
Kristin übergibt das Gut ihrem dritten Sohn und dessen Frau und geht nach Trondheim, wo sie als Laienschwester ins Reins-Kloster aufgenommen wird. Als 1349 die Pest Norwegen heimsucht, widmet sie sich der Pflege der Kranken. Sie erfährt vom Pesttod ihrer zwei ältesten Söhne und erkrankt kurz darauf selbst. Zuvor gelingt es ihr noch, ein Menschenopfer zu verhindern, mit dem verzweifelte Einheimische in einer Rückkehr zu heidnischem Brauchtum ihren letzten Ausweg suchen. Versöhnt mit ihrem Gott stirbt Kristin.
Zur selben Zeit spielt Undsets Tetralogie Olav Audunssohn. Dort treten Kristins Eltern kurz in Erscheinung – als glückliches, wohlhabendes und frisch verheiratetes Paar, noch vor Kristins Geburt, lange bevor auch sie ihre Söhne verlieren und von Schicksalsschlägen getroffen werden.
Stil↑
Kennzeichnend für die Trilogie ist das nahtlose Verweben von erfundener Handlung und historischen Tatsachen. Undset schildert das mittelalterliche Norwegen mit großer Detailtreue und verbindet dies mit feinen psychologischen Einblicken in ihre Figuren. Otto Reinert weist darauf hin, dass ihre Sprache Vokabular, Satzbau und den Tonfall des Altnordischen aufnimmt und dadurch authentisch wirkt. Das Erzähltempo ist langsam, wird aber wegen der spannenden Handlung kaum als solches empfunden. Die beschreibenden Passagen besitzen eine lyrische Qualität, die den Eindruck von Synästhesie erzeugt – also eines Ineinandergreifens verschiedener Sinneswahrnehmungen. Reinert hebt zudem Undsets enzyklopädisches Erzählen in der Tradition des großen Epos hervor: Es bestätigt die gesamte erfahrbare Wirklichkeit und wendet sich gegen ein Kreisen allein um das eigene Ich.
Rezeption↑
Vor allem für die Detailtreue, mit der Undset Norwegens mittelalterliche Vergangenheit darstellt, wird die Trilogie gelobt, ebenso für das Verweben von Fiktion und historischen Fakten und für ihre psychologischen Einblicke. Manche Kritiker bemängeln dagegen die altmodische Erzählweise sowie die Anwendung moderner Psychologie auf historische Figuren und werfen der Prosa einen Mangel an Stil vor. Diesem letzten Vorwurf tritt Otto Reinert entgegen. Er sieht die Trilogie nicht zwingend als christlichen Roman, sondern als einen Roman, in dem der christliche Glaube der Hauptfigur den Kern der Geschichte bildet.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts geriet das Werk außerhalb Skandinaviens beinahe in Vergessenheit. Erst eine neue englische Übersetzung von Tina Nunally führte 1997 wieder zu steigendem Interesse. Zur erneuten Popularität trug auch der amerikanische Schriftsteller William T. Vollmann bei, der Kristin in einem Interview mit der New York Times als seine literarische Lieblingsfigur nannte – „willensstark, sinnlich, selbstzerstörerisch und letztlich grundsolide". In der feministischen Rezeption wird der fehlende Zorn über die Vorrangstellung weiblicher Keuschheit im Patriarchat kritisiert. Besonderer Beliebtheit erfreut sich die Trilogie hingegen in katholischen Kreisen, die sie als seltenes Beispiel für eine unsentimentale und zugleich empathische Darstellung religiöser Figuren schätzen.
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