1912
Das Waldlied
Überblick↑
Das dramatische Gedicht Das Waldlied von Lessja Ukrajinka ist ein poetisches Bühnenstück in drei Akten mit einem Vorspiel. Die Autorin verfasste es 1911 in der Stadt Kutaissi; im Druck erschien es 1912. Zur Gattung gehört die Feerie, das Zauber- und Märchenspiel, in dem Naturgeister und Menschen aufeinandertreffen. Im Mittelpunkt steht die Liebe zwischen einer Waldnymphe und einem jungen Mann. Das Werk gilt als eines der frühen Beispiele des Phantastischen in der ukrainischen Literatur.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein alter Wald in Wolhynien bildet den Schauplatz, ein wildes und geheimnisvolles Reich der Naturgeister. Zu Frühlingsbeginn regen sich dort Wassernixen, ein Wassermann und andere Wesen des Waldes. In diese Welt kommen der gutmütige alte Onkel Lew und sein Neffe Lukasch, um am Waldrand ein Haus zu bauen. Der Alte warnt den jungen Burschen, mit den Waldbewohnern behutsam umzugehen.
Als Lukasch aus Schilfrohr eine Flöte schnitzt, lockt der Klang die Waldnymphe Mavka an. Sie hindert ihn daran, eine Birke zu verletzen, und die beiden begegnen einander zum ersten Mal. Lukasch ist überrascht von der ungewöhnlichen Schönheit des Mädchens, von ihrer Freundlichkeit und ihrem feinen Sinn für Musik. Mavka und Lukasch verlieben sich ineinander.
Doch die Welt der freien Naturgeister und die Welt der arbeitenden Menschen lassen sich nur schwer vereinen. Als der Sommer vergeht und das Haus fertig gebaut ist, treten die harten Ansprüche des Alltags zwischen die Liebenden. Lukaschs Mutter verlangt eine tüchtige Schwiegertochter, die auf dem Feld und im Haus arbeitet – eine Rolle, die der Nymphe fremd ist. Das Stück fragt, ob eine Liebe zwischen Freiheit und Pflicht, zwischen Traum und Wirklichkeit bestehen kann.
Die Handlung im Detail↑
Im Vorspiel öffnet sich ein alter Wald in Wolhynien zu Frühlingsbeginn. Ein Wassergeist, der die Dämme durchbricht, tritt hervor und spricht mit den verlorenen Kindern und mit der Wassernixe Rusalka, die ihm seine Untreue vorwirft. Der Wassermann streitet mit Rusalka und hält ihr vor, sie treffe sich mit einem falschen Fremden.
Im ersten Akt kommen Onkel Lew und sein Neffe Lukasch, um an dieser Stelle ein Haus zu errichten. Lew ist alt und gütig, Lukasch noch ein junger Mann. Der Alte mahnt den Burschen, den Waldbewohnern nichts zuleide zu tun. Der Waldgeist Lisovyk versichert der Nixe, dass Lew ihnen nicht schaden werde, und er warnt zugleich die Nymphe Mavka, sich von den Menschen fernzuhalten, denn sie brächten nur Unheil. Als Lukasch eine Flöte aus Schilf schnitzt, lockt ihr Klang Mavka herbei. Sie hält ihn davon ab, eine Birke mit dem Messer zu verletzen, und bittet ihn, ihre Schwester zu schonen. Lukasch ist erstaunt über das schöne Mädchen und fragt, wer sie sei; sie nennt sich Waldnymphe. Er erzählt ihr, dass die Menschen sich verbinden, wenn sie einander lieben, und dass man ein Haus im Wald bauen wolle. Mavka und Lukasch verlieben sich.
Im zweiten Akt ist es Spätsommer. Das Haus steht, ein Garten ist angelegt. Lukaschs Mutter schilt ihn, weil er die Zeit mit dem Flötenspiel vertue. Sie nennt Mavka nutzlos und schlampig, tadelt deren Kleidung und schickt sie zur Weizenernte. Doch Mavka kann das Korn nicht schneiden, weil es zu ihr spricht. Lukasch erklärt ihr, seine Mutter brauche eine Schwiegertochter, die auf dem Feld und im Haus arbeite. Mavka versucht, diese Gesetze mit ihrem liebenden Herzen zu begreifen, doch solche kleinen Sorgen bleiben ihr fremd, denn sie lebt in einer Welt der Schönheit. Da erscheint die Witwe Kylyna. Sie nimmt Mavka die Sichel ab und beginnt zu ernten, scherzt mit Lukasch und geht ins Haus, wo die Mutter sie freundlich aufnimmt. Lukasch begleitet Kylyna ins Dorf. Mavka leidet; die Nixe tröstet sie, warnt sie aber vor einer Liebe, die eine freie Seele zugrunde richten kann. Auch Lisovyk mahnt sie, ihrer Freiheit und der Schönheit der Natur zu gedenken und sich von den Fesseln der menschlichen Liebe zu lösen. Mavka will wieder Waldfürstin werden und kleidet sich in purpurnen, silbernen Schimmer. Perelesnyk umwirbt sie, und sie beginnen zu tanzen. Doch ein Schattenwesen will Mavka fortreißen, und sie ruft, dass sie noch lebe. Lukasch behandelt sie schroff und ruft der Mutter zu, er wolle Freier zu Kylyna schicken. Vor Kummer geht Mavka selbst mit dem Schattenwesen.
Im dritten Akt, in einer trüben Herbstnacht, schwebt Mavkas Gestalt nahe bei Lukaschs Haus. Lisovyk tritt aus dem Wald und erklärt, er habe befohlen, Lukasch in einen Werwolf zu verwandeln. Doch Mavka hofft, ihn durch die Kraft ihrer Liebe wieder zum Menschen zu machen. Lukasch aber fürchtet sich und flieht vor ihr. Im Haus herrschen Armut und Streit zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter. Mavka verwandelt sich in eine dürre Weide, aus der Kylynas Sohn eine Flöte schneidet. Die Flöte spricht mit Mavkas Stimme: „How sweet it plays, how deep it cuts, it cuts my chest, it takes my heart out…“ Kylyna will die Weide fällen, doch Perelesnyk rettet sie. Als Kylyna ihren Mann drängt, ins Dorf zurückzukehren, erscheint das verlorene Schicksal und deutet auf die Flöte. Lukasch hat Mavka die Seele gegeben, sie aber ihres Leibes beraubt. Doch sie trauert nicht um ihren Körper, denn ihre Liebe ist nun ewig. In ihrem letzten Selbstgespräch wendet sie sich an Lukasch; dies ist der Höhepunkt des Aktes. Lukasch beginnt zu spielen, Mavka erstrahlt in ihrer Schönheit, und er stürzt auf sie zu. Doch sie verschwindet. Es beginnt zu schneien, und Lukasch erstarrt mit einem Lächeln im Gesicht.
Stil↑
Geschrieben ist das Werk als dramatisches Gedicht in gebundener Sprache und gehört zur Gattung der Feerie, des Zauber- und Märchenspiels. Der Aufbau folgt einem Vorspiel und drei Akten, die den Lauf der Jahreszeiten von Frühling über Spätsommer bis in den Herbst und Winter nachzeichnen. Menschen und Naturgeister treten gleichberechtigt auf: Nixen, ein Wassermann und ein Waldgeist bevölkern die Bühne neben den Bauern. Die Natur ist beseelt und spricht – das Korn wendet sich an die Nymphe, die Flöte klingt mit ihrer Stimme. Aus dieser Verbindung von Volksglauben, lyrischer Sprache und märchenhaftem Geschehen entsteht ein poetisches Bild vom Widerstreit zwischen freier Naturwelt und dem mühevollen Alltag der Menschen.
Rezeption↑
Uraufgeführt wurde das Stück am 22. November 1918 am Kiewer Dramentheater, also einige Jahre nach seiner Niederschrift. Es zählt zu den frühen Beispielen des Phantastischen in der ukrainischen Literatur und hat über die Jahrzehnte immer wieder Künstler zu neuen Fassungen angeregt. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 1961 unter der Regie von Wiktor Iwtschenko und 1981 durch Jurij Illjenko. 1976 entstand ein Animationsfilm von Alla Hratschowa. 2023 kam der Film Mavka – Hüterin des Waldes in die Kinos. Daneben fanden die Figuren ihren Weg auf die Bühne, unter anderem als Ballett und als musikalisch-dramatisches Werk. So lebt die Waldnymphe bis heute in Bildern, Klängen und bewegten Filmen fort.
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