Wahre Geschichten
Überblick↑
Das Werk Wahre Geschichten ist ein parodistischer Reisebericht des Lukian von Samosata aus dem 2. Jahrhundert nach Christus. Der Erzähler schildert darin eine Seefahrt, die ihn und seine Gefährten weit über die bekannte Welt hinausträgt – bis auf den Mond und in den Bauch eines gewaltigen Wals. Die Erzählung gilt als früheste bekannte literarische Darstellung einer Reise durch den Weltraum, außerirdischer Lebensformen und eines Krieges zwischen den Himmelskörpern. Manche Autoren bezeichnen sie deshalb als erstes Werk der Science-Fiction. Gedacht war das Ganze als Satire: Lukian spottete über die Geschichtsschreibung seiner Zeit und der Vergangenheit, die fantastische und mythologische Geschehnisse unkritisch als Tatsachen ausgab.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Gemeinsam mit einer Gruppe abenteuerlustiger Gefährten segelt der Erzähler westwärts durch die Säulen des Herakles, die heutige Straße von Gibraltar, um jenseits des Atlantiks neue Länder und Völker zu entdecken. Ein heftiger Wind treibt das Schiff vom Kurs ab, und nach fast achtzig Tagen erreichen die Reisenden eine seltsame Insel. Dort fließt ein Strom aus Wein voller Fische, riesige und gewöhnliche Fußspuren zeugen von früheren Besuchern, und Mischwesen aus Frau und Weinrebe erwarten die Ankömmlinge.
Kaum haben sie die Insel verlassen, erfasst ein Wirbelsturm das Schiff und schleudert es tagelang durch die Luft, bis es schließlich auf dem Mond aufsetzt. Dort empfangen griechisch sprechende Bewohner die Fremden, und diese geraten mitten in einen Krieg zwischen dem König des Mondes und dem König der Sonne, in dem die sonderbarsten Geschöpfe gegeneinander antreten. Von hier aus führt die Fahrt zu immer neuen, immer wunderlicheren Welten – ein Zug ins Fantastische, der bis zum Schluss nicht abreißt.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn bricht der Erzähler mit einer Schar wagemutiger Gefährten auf und segelt durch die Säulen des Herakles westwärts in den Atlantik, um unbekannte Länder zu finden. Ein starker Wind verschlägt das Schiff, und nach 79 Tagen landen die Männer auf einer Insel. Dort entdecken sie einen Fluss, der Wein statt Wasser führt und voller Fische ist, dazu eine Inschrift, die verrät, dass Herakles und Dionysos bis an diesen Ort gelangt sind, sowie normale und riesenhafte Fußabdrücke. Sie treffen auf Wesen, die halb Frau, halb Weinrebe sind. Einige der Gefährten, die sich mit diesen Wesen einlassen, verwandeln sich selbst in solche Mischgeschöpfe. Für diese „Weinrebenbegattung“ erfindet Lukian das Wort Ampelomixia.
Nach der Abfahrt von der Insel packt ein Wirbelsturm das Schiff und wirbelt es sieben Tage lang durch die Luft, bis es auf dem Mond niedergeht. Griechisch sprechende Mondbewohner begrüßen die Reisenden. Der König des Mondes führt gerade Krieg gegen den König der Sonne, und der Streit geht um den Morgenstern. In den Heeren beider Seiten kämpfen menschenähnliche Pilze, hundsköpfige Wesen, die auf Eicheln reiten, und Zentauren aus Wolken. Ausführlich schildert Lukian die Beschaffenheit von Sonne, Mond, Sternen und Planeten und die Eigenarten ihrer Bewohner. Auf dem Mond etwa gibt es keine Frauen; die Kinder wachsen in den Waden der Männer heran.
Zurück auf der Erde, wird das Schiff von einem zweihundert Meilen langen Wal verschluckt. In seinem Inneren leben verschiedene Menschengruppen, die einander bekriegen. Den Reisenden gelingt die Flucht aus dem Wal. Sie stoßen auf ein Meer aus Milch mit einer Insel aus Käse und erreichen schließlich die Insel der Seligen. Dort begegnen sie den Helden des Trojanischen Krieges und anderen Gestalten der Sage und treffen sogar auf Homer selbst. Sie sehen auch, wie der Geschichtsschreiber Herodot mit ewiger Pein bestraft wird, weil er in seinen Historien Lügen verbreitet hat.
Weiter führt die Reise nach Ogygia. Dort überbringen die Gefährten der Nymphe Kalypso einen Brief, den Odysseus ihnen mitgegeben hat und in dem er seine Reue darüber ausdrückt, sie verlassen zu haben – hätte er doch an ihrer Seite unsterblich werden können. Auf der Weiterfahrt gelangen sie an eine Spalte im Ozean, umsegeln sie und entdecken einen neuen Kontinent, den sie zu erkunden beschließen. An dieser Stelle bricht die Erzählung recht abrupt ab: Lukian kündigt an, die Abenteuer auf dem neuen Kontinent seien der Stoff des nächsten Bandes.
Stil↑
Kennzeichnend für die Erzählung ist ihre durchgängig satirische Absicht. Lukian ahmt die Form des ernsthaften Reise- und Augenzeugenberichts nach, füllt sie aber mit lauter Unmöglichkeiten und treibt so den Spott mit einer Geschichtsschreibung, die fantastische und mythologische Geschehnisse als bare Wahrheit ausgab. Die Übertreibung ist das eigentliche Mittel: Ein Fluss aus Wein, ein Krieg zwischen Mond und Sonne, ein Wal, groß genug, um ganze Völker zu beherbergen – je unglaublicher das Wunder, desto deutlicher der Hohn auf jene, die solche Dinge für Tatsachen verkauften.
Die Handlung ist lose gefügt und reiht ein Abenteuer an das nächste, sodass sich der Erzähler von einem Schauplatz zum anderen treiben lassen kann. Seine Spielfreude zeigt sich auch an der Sprache: Für die Begattung der Weinrebenwesen prägt er eigens das neue Wort Ampelomixia. Selbst der Schluss ist Teil des Spiels. Statt eines Endes verspricht Lukian scheinbar seriös einen Folgeband – ein letzter ironischer Seitenhieb auf die Geschichtenerzähler, die ihre Berichte gern ins Unendliche fortsetzten.
Rezeption↑
Aufmerksamkeit findet das Werk vor allem wegen seiner Sonderstellung in der Literaturgeschichte. Es gilt als früheste bekannte literarische Darstellung einer Reise durch den Weltraum, außerirdischer Lebensformen und eines Krieges zwischen den Gestirnen. Aus diesem Grund führen manche Autoren die Erzählung als erstes Werk der Science-Fiction in der Weltliteratur. So wird ein Text aus dem 2. Jahrhundert bis heute als überraschend früher Vorläufer eines Erzähltyps gelesen, den man gewöhnlich für eine Erfindung der Neuzeit hält.
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