1933
So lebt der Mensch
Überblick↑
Der Roman So lebt der Mensch von André Malraux erschien 1933 im französischen Original unter dem Titel La Condition humaine. Er bildet den dritten Teil einer Trilogie und schließt an Die Eroberer von 1928 und Der Königsweg von 1930 an. Das Buch führt in das China der 1920er-Jahre und verbindet politische Umwälzung mit den großen Fragen nach dem Sinn menschlichen Daseins. Das Magazin Der Spiegel zählt den Roman zu den hundert besten der Jahre zwischen 1925 und 2025.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz des Romans ist Schanghai im Frühjahr 1927. Die erzählte Zeit umfasst fünfundzwanzig Tage, vom Vorabend eines kommunistischen Aufstands im März bis in den April hinein. In dieser kurzen Spanne verdichten sich die Ereignisse zu einem Strudel, in dem sich das Schicksal mehrerer Menschen kreuzt.
Im Mittelpunkt stehen drei sehr verschiedene Männer. Kyo Gisors führt den Aufstand an und will die Macht für die Arbeiter gewinnen, ehe sie ihnen von der Armee entrissen wird. Zugleich muss er einen Konflikt mit seiner Frau bewältigen. Ch'en Ta Erh, ein junger Terrorist, gerät durch das Töten in einen dunklen Sog, aus dem er kaum noch herausfindet. Und der französische Kaufmann Baron De Clappique, ein Schmuggler und leidenschaftlicher Spieler, hilft den Aufständischen und gerät dabei selbst in Gefahr.
Um diese drei gruppiert sich eine Reihe weiterer Gestalten: Kyos opiumsüchtiger Vater, ein früherer Professor, seine Frau, eine in Schanghai geborene deutsche Ärztin, russische und belgische Mitstreiter, ein französischer Wirtschaftsführer und der Chef der gegnerischen Polizei. Angesichts der politischen Wendungen sieht sich jeder von ihnen unversehens vor die grundlegenden Fragen des eigenen Lebens gestellt.
Die Handlung im Detail↑
Der Roman spielt in Schanghai zwischen dem Vorabend des kommunistischen Aufstands am 21. März 1927 und dem Massaker am 12. und 13. April 1927. In diesen fünfundzwanzig Tagen verflechten sich die Wege der Hauptfiguren, deren Entscheidungen und Schicksale eng miteinander verbunden sind.
Ch'en Ta Erh, im französischen Original „Tchen“ geschrieben, ermordet zu Beginn einen politischen Gegner. Durch das Töten verändert er sich tiefgreifend. Weil er dem Tod in diesem Augenblick so nahe war, verfällt er einem Fatalismus und will nur noch weiter töten. Das Terroristendasein wird zu seinem einzigen Lebensinhalt. Der Tod verfolgt und quält ihn, und aus dem Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber dem Unausweichlichen heraus wünscht er schließlich, selbst zu sterben, damit die Qual endet. Ch'en kommt bei einem fehlgeschlagenen Selbstmordanschlag auf Chiang Kai-shek ums Leben. Seine Helfer Suan und Pei sind an diesem Anschlag beteiligt; Suan wird dabei verhaftet.
Kyo Gisors ist der Führer des Aufstands. Er ist überzeugt, dass jeder Mensch seine eigene Aufgabe wählen müsse, statt sich von äußeren Kräften lenken zu lassen. Einen großen Teil der Handlung versucht er, die Macht für die Arbeiter zu gewinnen und zu verhindern, dass die Armee der Kuomintang sie an sich reißt. Daneben muss er einen Konflikt mit seiner Frau May lösen. Am Ende wird Kyo gefangen genommen. Er entscheidet sich für den Freitod durch Gift. Darin liegt für ihn ein letzter Akt der Selbstbestimmung, mit dem er sein Schicksal selbst gestaltet.
Baron De Clappique, ein französischer Kaufmann, Schmuggler und besessener Spieler, hilft Kyo dabei, eine Ladung Waffen abzuzweigen. Später wird ihm gesagt, sein Leben sei in Gefahr, wenn er die Stadt nicht binnen achtundvierzig Stunden verlasse. Auf dem Weg, Kyo zu warnen, bleibt er an einem Spieltisch hängen und kann nicht mehr aufhören. Das Glücksspiel ist für ihn ein Selbstmord, ohne zu sterben. Nach außen wirkt Clappique heiter und liebenswürdig, im Inneren aber leidet er. Am Ende verlässt er die Stadt, als Matrose verkleidet.
Um diese drei Männer bewegen sich weitere Gestalten. Old Gisors, Kyos opiumsüchtiger Vater, war einst Professor der Soziologie in Peking und dient Kyo wie Ch'en als geistiger Führer. May Gisors, Kyos Frau, ist eine in Schanghai geborene deutsche Ärztin. Katov, ein Russe, hilft den Aufstand zu organisieren; er wird wegen Verrats bei lebendigem Leib verbrannt. Hemmelrich, ein belgischer Grammophonhändler, und sein Partner Yu Hsuan gehören ebenso zum Kreis wie Kama, ein japanischer Maler und Schwager von Old Gisors. Auf der anderen Seite stehen Ferral, der Präsident der französischen Handelskammer und Kopf eines Frankreich-Asien-Konsortiums, dessen Beziehung zu seiner Freundin Valerie ihn quält, weil er sie nur besitzen will, sowie Konig, der Chef von Chiang Kai-sheks Polizei.
Stil↑
Malraux verknüpft in dem Roman politisches Geschehen und philosophische Betrachtung. Die Handlung ist auf einen knappen Zeitraum von fünfundzwanzig Tagen zusammengedrängt, was den Ereignissen eine große Dichte und Wucht verleiht. Statt einer einzigen Hauptfigur stellt der Autor mehrere Gestalten nebeneinander, deren Wege sich kreuzen. Über ihre Entscheidungen und ihr Handeln stellt der Roman die Frage nach dem menschlichen Dasein selbst, wie sie schon der Originaltitel La Condition humaine anzeigt. Jede der Figuren verkörpert eine eigene Antwort auf die Nähe des Todes: den Terror, die politische Tat, das Spiel, die Selbstbestimmung im Freitod.
Rezeption↑
Der Roman gilt als eines der bekannten Werke der französischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Mario Vargas Llosa nannte ihn „einen der besten französischen Romane des 20. Jahrhunderts, ein Meisterwerk“. Er hob hervor, wie Malraux zeige, dass eine spontane Bewegung entrechteter Menschen manipuliert und in etwas verwandelt werden könne, das mit dem ursprünglichen idealistischen Antrieb nichts mehr zu tun habe. Vargas Llosa rühmte die Genauigkeit, mit der Malraux diese Verzerrung beschreibe, und verband sie mit Erfahrungen, wie man sie in Südamerika oft habe beobachten können. Auch die Aufnahme in eine Liste der hundert besten Romane der Jahre 1925 bis 2025 durch das Magazin Der Spiegel zeigt, dass das Buch bis in die Gegenwart nachwirkt.
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