1886
Islandfischer
Überblick↑
Zu den größten Erfolgen von Pierre Loti zählt der Roman Pêcheur d'Islande (deutsch ‚Islandfischer'), erschienen 1886. Gemeinsam mit Mon frère Yves bildet er Lotis „bretonischen Zyklus". Erzählt wird die Liebe einer jungen Bretonin zu einem Fischer, der jeden Winter zum Fang nach Island aufbricht. Zugleich schildert das Buch das harte Leben der Fischer und das lange Warten ihrer Frauen an der Küste. Über allem steht das Meer, das die Männer ernährt und zugleich bedroht.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Gaud Mével, eine junge Bretonin aus wohlhabendem Haus. Mit ihrem Vater, einem reich gewordenen ehemaligen Fischer, hat sie in Paris gelebt. Nun kehrt sie in ihre Heimatstadt Paimpol zurück. Dort begegnet sie Yann Gaos, einem Fischer aus dem nahen Pors-Even, und verliebt sich in ihn. Doch Yann fährt wie jedes Jahr von Februar bis Ende August zum Fischfang nach Island. Bei seiner Rückkehr bleibt er zurückhaltend, und Gaud findet keinen Zugang zu ihm.
Neben dieser Liebe erzählt der Roman vom Alltag der Fischer. Der junge Sylvestre Moan, mit Yann befreundet und mit dessen Schwester verlobt, muss zum Militärdienst in die Ferne. Seine alte Großmutter bleibt allein zurück. Die Erzählung folgt dem Rhythmus der Fangsaisons und wechselt zwischen den Männern auf See und den wartenden Frauen an Land. Immer gegenwärtig bleibt das Meer, von dem die Menschen leben und das ihr Leben bedroht.
Die Handlung im Detail↑
Auf hoher See beginnt die Geschichte. Vor Island fischen die beiden jungen Freunde Yann Gaos und Sylvestre Moan auf demselben Schiff, der „La Marie". An der bretonischen Küste lernt man Sylvestres alte Großmutter kennen, die Witwe Moan, sowie Gaud Mével, die mit ihrem Vater nach Paimpol zurückgekehrt ist. Bei einem Fest begegnen sich Yann und Gaud zum ersten Mal. Gaud verliebt sich rasch, doch Yann scheint ihre Gefühle nicht zu erwidern. Bald bricht er zur nächsten Fangsaison auf.
Danach trennen sich die Wege der beiden Freunde. Yann fährt erneut mit der „La Marie" nach Island. Sylvestre dagegen wird zum Militärdienst eingezogen und schifft sich nach Fernost ein, wo Frankreich Krieg mit China führt. In Paimpol stirbt unterdessen Gauds Vater. Er hat sein Vermögen beim Spiel verloren, und Gaud bleibt mittellos zurück.
In Fernost gerät Sylvestre in ein Gefecht und wird schwer verwundet. Auf der Heimreise mit dem Schiff stirbt der junge Bretone. Die Nachricht vom Tod des Enkels trifft die alte Witwe Moan schwer. Gaud zieht zu ihr, um sie zu pflegen. Yann, der auf See vom Tod seines Freundes erfahren hat, kehrt nach der Fangsaison nach Ploubazlanec zurück. Gauds Fürsorge rührt ihn, und er erkennt, dass er sie seit ihrer ersten Begegnung liebt. Die beiden kommen sich näher und verloben sich.
Die Hochzeit findet in großer Eile statt – nur sechs Tage vor Beginn der neuen Fangsaison. Die wenige gemeinsame Zeit kosten Gaud und Yann aus. Dann geht Yann an Bord seines neuen Schiffes, der „Léopoldine", und sticht in See.
Nun ist Gaud selbst die Frau eines Seemanns und wartet, wie zuvor die anderen Frauen, auf die Heimkehr ihres Mannes. Ein Schiff nach dem anderen kehrt zurück, doch die „Léopoldine" bleibt aus. Yann ist während der Fahrt über Bord gegangen und ertrunken. Gaud bleibt als Witwe zurück.
Stil↑
Der Roman ist in fünf Teile gegliedert. Jeder von ihnen folgt dem Takt der Fangsaisons, sodass sich Bilder von der See und vom Festland abwechseln. So sieht der Leser zugleich das Leben der Männer auf dem Meer und das der zurückgebliebenen Frauen. Erst der fünfte Teil bricht mit diesem Wechsel und zeigt nur noch Gauds Gefühle und Gedanken.
Eine Hauptrolle spielt das Meer selbst. Loti gibt ihm menschliche Züge und macht es zum stillen Zeugen aller Ereignisse. Es ist Mutter, Geliebte und Tod zugleich – es lässt die Seeleute heranwachsen und holt sie am Ende zu sich. Auch die Landschaft der Bretagne wirkt weniger wie eine Kulisse als wie eine handelnde Gestalt.
Genau und fast wie ein Chronist beschreibt Loti das Leben der Fischer. Er schildert die Enge an Bord, die schlechte Ernährung, die Kleidung, die Werkzeuge und die Fangmethoden. Ebenso hält er die Bräuche der Küste fest, etwa den „Pardon" von Paimpol, eine kirchliche Feier der Fischer. Gewidmet ist das Buch der Schriftstellerin Juliette Adam.
Rezeption↑
Ausgezeichnet wurde der Roman mit dem Prix Vitet. Bei seinem Erscheinen fiel die Aufnahme jedoch zunächst zurückhaltend aus. Man warf Loti vor, kein echter Seemann und weder Bretone noch Isländer zu sein – er schildere also eine Welt, die er gar nicht kenne. Dennoch wurde das Buch zu einem der größten Erfolge des Autors.
Das Werk regte auch andere Künstler an. Théodore Botrel schuf nach dem Roman das Lied La Paimpolaise. Lotis Buch und die von ihm angeregten Werke trugen zum Mythos des „Islandais", des Islandfischers, bei und machten die große Islandfischerei einem breiten Publikum bekannt. Noch lange wirkte die Geschichte nach: 2017 wurde eine Statue für die Fischerfrauen errichtet, angeregt vom langen Warten Gauds und der Trauer der alten Großmutter.
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