1924
Skylark
Überblick↑
Der Roman Pacsirta des ungarischen Schriftstellers Dezső Kosztolányi erschien 1924. Er erzählt von den zerstörerischen Bindungen innerhalb einer Familie, die nach außen vorbildlich wirkt. Unter der ruhigen Oberfläche des Alltags aber verbergen sich Leere und stille Verzweiflung. Kosztolányi zeigt das mit feiner Ironie und leisem Humor. Der Titel ist der Spitzname der Tochter und bedeutet „Lerche“.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im September 1899 setzt die Geschichte in der ungarischen Provinzstadt Sárszeg ein. Der pensionierte Beamte Vajkay und seine Frau Antonina schicken ihre einzige Tochter für eine Woche zu Verwandten aufs Land. Von allen wird sie „Pacsirta“, die Lerche, genannt – ein Spitzname, den sie trägt, weil sie als Kind gern sang. Inzwischen ist sie 35 Jahre alt, unverheiratet, unscheinbar und ohne Anmut. Die Eltern leben ganz für sie und behüten sie wie ein kleines Kind. Ihr ebenerdiges Häuschen am Rand der Stadt ist eine stille, sichere Insel, abgeschnitten vom übrigen Leben. Dass die Tochter kaum noch Aussicht auf eine Heirat hat, bleibt im Haus ein unausgesprochenes Tabu.
Nun aber ist sie für einige Tage fort, und der eingespielte Alltag der Eltern gerät ins Wanken. Was dieser kurze Abschied in ihnen auslöst, überrascht sie selbst.
Die Handlung im Detail↑
Zu Beginn des Romans, im September 1899, lebt das Ehepaar Vajkay bescheiden am Rand der Provinzstadt Sárszeg. Im ebenerdigen Häuschen wohnen sie zu dritt mit der Tochter, die alle nur die Lerche nennen. Anders als in Andersens Märchen ist aus dem kleinen Schwan mit den Jahren eine unschöne Ente geworden: eine alternde, reizlose Frau ohne Chance auf einen Verehrer. Die Tochter häkelt, die Mutter werkelt im Haus, der Vater vertieft sich in alte Wappenbücher und verfolgt mit Stolz die adelige Ahnenreihe der Familie Vajkay. Das Leben ist ohne Zukunft, aber still und sicher.
Obwohl die Tochter nur für eine Woche zu den Verwandten aufs Land reist, nehmen die Eltern den Abschied schwer. Doch ihre Traurigkeit verfliegt rasch, als sich der gewohnte Ablauf plötzlich ändert. Sie beginnen wieder im Restaurant zu essen, was sie lange nicht getan hatten, weil der Tochter zu üppige Speisen nicht bekamen. Sie gehen ins Theater, das die Tochter nicht mochte. Antonina spielt wieder Klavier, was sie aufgegeben hatte, seit sich zeigte, dass die Tochter unmusikalisch war. Vor allem aber treffen die Vajkays wieder Menschen: Der Vater war einst Mitglied des örtlichen Klubs und ein glänzender Kartenspieler, die Mutter hatte Freundinnen, mit denen sie beim Kaffee plauderte. Der Ausbruch aus der selbst gewählten Abgeschiedenheit tut ihnen sichtlich gut.
Kurz bevor sie die Tochter am Bahnhof abholen, räumen sie nervös das Haus auf. Antonina versteckt ihre neue Handtasche, der Vater wirft im letzten Augenblick die Theaterkarte in den Kamin – als müsse alles verschwinden, was von den heimlich genossenen Tagen erzählt. Am Bahnhof erfahren sie, dass der Zug mehrere Stunden Verspätung hat. Ihr erster Gedanke ist: ein Eisenbahnunglück! Ob diesen Gedanken die Angst begleitet oder eine unbewusste Hoffnung, lässt der Roman offen – der Leser mag es erraten.
Stil↑
Mit erstaunlicher Leichtigkeit erzählt Kosztolányi eine im Grunde traurige Geschichte. Der satirische Ton wird immer wieder gedämpft durch die Zärtlichkeit und die poetische Sprache, mit der der Autor auf seine Figuren blickt. So entsteht ein Buch, das zugleich komisch und bitter ist. Sein Spott zielt nie auf bloße Bloßstellung, sondern bleibt vom Mitgefühl getragen. Eingebettet ist alles in ein genau gezeichnetes Bild der ungarischen Provinz am Ende des 19. Jahrhunderts. Ein Bild wie das der Lerche, die statt zum Schwan zur unschönen Ente wird, verdichtet die stille Tragik der Familie in wenigen Zügen.
Rezeption↑
Über die Grenzen Ungarns hinaus fand der Roman durch Übersetzungen sein Publikum. In Polen erschien eine erste Fassung 1962. Eine Neuausgabe von 2011 wurde um ein Vorwort von Péter Esterházy ergänzt. So blieb das Werk auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen gegenwärtig.
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