1886
Der blinde Musiker
Überblick↑
Die Erzählung Der blinde Musiker stammt von dem russischen Schriftsteller Wladimir Korolenko und erschien 1886. Sie schildert den Lebensweg eines von Geburt an blinden Jungen, der über die Musik einen Platz in der Welt findet. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie ein Mensch ohne Augenlicht zu einem erfüllten, tätigen Dasein gelangen kann. Getragen wird diese Suche von einem kriegsversehrten Onkel, der dem Kind eine Aufgabe im Leben geben will. Das Werk wurde in viele Sprachen übersetzt und fand früh auch im deutschsprachigen Raum seine Leser.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Auf einem wohlhabenden Gut im Südwesten Russlands wird dem Ehepaar Popelski ein Sohn geboren: Peter, von Geburt an blind. In die Familie kehrt Onkel Max zurück, ein Veteran, der als junger Mann in einer Freischar gekämpft hat und schwer verwundet – mit Holzbein und lädierter Hand – heimgekommen ist. Max fasst den Entschluss, aus dem blinden Neffen einen Menschen mit einer Aufgabe zu machen. Er studiert Bücher über Körper und Seele, um zu verstehen, wie dem Kind zu helfen sei.
Peter besitzt ein außergewöhnlich feines Gehör. Beim Pferdeknecht Jochem lernt er zunächst das Spiel auf einer einfachen Rohrpfeife, später am Klavier entfaltet sich seine Begabung in vollem Umfang. Mit den Jahren wächst der Junge zum jungen Mann heran und verliebt sich in Eveline, die Tochter eines benachbarten Gutsverwalters. Doch Peter zweifelt, ob er als Blinder dem Glück eines gesunden Mädchens im Wege stehen darf. Die Erzählung folgt seinem inneren Ringen zwischen Schwermut und Hoffnung – und der Frage, wohin die Musik ihn führen wird.
Die Handlung im Detail↑
Der Wolhynier Maximilian Jazenko – im Text Onkel Max genannt – hatte in jungen Jahren in der Freischar Garibaldis gegen die Österreicher gekämpft. Diese hatten den streitbaren Kleinrussen dabei „bis auf die Knochen zerhauen“. Jahre später kehrt Max mit Holzbein und arg lädierter linker Hand in die südwestrussische Heimat zurück. Er kommt bei seiner Schwester Anna Michailowna unter, die den vermögenden Gutsbesitzer Herrn Popelski geheiratet hat. Dessen Steckenpferd ist der Mühlenbau.
Anna schenkt einem Sohn das Leben, dem Knaben Peter, der von Geburt an blind ist. So wird Max zum Onkel. Der ruhiger gewordene Veteran hat als hinkender Kriegsversehrter eine neue Leidenschaft gefunden: das Studium philosophischer Werke. Sooft er von seinen Büchern aufblickt und den blinden Neffen betrachtet, kommt er ins Grübeln, wie dem Kind zu helfen sei. Er will aus Peter einen Menschen mit einer Aufgabe im Leben machen und vertieft sich in Physiologie, Psychologie und Pädagogik. Alle Buchweisheit führt ihn nur zu der Einsicht: An der Blindheit ist nichts zu ändern. Der Sehsinn scheint unheilbar zerstört. Doch Gehör und Tastsinn sind bei dem Jungen besonders ausgeprägt. Jahre vergehen.
Peter wendet sich dem Pferdeknecht Jochem zu, der ihm das Spiel auf der Rohrpfeife beibringt. Die Mutter übertrumpft den Knecht und lässt aus der Stadt ein Wiener Pianino kommen. Peter erlernt bald das Klavierspiel und erkennt die weit vielfältigeren Ausdrucksmöglichkeiten des Instruments gegenüber der einfachen Flöte. Wieder verstreichen Jahre. Der junge Peter verliebt sich in die blonde Eveline Jakulski, Tochter des Valentin Jakulski, der ein benachbartes Gut verwaltet.
Der Blinde resigniert zunächst, denn als Krüppel darf er seiner Meinung nach dem Glück der kerngesunden Eveline nicht im Wege stehen. Als sie ihn dennoch heiraten will, lebt er auf. Sein Klavierspiel wird nun nicht nur von den Gutsherren der Nachbarschaft bewundert. Ein professioneller Musiker unter den Zuhörern beurteilt sein Spiel so, dass Hoffnung aufkommt. Onkel Max kommentiert: „Du hörst es... Auch du wirst deine Arbeit haben.“
Peter aber will die geliebte Eveline sehen, und das gelingt natürlich nicht. Schwermut wechselt mit Nervosität. Beherzt hilft Onkel Max dem Neffen, sein Selbstmitleid zu überwinden. Eveline und Peter heiraten, und ihr Kind kann sehen. Der Neffe debütiert in Kiew erfolgreich als Pianist. Max hat sein Erziehungswerk vollendet.
Stil↑
Als Erzählung folgt das Werk dem inneren Entwicklungsweg eines einzelnen Menschen von der Geburt bis zum Erwachsenenalter. Erzählt wird nicht das äußere Geschehen um seiner selbst willen, sondern die seelische Reifung des blinden Peter. Besonderes Gewicht liegt auf der Welt der Sinne: Was dem Jungen das Augenlicht verwehrt, holen Gehör und Tastsinn nach, und die Musik wird zum eigentlichen Zugang zur Welt. So durchzieht die Klangwelt – von der schlichten Rohrpfeife bis zum Klavier – die ganze Erzählung als verbindendes Motiv. Die Figur des Onkel Max verleiht dem Text eine nachdenkliche, erzieherische Grundhaltung: Immer wieder wird die Frage gestellt, wie dem Kind zu helfen sei. Aus dieser Verbindung von seelischer Beobachtung und der Sprache der Musik gewinnt das Werk seinen eigenen Ton.
Rezeption↑
Zuerst erschien die Erzählung 1886 in einer Moskauer Tageszeitung. Von dort trat sie ihren Weg zu einem breiten Publikum an und wurde in viele Sprachen übertragen – bis in die Gegenwart liegt sie in über zwanzig Sprachen vor. Auf dem deutschsprachigen Markt ist der Titel bereits seit 1891 präsent, das Werk fand also schon früh nach seinem Erscheinen den Weg zu deutschen Lesern. Seine Wirkung reicht über das gedruckte Wort hinaus: Anfang der 1960er Jahre entstand eine Verfilmung unter der Regie von Tatjana Lukaschewitsch. Die anhaltende Verbreitung in zahlreichen Ländern zeigt, dass die Geschichte des blinden Musikers ihre Anziehungskraft über die Jahrzehnte bewahrt hat.
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