1905
Das Geschenk der Weisen
Überblick↑
Die Kurzgeschichte Das Geschenk der Weisen von O. Henry erschien erstmals am 10. Dezember 1905 im New York Sunday World Magazine, damals einer der größten Zeitungen der USA. Sie trug dort noch den Titel Gifts of the Magi. Im April 1906 nahm der Autor sie unverändert in seine Sammlung The Four Million auf, nun unter dem heute gängigen Titel. Im Deutschen ist sie auch als Die Gabe der Weisen erschienen. Erzählt wird von einem jungen Ehepaar mit sehr wenig Geld, das sich zu Weihnachten gegenseitig beschenken will. Die Geschichte zählt zu den erfolgreichsten Kurzgeschichten des Autors, wurde vielfach in Anthologien aufgenommen und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In einer kleinen, ärmlichen Wohnung leben James Dillingham Young, genannt Jim, und seine Frau Della. Die beiden sind sehr verliebt, doch das Geld reicht kaum für die Miete. Weihnachten steht vor der Tür, und Della möchte ihrem Mann unbedingt etwas Schönes schenken. Sie hat auch schon eine Idee: eine Kette für seine kostbare Taschenuhr, ein Erbstück. Einundzwanzig Dollar kostet dieses Geschenk, und so viel besitzt sie nicht. Doch Della weiß sich zu helfen und bringt für ihren Einfall ein Opfer.
Auch Jim geht in diesen Tagen seiner eigenen Überlegung nach. Er denkt an Dellas knielanges, wunderschönes Haar und an einen Schmuck, der dazu passen würde. Was beide am Weihnachtsabend voneinander erfahren, gibt der Geschichte ihre bekannte Wendung. Am Ende zieht der Erzähler einen Vergleich mit den Weisen aus dem Morgenland und ihren Gaben.
Die Handlung im Detail↑
Das junge Ehepaar James Dillingham Young und Della lebt in einer kleinen Wohnung, die es sich kaum leisten kann. Zu Weihnachten beschließt Della, ihrem Mann eine einundzwanzig Dollar teure Kette für seine kostbare Taschenuhr zu schenken. Die Uhr ist ein Erbstück und Jims wertvollster Besitz. Um das Geld aufzubringen, lässt Della ihr knielanges, schönes Haar abschneiden und verkauft es als Material für Perücken. Die Perückenmacherin heißt Sofronie.
Jim wiederum hat sich zur gleichen Zeit für seine Frau etwas ausgedacht. Er verkauft seine wertvolle Uhr, um Della ein juwelenverziertes Kamm-Set aus Schildpatt kaufen zu können – gedacht für ihr wunderbares Haar. So halten am Weihnachtsabend beide ein Geschenk in der Hand, das der andere nun nicht mehr gebrauchen kann. Della hat kein Haar mehr für die Kämme, Jim keine Uhr mehr für die Kette.
Über die Enttäuschung setzen sich die beiden hinweg. Jedes der Geschenke ist ihnen wertvoll, weil es die Liebe des anderen bezeugt. Am Schluss meldet sich der Erzähler selbst zu Wort. Er vergleicht die gegenseitigen Opfergaben des Ehepaares mit denen der Weisen aus dem Morgenland und nennt Della und Jim dabei „törichte Kinder“.
Stil↑
Erzähltechnisch sind in dieser kurzen Geschichte zwei Ebenen zu unterscheiden. Die eine ist die erzählte Handlung selbst, angesiedelt in einem ärmlichen Apartment und aufgebaut aus zwei längeren Szenen mit einem kurzen Zwischenstück. Darüber liegt eine zweite Ebene: die des Erzählers, der die Handlung vorführt und kommentiert. Er spricht den Leser mehrfach direkt an und sucht so das Gespräch mit ihm. Der Erzähler wirkt wortgewandt und weltläufig; er steht deutlich über der Welt, die er schildert, zeigt aber zugleich Mitgefühl für seine Figuren. Weil der Leser auf sein Niveau gehoben wird, betrachtet auch er das Geschehen mit derselben wohlwollenden Distanz. Der Schlusskommentar des Erzählers legt die Deutung ausdrücklich fest, sodass über den Sinn der Geschichte kein Zweifel bleibt.
Die Sprache gliedert sich in mehrere Bildbereiche. Der Handlungshintergrund wird mit schmucklosen Alltagsworten beschrieben, die erst durch abgewandelte Wiederholung literarische Wirkung entfalten. Als Della trübselig aus dem Fenster blickt, sieht sie „eine graue Katze, die auf einem grauen Zaun in einem grauen Hinterhof“ spaziert. Dieses Bildfeld des Ärmlichen zieht sich durch die ganze Geschichte: der abgetretene Teppich, die alte braune Jacke, der alte braune Hut. Zugleich bewegt sich Della auf possierliche Art durch diese triste Welt und wird an einer Stelle mit einem Kätzchen verglichen. Die Verbindung von Ärmlichkeit und niedlicher Zierlichkeit macht ihre Welt trotz aller Entbehrung zur Idylle.
Das gesellschaftliche Umfeld dagegen zeichnet O. Henry satirisch. Jim führt sich auf dem Türschild als „Mr. James Dillingham Young“ auf, und die Bettelei wird in gehobener Wortwahl als mendicancy bezeichnet. Der Autor greift damit auf Mittel des komischen Epos zurück, dessen Wirkung aus dem Abstand zwischen geringem Gegenstand und feierlicher Bezeichnung entsteht. Der Rückzug aus dieser Welt des trügerischen Scheins in das schlichte traute Heim macht den Schluss zum moralischen Sieg.
Auffällig sind die vielen biblisch-morgenländischen Anklänge, die über den Titel hinausgehen. Die Königin von Saba und König Salomo erwähnt der Erzähler in hypothetischen Vergleichssätzen. Damit unterstreicht der Autor nicht nur das Weihnachtliche, sondern bereitet die Wertung am Schluss vor: Auch in der Geschichte der Königin von Saba geht es um das Schenken und um die Weisheit. Sie hat von Salomos sprichwörtlicher Klugheit gehört, sucht ihn in Jerusalem auf und überhäuft ihn, überwältigt von dem Gesehenen, mit wertvollen Gaben. Der Name Della lässt sich zudem als Anspielung auf Delila aus dem Buch der Richter lesen. Delila nimmt Simson mit ihren Verführungskünsten das Haar; Della dagegen gibt ihr Haar freiwillig hin und opfert einen Teil ihrer Anziehungskraft, um ihre Liebe zu zeigen. Entschädigt wird sie durch das häusliche Glück, das mehr zählt als aller materielle Besitz.
Rezeption↑
Selbst schärfste Kritiker, die O. Henrys auf den Massengeschmack zielenden Erzählungen sonst kaum ein gutes Wort gönnen, nehmen diese Geschichte ausdrücklich von ihrem Urteil aus. Gerühmt wird vor allem die erzähltechnische Brillanz und der „besondere Reiz des Schlusses“ mit der „doppelten Verknüpfung von Opfer und Geschenk“. Die Schlussszene mit ihrer „zweifachen Abfolge von Spannungserzeugung, Steigerung der Spannung und überraschender Auflösung“ gilt als „Meisterleistung der Leserlenkung“ und bestätigt den Ruf des Autors als „Zauberkünstler der Doppelpointe“. Manfred Durzak hebt die „erzählerische Ökonomie“ hervor: Weil der Leser in den entscheidenden Momenten auf Dellas Blickwinkel beschränkt bleibt, gelingt die Pointe.
Nach Durzak lieferte die Geschichte auch eine wichtige Vorlage für Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte Die drei dunklen Könige von 1946, die schon im Titel auf O. Henry verweist und eine zeitgeschichtlich ähnliche Lage schildert. Borchert schrieb allerdings nicht für ein breites, Zerstreuung suchendes Publikum. Seine Erzählung ist straffer, in der moralischen Betonung zurückhaltender und stärker auf das christliche Muster des Weihnachtsabends hin angelegt.
Über die Jahrzehnte wurde die Geschichte immer wieder verfilmt. Sie bildete 1952 eine Episode des Films Fünf Perlen, der fünf Erzählungen O. Henrys zusammenfasst. 1958 entstand eine 85-minütige Musical-Verfilmung von George Schäfer, 2001 ein 20-minütiger Kurzfilm von Bert van Bork und 2014 eine 16-minütige Fassung von Ismene Daskarolis. Die Doppelpointe wurde außerdem in zahllosen Kino- und Fernsehfilmen aufgegriffen, in Serienfolgen und auch in Zeichentrickfassungen, etwa in Mickys fröhliche Weihnachten oder 1978 im Ernie-und-Bert-Teil des Weihnachts-Specials Weihnachten in der Sesamstraße. Die Handlung und ihre überraschende Wendung sind so bekannt, dass sie gelegentlich parodiert werden. Auf Deutsch liegt die Erzählung in mehreren illustrierten Ausgaben vor, unter anderem in Übersetzungen von Theo Schumacher, Eva-Maria Altemöller, Werner Thuswaldner und Eva Demski.
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