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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt O. Henry
O. Henry
1862 – 1910
– Autorenporträt –

O. Henry

1862 – 1910 · 47 Jahre

Amerikanischer Meister der Kurzgeschichte um 1900, der über Ladenmädchen und arme Künstler New Yorks schrieb und seine Erzählungen mit überraschenden Schlusspointen krönte.

Kurzbiografie↑

Unter dem Namen O. Henry wurde William Sydney Porter zu einem der bekanntesten amerikanischen Erzähler seiner Zeit. Geboren wurde er 1862 in Greensboro in North Carolina, gestorben ist er 1910 in New York. Er prägte die Gattung der Kurzgeschichte in der Zeit um 1900 und schrieb vor allem über die kleinen Leute der großen Stadt. Berühmt wurde er für seine überraschenden Schlusswendungen, etwa in der Weihnachtsgeschichte The Gift of the Magi. Sein Weg zum Schriftsteller führte über ein Bankbüro, eine Flucht nach Honduras und eine mehrjährige Haftstrafe.


Biografie↑

William Sydney Porter kam am 11. September 1862 in Greensboro in North Carolina zur Welt. Sein Vater war Arzt. Vom 16. Lebensjahr an schlug er sich in wechselnden Anstellungen durch: Er arbeitete als Verkäufer, als Cowboy und als Bankangestellter.

Die Bankzeit hatte schwere Folgen. Porter wurde der Unterschlagung für schuldig befunden und floh nach Honduras. Weil seine Frau erkrankte, kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück. Dort musste er eine mehrjährige Haftstrafe im Staatsgefängnis von Ohio verbüßen. Im Gefängnis bildete er sich zum Apothekergehilfen weiter, und dabei fand er 1899 in einem Arzneimittelhandbuch jenen Namen, unter dem er berühmt werden sollte: O. Henry.

Am 24. Juli 1901 wurde er entlassen. Er trat eine Stelle als Journalist bei der Houston Post an. In den folgenden Jahren stieg er rasch auf und gehörte bald zu den bestbezahlten Schriftstellern der USA.

1904 erschien Cabbages and Kings, auf Deutsch später als Kohlköpfe und Caballeros übersetzt. Das Buch spielt in der erfundenen zentralamerikanischen Republik Anchura, deren reales Vorbild Honduras ist. In diesem Werk prägte O. Henry den Begriff der Bananenrepublik.

Eine der wichtigsten Sammlungen seiner New Yorker Erzählungen erschien 1906 unter dem Titel The Four Million. Die vier Millionen meinen die Einwohnerzahl New Yorks. Mit diesem Titel stellte sich der Autor gegen die verbreitete Ansicht, nur die oberste Gesellschaftsschicht sei für die Literatur von Interesse.

Neben den Großstadtgeschichten schrieb O. Henry auch Erzählungen über das Leben im Wilden Westen. In The Caballero's Way trat die Figur des Cisco Kid zum ersten Mal auf. Sie wurde später in Filmen, in einer Fernsehserie und in Comics populär. Zu seinen bekanntesten Geschichten zählen ferner The Gift of the Magi und The Ransom of Red Chief aus dem Jahr 1907.

O. Henry starb am 5. Juni 1910 in New York. Über den Sterbeort gehen die Angaben der Nachschlagewerke leicht auseinander: Wikidata nennt New York City, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet New York, NY. Gemeint ist in beiden Fällen dieselbe Stadt.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für O. Henrys Erzählungen ist der Schauplatz am unteren Rand der Gesellschaft. Seine Geschichten spielen in einem düsteren Milieu. Die Helden leben am Rand des Existenzminimums, und zu Beginn der Handlung geraten sie zusätzlich in verzweifelte Situationen. Am Ende aber führte der Autor die Geschichten fast immer zu einer glücklichen Lösung.

Seine Sympathie gehörte den kleinen Ladenmädchen und den heruntergekommenen Künstlern. Er zeichnete sie sorgfältig und mit einer gewissen sentimentalen Heiterkeit.

Am bekanntesten ist seine Kunst der Schlusspointe. Die überraschenden Wendungen begründeten seinen Ruf als Meister des literarischen Twists. Ein Beispiel dafür ist die Doppelpointe in The Gift of the Magi.

O. Henry beherrschte die Form der short story seiner Zeit bis ins Detail. Nicht selten parodierte und kommentierte er sie zugleich. Diese Doppelhaltung zwischen souveräner Handhabung und ironischer Brechung gehört zu den auffälligsten Zügen seines Schreibens.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten fand O. Henry ein großes Publikum und zählte bald zu den bestbezahlten Schriftstellern der Vereinigten Staaten. Zugleich brachte ihm sein Erfolg heftige Angriffe ein: Er wurde oft mit der trivialisierten short story seiner Zeit gleichgesetzt. Dem steht die Einschätzung gegenüber, dass er zugleich ein Wegbereiter der modernen Kurzprosa eines Sherwood Anderson oder Ernest Hemingway war.

Seit 1919 wird jährlich der O.-Henry-Preis für englischsprachige Kurzgeschichten vergeben. Viele seiner Geschichten wurden verfilmt, darunter In Old Arizona von 1928 und The Ransom of Red Chief von 1999. Die Figur des Cisco Kid wurde über die Filme, eine Fernsehserie und Comics weit über die Literatur hinaus bekannt.

Im deutschen Sprachraum erschienen seine Erzählungen seit den 1920er Jahren in immer neuen Übersetzungen, etwa als Bluff 1926 und als Hinter der grünen Tür 1955. Zwischen 1973 und 1974 kamen die Gesammelten Stories in drei Bänden heraus; an den Übertragungen wirkten unter anderen Annemarie Böll, Heinrich Böll und Hans Wollschläger mit. Eine Taschenbuchausgabe in sechs Bänden folgte 1981. Auch jüngere Ausgaben liegen vor, so eine Auswahl seiner Geschichten in der Übersetzung von Alexandra Berlina aus dem Jahr 2022. Sein Werk ist außerdem Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten geworden, von frühen Biografien der 1920er bis 1950er Jahre bis zu neueren Studien über die Machart seiner Großstadtgeschichten.

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