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Werkseintrag · Krieg im Sertão
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Cover Krieg im Sertão
Krieg im Sertão
1902
– Werkseintrag –

Krieg im Sertão

1902 · Sachbuch

Der Bericht über einen Feldzug gegen eine Siedlung im brasilianischen Hinterland wirft die Frage auf, wer hier eigentlich die Barbaren sind.

Überblick↑

Unter dem deutschen Titel Krieg im Sertão ist das 1902 erschienene brasilianische Werk Os Sertões von Euclides da Cunha bekannt. Es schildert die Vernichtung einer Bauernbewegung um den Laienprediger Antonio Vicente Mendes Maciel, genannt Ratgeber, in der Ortschaft Canudos im nordostbrasilianischen Hinterland. Die Ereignisse fallen in die Jahre 1896 und 1897. Hinter dem Bericht über diesen Vernichtungskrieg steht eine größere Frage: Wie prägt die Natur die Menschen einer Gegend, und wie verhält sich die Zivilisation der Küstenstädte zur sogenannten Barbarei des Landesinneren? Cunha verstand sein Buch als Beitrag zur Frage nach der brasilianischen Identität. Ob es als literarisches oder als historisches Werk zu lesen sei, ist in der Fachliteratur bis heute umstritten. Ins Deutsche übersetzt wurde es erst gut neunzig Jahre nach dem Original.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Aufgebaut ist das Buch in drei große Teile: „Das Land“, „Der Mensch“ und „Der Kampf“. Diese Dreiteilung folgt dem Modell Hippolyte Taines, wonach jede gesellschaftliche und geistige Erscheinung von Rasse, Milieu und Moment geprägt werde.

Der erste Teil beschreibt den brasilianischen Nordosten: das Relief, den Boden, das halbtrockene Klima, die Vegetation der caatinga und die wiederkehrenden Dürren. Cunha stützt sich dabei auf naturkundliche Arbeiten seiner Zeit und referiert Hegels Einteilung der Lebensräume in Steppen, fruchtbare Täler sowie Küsten und Inseln. Der Sertão, so seine These, gehöre im Sommer scheinbar zur ersten, im Winter zur zweiten Kategorie. Die Natur schaffe keine Wüsten, sie bekämpfe sie; die Ödflächen seien das Ergebnis jahrhundertelanger Brandrodung. Die Lebensbedingungen dieser Landschaft nennt er das uralte Martyrium des Landes.

Im zweiten Teil geht es um die Menschen. Cunha vertritt hier die rassistischen Anschauungen seiner Zeit und übernimmt eine sozialdarwinistisch begründete Theorie des Rassenkampfes. Zugleich bestreitet er, dass in Brasilien eine einheitliche Mischbevölkerung entstehe: Die Herkunftsgruppen seien zu verschieden, das Land erstrecke sich über drei Klimazonen, und so bildeten sich ganz unterschiedliche Menschenschläge heraus. Eine rassische Einheit werde es nicht geben, nur die Zivilisation könne eine Nation stiften. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Sertanejo des Nordens, dem Bewohner des Hinterlands. Auf den ersten Blick wirke er ungelenk und ärmlich, gerade im Vergleich mit dem ritterlichen gaúcho des Südens. Im Ernstfall aber erweise er sich als zäh, wendig und ausdauernd, geformt von der harten Umwelt. „Der Sertanejo ist, vor allem anderen, der Starke“, heißt es über ihn.

Der dritte Teil führt zum Krieg. Cunha erinnert daran, wie sich die friedliche Hirtengesellschaft des Sertão verwandelte. Erst kamen die Goldsucher, die garimpeiros, und steckten die Einheimischen mit ihrem unsteten Treiben an. Als die Ausbeute versiegte, blieb vielen nur das Banditentum. Aus dem Goldsucher wurde der jagunço, der Plünderer der Städte, der sich bei örtlichen Machthabern verdingte: Die gaben ihm Gewehr und Munition und sicherten ihm Straflosigkeit zu. So wurde die Unordnung zum Normalzustand, und der Staat trat den verfeindeten Lagern eher als Vermittler denn als Ordnungsmacht gegenüber. Im Fall von Canudos lag die Sache anders. Hier fühlten sich Staat und Kirche selbst bedroht, und es rückten Truppen gegen die Siedlung im Hinterland vor.

Die Handlung im Detail↑

Ihren Höhepunkt erreicht die Darstellung im dritten Teil, der den Feldzug gegen Canudos schildert. Anders als bei den üblichen Händeln zwischen örtlichen Machthabern ging es diesmal nicht um Vermittlung: Staat und Kirche sahen sich von der Bewegung um den Ratgeber bedroht. Je größer das Übergewicht der angreifenden Truppen wurde, desto mehr verhielten sich die staatlichen Ordnungskräfte nach dem Urteil des Erzählers barbarisch und bestialisch. Friedensverhandlungen wurden nie versucht. Gefangene, die meisten am Verdursten und krank, brachte man ohne Umstände um. Über die Gräueltaten der Armee heißt es: „Die Sertanejos, wiewohl um drei Jahrhunderte zurückgeblieben, übertrumpften die Soldaten keineswegs im Verüben derlei barbarischer Greuel.“

Gekämpft wurde bis auf den letzten Mann. Am Ende standen der Übermacht nur noch vier Verteidiger gegenüber: „Es waren ihrer nur vier: ein Alter, zwei ausgewachsene Männer und ein Knabe, vor denen fünftausend Soldaten wütend brüllten.“ Diese letzten Bewohner von Canudos fielen am Abend des 5. Oktober 1897.

Antonio Ratgeber war schon einige Tage zuvor an einer Verletzung gestorben. Um den Sieg auch propagandistisch abzusichern, ließ man den Leichnam ausgraben und fotografieren. Dann, so der Bericht, trennte ein geschickt geschwungenes Messer den Kopf vom Rumpf, und das von Grind und Eiter verklebte Gesicht erschien noch einmal vor den Triumphatoren. Den Schädel brachte man in die Küstenregion, wo jubelnde Volksmengen vor Begeisterung rasten. Am Tag darauf wurde Canudos vollends zerstört; 5200 Häuser machte man dem Erdboden gleich. Die Vernichtung war militärisch längst nicht mehr nötig. Mit dem jubelnden Publikum an der Küste und dieser sinnlosen Zerstörung drängt der Erzähler dem Leser die Frage auf, wie zivilisiert diese Zivilisation eigentlich war.

Stil↑

Ungewöhnlich ist schon die Bauform: Das Werk verbindet Landeskunde, Völkerkunde und Kriegsbericht zu einem Ganzen und ordnet den Stoff nach Land, Mensch und Kampf. Cunha stützt seine Beschreibungen fortlaufend auf naturwissenschaftliche und historische Literatur seiner Zeit und flicht Theorien von Taine, Hegel und Gumplowitz ein. Diese gelehrte Schicht steht neben ausgesprochen bildkräftigen Passagen und scharfen Urteilen des Erzählers, der die Vorgänge immer wieder ausdrücklich bewertet.

Über die Sprache wurde schon nach dem Erscheinen gestritten. Der Kritiker José Veríssimo lobte die poetischen, erzählerischen und künstlerischen Qualitäten, hielt aber den Gebrauch von Fachbegriffen, veralteten Ausdrücken, Wortneuschöpfungen und abgehobenen Wendungen für einen Missgriff; ihm erschien der Stil zu künstlich. Coelho Neto widersprach: Gerade der Rückgriff auf alte Wörter, Neubildungen und Ausschmückungen mache Cunhas eigenen Ton aus. Als schwierig gilt das Buch bis heute, und die späte deutsche Übersetzung dürfte auch damit zusammenhängen.

Rezeption↑

Schon einen Tag nach der Veröffentlichung, am 2. Dezember 1902, erschien die erste Besprechung. Sie stammte von dem bekannten und gefürchteten Literaturkritiker José Veríssimo. Er behandelte Cunhas Darstellung zugleich als literarisches, historisches und wissenschaftliches Werk und gab damit eine Lesart vor, der viele spätere Kritiker folgten. Neben dem Lob stand seine Kritik am künstlichen Stil. Wochen darauf trat Coelho Neto in einem langen Artikel in O Estado de S. Paulo dagegen an: Er nannte Veríssimos Einwände oberflächlich und unfruchtbar und pries das Buch als eines der aufregendsten Werke der brasilianischen Literatur.

In Brasilien wirkte das Werk weit über die Literatur hinaus. Es half der jungen Nation, mit sich selbst bekannt zu werden, und leitete jene Politik ein, die das Landesinnere ins Bewusstsein rückte und schließlich in die Gründung der neuen Hauptstadt Brasília mündete. Sprachlich und stilistisch prägte es die brasilianische Schriftkultur, unter anderem Grande Sertão: veredas von João Guimarães Rosa aus dem Jahr 1956.

Auch Stefan Zweig griff darauf zurück. In seinem 1941 im Bermann-Fischer Verlag erschienenen Reisebericht Brasilien. Ein Land der Zukunft nannte er Cunha den genialsten Kenner des brasilianischen Volkstums und berief sich auf dessen Satz, es gebe keine brasilianische Rasse.

Im deutschsprachigen Raum blieb der Stoff lange fast unbekannt, obwohl die Vorgänge um Canudos zu den großen Ereignissen der lateinamerikanischen Geschichte zählen. Die deutsche Übersetzung kam erst Mitte der neunziger Jahre heraus, über neun Jahrzehnte nach dem Original. Zuvor hatte bereits Mario Vargas Llosa das erzählerische Potenzial des Stoffes erkannt und ihn nach Recherchen vor Ort im Roman La guerra del fin del mundo von 1981 verarbeitet. Auf Deutsch erschien dieser Roman 1982 unter dem Titel Der Krieg am Ende der Welt im Suhrkamp Verlag.

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