Catull 85
Überblick↑
Das lateinische Zweizeiler-Gedicht Catull 85, meist nach seinen Anfangsworten Odi et amo („Ich hasse und liebe“) genannt, gehört zu den bekanntesten Kurzgedichten der römischen Dichtung. Es steht als Nummer 85 in der Sammlung der Gedichte Catulls. Verfasst ist es im elegischen Distichon und besteht aus nur vierzehn Wörtern. Seine ganze Wirkung beruht auf dem Zusammenprall zweier entgegengesetzter Gefühle: Hass und Liebe. Als geflügeltes Wort wird es oft verkürzt zitiert, mit dem ersten und dem letzten Wort: „Odi et amo. Excrucior“ – „Ich hasse und liebe. Ich werde gemartert.“
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Mit knappsten Worten bekennt der Sprecher, dass er zur selben Zeit hasst und liebt. Ein ungenannter Gesprächspartner meldet sich mit einer naheliegenden Frage: Wie ist das möglich, und warum handelt er so? Das ganze Gedicht ist nichts anderes als dieses Nebeneinander von Widerspruch und Nachfrage. Es beschreibt keinen Vorfall und keine Szene, sondern hält einen einzigen inneren Zustand fest, in dem sich zwei Gefühle nicht trennen lassen. Wer die beiden Zeilen liest, spürt sofort die Spannung, die daraus entsteht – und wartet auf die Antwort, die der Sprecher auf die Frage nach dem Warum zu geben versucht.
Die Handlung im Detail↑
Der Sprecher stellt zwei Verben nebeneinander: Er hasst und er liebt. Ein namenloser Gegenüber fragt, warum er das tue. Die Antwort verweigert jede Erklärung und ist doch genau: Er wisse es nicht, aber er fühle, wie es mit ihm geschieht – und dabei werde er gemartert. Aus der Ähnlichkeit mit anderen Gedichten Catulls, besonders den Nummern 72 und 75, schließt man, dass diese Zeilen seiner Geliebten Lesbia gelten.
Der besondere Reiz liegt in einem Wechsel der grammatischen Formen, der sich kaum wörtlich übertragen lässt. Frage und Antwort sind so verschränkt, dass der Sprecher das Geschehen zunächst als eigenes Tun benennt, es dann aber erleidet. Für einen Römer bedeuteten die Wörter „hassen“ und „lieben“ vor allem tätiges Handeln: offene Feindschaft und offenes Begehren, wie sie nur einem freien Mann zustehen. Sobald aber der Gesprächspartner fragt „Warum tust du das?“, tritt an die Stelle des tätigen Verbs ein leidendes: Nicht mehr „ich tue“, sondern „es geschieht mit mir“. Der freie Mann findet sich damit in der Lage eines Unterworfenen wieder – aus „ich hasse und liebe“ wird „ich erdulde die Folter“.
Diese Wendung steckt im letzten Wort, dem Verb excrucior – „ich werde gequält“. Seine Wurzel ist das lateinische Wort crux, das nicht nur das Kreuz als Werkzeug der Hinrichtung meint, sondern auch ein Folterwerkzeug, das den Körper nach allen Seiten auseinanderzieht. Das Leiden des Sprechers ist damit als ein Zerrissenwerden gefasst: Der Körper wird in alle Richtungen gedehnt. Das Bild der Kreuzigung greift Catull auch an anderen Stellen auf, so im Gedicht 99 und in Gedicht 76.
Stil↑
Als Epigramm gebaut, folgt das Gedicht der Aufgabe dieser Gattung: Es hält etwas Erstaunliches fest, das Verwunderung und Bewunderung zugleich weckt. Sein Maß ist das elegische Distichon, ein Verspaar aus zwei ungleichen Zeilen. Der Aufbau lebt vom Gegensatz: Hass steht gegen Liebe, Frage gegen Antwort, tätiges gegen leidendes Verb. Auf engstem Raum, in vierzehn Wörtern, entsteht so eine dichte Spannung.
Der Gedanke selbst war zu Catulls Zeit längst geläufig und gehörte zu den festen Gemeinplätzen der Liebesdichtung. Das Grundbild – zugleich zu lieben und nicht zu lieben – findet sich schon bei dem griechischen Dichter Anakreon. Von dort wurde es zum Gegenstand philosophischer Betrachtung, etwa bei Theophrast, und wanderte aus der griechischen Komödie zu dem römischen Dichter Terenz, der in seiner Komödie Der Eunuch eine ähnlich knappe Formel prägte. Das Bemerkenswerte an Catull ist, dass er diesen abgegriffenen Gedanken so zuspitzt, dass er als ganz persönliche Empfindung wirkt und dem Leser wie eine neue Entdeckung erscheint. Denselben Gedanken trägt Catull auch in seinen Gedichten 72 und 75.
Rezeption↑
Schon in der Antike zog das Gedicht Nachahmung und Spott auf sich. Der Dichter Martial verfasste eine Parodie über einen gewissen Sabidius, den er nach demselben Muster nicht leiden mag, ohne den Grund benennen zu können. In späterer Zeit griff der russische Dichter Waleri Brjussow das Motiv in einem eigenen, breit ausgeführten Gedicht gleichen Titels auf.
Besonders reich ist die Wirkung in der Musik. Der Renaissance-Komponist Jacobus Gallus vertonte den Text im 16. Jahrhundert als Teil seiner Sammlung Moralia. Carl Orff nahm ihn in seine Kantate Catulli Carmina auf. Auch der isländische Komponist Jóhann Jóhannsson und weitere Tonsetzer der neueren Zeit widmeten dem Gedicht eigene Stücke. Der Titel Odi et amo wurde überdies für mehrere Filme verwendet, darunter eine kanadische Fernsehserie. Über die Jahrhunderte entstanden zahlreiche Übersetzungen in viele Sprachen, allein ins Russische in immer neuen Fassungen. So wurde aus zwei Zeilen eine der wirkungsmächtigsten Formeln für die Zerrissenheit des Liebenden.
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