1702
Oku no Hosomichi
Überblick↑
Das Reisetagebuch Oku no Hosomichi zählt zu den bekanntesten Werken des japanischen Dichters Matsuo Bashō. Der Titel bedeutet so viel wie „Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland". Das Wort Oku meint dabei zweierlei: zum einen das abgelegene, damals nördlichste Landesinnere rund um die Provinz Mutsu, zum anderen das eigene Innere des Wanderers. Bashō schildert eine lange Reise, die er 1689 zu Fuß unternahm. Der Text verbindet Prosa mit eingestreuten Gedichten, vor allem Haiku. Eine erste Rohfassung entstand 1689; gedruckt wurde das Werk 1702 in Kyōto.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Frühjahr 1689 bricht Bashō von Edo, dem heutigen Tokio, in den Norden Japans auf. An seiner Seite reist sein Gefährte Kawai Sora. Zu Fuß ziehen die beiden in das entlegene Hinterland, das damals als besonders unwirtlich und weit von der Hauptstadt entfernt galt. Bashō folgt damit der alten Überlieferung der wandernden Dichter-Priester wie Saigyō. Wie sie sucht er gezielt Orte auf, die seit jeher von Dichtern besungen wurden – die japanische Sprache nennt sie uta makura, „Gedichtkopfkissen".
An jeder bedeutenden Station hält Bashō inne. Er beschreibt die Landschaft, ihre Geschichte und die Stimmung des Augenblicks, und er verdichtet das Erlebte immer wieder zu einem Gedicht. So wechseln sich nüchterne Beobachtungen und tief empfundene Bilder ab. Berühmte Schauplätze wie der Schrein von Nikkō oder die von Kiefern bestandenen Inseln der Bucht von Matsushima liegen an seinem Weg. Aus dem Bericht spricht ein Reisender, der nicht nur Landschaft sehen, sondern in ihr auch sich selbst finden will.
Die Handlung im Detail↑
Von Edo, dem heutigen Tokio, brach Bashō gemeinsam mit Kawai Sora auf. Insgesamt dauerte die Reise 156 Tage, und die gesamte Wegstrecke betrug etwa 2.400 Kilometer, die Bashō zu Fuß zurücklegte.
Zunächst wanderten die beiden nordwärts entlang der Pazifikküste. Sie besuchten den Tokugawa-Schrein in Nikkō, in dem Ieyasu Tokugawa begraben liegt, der Begründer des Shogunats von Edo. Weiter ging es über die Shirakawa-Barriere, über Sendai und die Bucht von Matsushima. Matsushima, die „Kieferninseln", gilt als eine der traditionell drei schönsten Landschaften Japans. Bemerkenswert ist, dass Bashō diesem Ort selbst kein Haiku widmet, sondern nur einen Prosaabschnitt; das einzige Gedicht dazu stammt von seinem Begleiter Sora.
In Hiraizumi stand Bashō auf einem Schlachtfeld, auf dem der Überlieferung nach Minamoto no Yoshitsune, einer der großen tragischen Helden Japans, den Tod gefunden hatte. Beim Anblick der grasüberwachsenen Ebene entstand hier das wohl berühmteste Gedicht des Werks, in dem das Sommergras zum Bild für die gefallenen Krieger und die Vergänglichkeit menschlicher Träume wird.
Von der Küste zog Bashō über das Zentralgebirge bis ans Ufer der Japanischen See nach Sakata. Von dort unternahm er einen Abstecher zur heute nicht mehr bestehenden Bucht von Kisagata, dem nördlichsten Punkt der Reise. Anschließend folgte er dem Ufer des Japanmeeres in Richtung Süden, zunächst zurück nach Sakata und weiter über Niigata, Kanazawa und Fukui bis zur Bucht von Tsuruga. Von dort wandte er sich wieder landeinwärts. In Ōgaki traf er auf einige seiner Schüler. Hier klingt die Reise aus, und Bashō nimmt Abschied von den ihm nahestehenden Menschen – seinen Trennungsschmerz vergleicht er mit einer Muschel, die sich im herbstlichen Licht öffnet. Den letzten Teil der Reise quer durch Honshū legte Bashō allein zurück.
Nach der Rückkehr feilte er noch jahrelang an den Gedichten und am Text; veröffentlicht wurde das Werk aber erst 1702, acht Jahre nach seinem Tod.
Stil↑
Das Werk gehört zur Gattung des Haibun, einer japanischen Mischform aus Prosa und Dichtung. In seinem Aufbau folgt es der literarischen Form des Renga: Zwischen eher sachlich-informative Abschnitte streut Bashō Szenen von hoher emotionaler Kraft. So entsteht ein Rhythmus aus nüchterner Schilderung und dichterischer Verdichtung.
Getragen wird der Text vom ästhetischen Ideal des Sabi – jener stillen, an Vergänglichkeit erinnernden Schönheit, die in der Einsamkeit und im Schlichten liegt. Bashō spielt immer wieder auf große Vorbilder an: auf Konfuzius, auf den Dichter-Priester Saigyō und auf altchinesische Dichter wie Li Po. Sein Blick richtet sich bevorzugt auf die uta makura, die seit alters her besungenen Orte, deren dichterischen Gehalt er lebhaft ausführt.
Die eingestreuten Gedichte sind vornehmlich Haiku. Sie enthalten meist ein Jahreszeitenwort, das Kigo, das den Augenblick fest in eine Jahreszeit einbindet – etwa das Sommergras im Gedicht von Hiraizumi. Dort verleiht das archaische Wort tsuwamonodomo für die Krieger dem Vers eine besondere Schwere. Wovon die Gefallenen einst geträumt haben mögen, lässt Bashō bewusst offen. Diese sorgfältige Arbeit an Wort und Wirkung spiegelt sich auch darin, dass er das Werk über fünf Jahre hinweg überarbeitete.
Rezeption↑
Als eines der bekanntesten Werke Bashōs hat das Reisetagebuch weit über seine Entstehungszeit hinaus fortgewirkt. Das in Hiraizumi entstandene Gedicht über das Sommergras und die gefallenen Krieger zählt zu den bekanntesten Haiku überhaupt. Mit seiner Reise stellte sich Bashō ausdrücklich in die Tradition der wandernden Dichter-Priester und führte sie fort.
Im deutschen Sprachraum wurde das Werk unter dem Titel Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland zugänglich gemacht, übertragen und mit Einführungen und Anmerkungen versehen von G. S. Dombrady, erschienen in der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung in Mainz und in mehreren verbesserten Auflagen aufgelegt. Auch die Forschung hat sich dem Text zugewandt, etwa in den Studien von Robert F. Wittkamp über Landschaft und Erinnerung bei Bashō und über die Haibun-Literatur.
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