1908 – 1960
Richard Wright
Kurzbiografie↑
Richard Wright war ein amerikanischer Erzähler, dessen Bücher das Leben der schwarzen Bevölkerung in den USA in den Mittelpunkt rückten. Er wurde 1908 in Mississippi geboren, als Sohn eines Pachtbauern; seine Großeltern waren noch als Sklaven zur Welt gekommen. Mit dem Roman Native Son gelang ihm 1940 ein Verkaufserfolg, wie ihn zuvor kein afroamerikanischer Autor erreicht hatte. Fünf Jahre später wurde auch seine Lebensgeschichte Black Boy ein Bestseller. 1946 lud man ihn nach Frankreich ein, und dort blieb er: In Paris erlebte er sich nicht als minderwertiger Schwarzer, sondern schlicht als Amerikaner. In die Vereinigten Staaten kehrte er nie zurück. Wright starb 1960 in Paris.
Biografie↑
Geboren wurde Richard Nathaniel Wright am 4. September 1908 in Mississippi. Über den genauen Geburtsort gehen die Angaben auseinander: Genannt werden sowohl Roxie als auch Natchez. Er war der ältere von zwei Söhnen. Sein Vater Nathan Wright arbeitete als Sharecropper, also als Pachtbauer auf fremdem Land; die Mutter Ella war Lehrerin. Beide Eltern waren nach dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs bereits als freie Menschen zur Welt gekommen. Wrights Großeltern dagegen waren noch in die Sklaverei hineingeboren worden und erst nach dem Krieg befreit worden.
1913 zog die Familie nach Memphis in Tennessee. Der Vater hoffte, dort in der Industrie eine bessere Stelle zu finden. Zwei Jahre später verließ er die Familie; Richard war damals sieben Jahre alt. Die Mutter musste nun in den Haushalten weißer Familien arbeiten, um die Kinder durchzubringen. 1918 erlitt sie einen Schlaganfall und konnte nicht mehr arbeiten. Für kurze Zeit lebte sie mit den Söhnen bei ihren Eltern Richard und Margaret Wilson in Jackson, Mississippi, dann zog sie zu ihrer Schwester Maggie Hoskins nach Elaine in Arkansas. In Jackson besuchte Wright zunächst eine Schule der Siebenten-Tags-Adventisten, danach eine staatliche Schule. 1924 druckte eine afroamerikanische Zeitung seine erste Erzählung The Voodoo of Hell's Half Acre.
1927 ging Wright nach Chicago. Dort fand er eine Anstellung bei der Post. Er las in diesen Jahren sehr viel; besonders prägten ihn die Schriften des Literaturkritikers Henry Louis Mencken und die Romane des Naturalisten Theodore Dreiser. Die Weltwirtschaftskrise kostete ihn die Stelle, und er musste sich mit Gelegenheitsarbeiten durchbringen. Über den John-Reed-Club, einen den Kommunisten nahestehenden Kulturverein, kam er in Kontakt zur Kommunistischen Partei. In ihren Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte er wiederholt. Damals entstand auch sein erster Roman Lawd Today, der allerdings erst 1963 nach seinem Tod gedruckt wurde.
1937 zog Wright nach New York und wurde Herausgeber des kommunistischen Blattes Daily Worker. Ein Jahr darauf erschien sein erstes Buch: Uncle Tom's Children, eine Sammlung von Erzählungen über den Rassismus in den Südstaaten. 1939 heiratete er die weiße Tänzerin Dhimah Rose Meadman, doch die Ehe wurde schon 1940 geschieden. Im selben Jahr kam Native Son heraus, allerdings in gekürzter Gestalt. Szenen, in denen die sexuellen Fantasien des schwarzen Hauptfigur Bigger Thomas gegenüber weißen Frauen geschildert werden, wurden erst in einer Neuausgabe von 1991 gedruckt. Das Buch war der erste Bestseller eines afroamerikanischen Autors: Binnen drei Wochen verkauften sich über 200.000 Exemplare. 1941 kam am Broadway eine Bühnenfassung des Stoffes heraus, Regie führte Orson Welles. Im selben Jahr heiratete Wright Ellen Poplar, ebenfalls eine Weiße und Mitglied der Kommunistischen Partei. 1942 und 1949 kamen die Töchter Julia und Rachel zur Welt.
1942 trat Wright aus der Kommunistischen Partei aus. Zwei Jahre später legte er im Essay I Tried to Be a Communist dar, wie es zu diesem Bruch gekommen war. 1945 erschien seine Autobiografie Black Boy und wurde erneut ein Bestseller. 1946 folgte er einer Einladung nach Frankreich. Die Erfahrung Europas veränderte alles für ihn: Hier sah man ihn nicht als minderwertigen Schwarzen, sondern zuerst als Amerikaner. Wright entschloss sich, endgültig nach Frankreich überzusiedeln, und kehrte nie wieder in die Vereinigten Staaten zurück.
1951 versuchte er sich auf ungewohntem Feld. In der europäischen Verfilmung von Native Son spielte er die Hauptfigur Bigger Thomas selbst. 1953 erschien sein existenzialistischer Roman The Outsider, 1954 folgte Savage Holiday, sein einziger Roman mit ausschließlich weißen Figuren. Beide Bücher fanden wenig Zuspruch. In Paris lernte Wright die ebenfalls nach Frankreich ausgewanderten afroamerikanischen Autoren Chester Himes und James Baldwin kennen. Mit Himes verstand er sich gut, mit Baldwin geriet er bald in Streit.
In den fünfziger Jahren unternahm Wright ausgedehnte Reisen, unter anderem nach Afrika und Asien, und veröffentlichte eine Reihe politischer und soziologischer Texte. 1954 erschien Black Power; damit prägte er das Schlagwort, das in den sechziger Jahren berühmt werden sollte. Das Buch handelt von den Unabhängigkeitsbestrebungen der afrikanischen Kolonien, vor allem Ghanas, das damals die britische Kolonie Goldküste war. 1959 kam sein letzter Roman The Long Dream heraus, gedacht als erster Teil einer Trilogie. Ein zweiter Teil mit dem Titel American Hunger war schon 1944 fertig, erschien aber erst 1977. Gegen Ende seines Lebens war Wright schwer krank. Er starb am 28. November 1960 in Paris an einem Herzinfarkt und wurde auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Wrights Schreiben waren seine Chicagoer Lesejahre, besonders die Romane des Naturalisten Theodore Dreiser und die Schriften des Kritikers Henry Louis Mencken. Sein Stoff war der Rassismus in den Vereinigten Staaten, zuerst der in den Südstaaten, wie ihn die Erzählungen in Uncle Tom's Children schildern. Er schrieb ungeschönt und ging dabei so weit, dass die Verlage einschritten: In Native Son fehlten jahrzehntelang jene Passagen, die die sexuellen Fantasien der schwarzen Hauptfigur gegenüber weißen Frauen darstellen.
Wright wechselte die Formen und blieb dabei stets nah an der eigenen Erfahrung. Er schrieb Erzählungen und Romane, dazu Essays wie I Tried to Be a Communist, in dem er seinen Bruch mit der Kommunistischen Partei erklärte. Mit Black Boy legte er seine eigene Lebensgeschichte vor. Später kamen politische und soziologische Bücher hinzu, die aus seinen Reisen nach Afrika und Asien hervorgingen. Mit The Outsider versuchte er sich am existenzialistischen Roman, mit Savage Holiday an einem Buch, in dem ausschließlich weiße Figuren auftreten. Beide Versuche fanden allerdings wenig Anklang.
Rezeption↑
Berühmt wurde Wright mit einem Schlag durch Native Son. In nur drei Wochen verkaufte sich der Roman von 1940 mehr als 200.000 Mal, und kein afroamerikanischer Autor hatte zuvor einen solchen Verkaufserfolg erzielt. Schon im Jahr darauf brachte Orson Welles eine Bühnenfassung an den Broadway. 1951 wurde der Stoff in Europa verfilmt, wobei Wright die Hauptrolle selbst übernahm. Auch seine Autobiografie Black Boy wurde 1945 zum Bestseller.
Die späteren Bücher erreichten dieses Echo nicht mehr. The Outsider von 1953 und Savage Holiday von 1954 hatten wenig Erfolg. Für die jüngere Generation afroamerikanischer Autoren blieb Wright dennoch eine Größe, an der man sich abarbeitete. In Paris kam es zum Konflikt mit dem jüngeren James Baldwin. Diesem ging es darum, sich von Wright als literarischem Übervater zu lösen; zugleich hielt er dessen Bücher für eine überlebte Art der Protestliteratur, die seinen ästhetischen Ansprüchen nicht mehr genügte. Dass Baldwin homosexuell war, verschärfte die Spannungen zusätzlich. Mit Chester Himes, der ebenfalls in Frankreich lebte, verstand Wright sich dagegen gut.
Über die Literatur hinaus wirkte er mit einem einzigen Wort. Sein Reise- und Sachbuch Black Power von 1954 über die Unabhängigkeitsbestrebungen der afrikanischen Kolonien gab jenem Schlagwort der sechziger Jahre seinen Namen. Sein Werk blieb auch nach seinem Tod im Umlauf: Lawd Today erschien 1963, American Hunger 1977, und 1991 wurde Native Son erstmals ungekürzt gedruckt. In Deutschland stand Wright auf der Liste der im Nationalsozialismus verbotenen Autoren.
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