1887 – 1963
Kurt Wolff
Kurzbiografie↑
Kurt Wolff war ein deutscher Verleger, dessen Haus in den 1910er Jahren zur wichtigsten Adresse für die expressionistische Literatur in Deutschland wurde. Aus dem 1908 gegründeten Verlag Ernst Rowohlts entstand 1913 der Kurt Wolff Verlag, der bis 1940 bestand. Wolff veröffentlichte Franz Kafka, Georg Trakl, Franz Werfel und Walter Hasenclever und hielt an Kafka fest, obwohl sich dessen Bücher kaum verkauften. 1933 verließ er Deutschland, floh über Italien und Frankreich in die Vereinigten Staaten und gründete 1942 in New York mit seiner zweiten Frau Helen den Verlag Pantheon Books. Er starb 1963 bei einem Verkehrsunfall auf der Reise zum Literaturarchiv in Marbach, wo er die Zeugnisse seiner eigenen Verlagsarbeit ansehen wollte.
Biografie↑
Geboren wurde Kurt August Paul Wolff am 3. März 1887 in Bonn. Sein Vater Leonhard Wolff war Musikwissenschaftler, Komponist und Universitätsmusikdirektor in Bonn. Die Mutter stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie. Das Haus war wohlhabend, und der Sohn wuchs in gesicherten Verhältnissen auf. Von 1904 bis 1906 besuchte er das Gymnasium Philippinum in Marburg und legte dort das Abitur ab.
Nach dem Abitur studierte Wolff Germanistik in Marburg, München, Bonn und Leipzig. Dazwischen lagen laut der Neuen Deutschen Biographie der einjährig-freiwillige Militärdienst und ein halbjähriges Volontariat bei einer Bank in São Paulo. Neben dem Studium gab er Schriften und Quellen der Goethezeit heraus, schrieb Aufsätze und Rezensionen. 1908 lernte er in Leipzig Ernst Rowohlt kennen, der in jenem Jahr seinen Verlag gründete. Die NDB datiert Wolffs Eintritt als stiller Teilhaber auf 1910; 1912 wurde er Kommanditist, nachdem sein Plan einer Dissertation vor dem Scheitern stand. Im selben Jahr kam es zum offenen Streit mit Rowohlt, der aus dem Unternehmen ausstieg. Wolff übernahm das Haus und benannte es 1913 in Kurt Wolff Verlag um.
1909 heiratete Wolff in Darmstadt die achtzehnjährige Elisabeth Merck, mit der er seit 1907 verlobt war. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor, Maria und Nikolaus.
Rasch versammelte der Verlag bedeutende zeitgenössische Autoren: Walter Hasenclever, Franz Kafka, Georg Trakl. Franz Werfel und Kurt Pinthus arbeiteten als Lektoren im Haus mit. Die Reihe Der jüngste Tag brachte Carl Sternheim, Gottfried Benn, Werfel, René Schickele und Kafka zusammen. In den 1910er Jahren vereinte sie die meisten jener Avantgarde-Autoren, die man später dem Expressionismus zurechnete. Weitere Reihen hießen Der neue Roman, Der europäische Roman und Die schwarzen Bücher, in denen Originalgraphiken zeitgenössischer Künstler erschienen. Von Heinrich Mann erschien 1916 eine Gesamtausgabe und 1918 der Roman Der Untertan. Dieser erreichte binnen sechs Wochen eine Auflage von 100.000 Exemplaren.
Die Ausstattung der Bücher war Wolff von Anfang an wichtig. Schon 1910 entstand die bibliophile Reihe der Drugulin-Drucke, bei der Typographie und Druck besondere Aufmerksamkeit erhielten. Die Preise blieben dabei maßvoll, sodass auch weniger begüterte Käufer zugreifen konnten. Die Offizin Drugulin, in deren Haus der Verlag eingezogen war, genoss internationales Ansehen; 1918 erwarb Wolff die Firma, die später in andere Hände überging.
Im Ersten Weltkrieg musste Wolff ins Feld. Die NDB nennt Einsätze als Offizier auf dem Balkan, in Galizien und Belgien. 1914 bestellte er Georg Heinrich Meyer zum verantwortlichen Verlagsleiter. Meyer führte das Haus erfolgreich. Im September 1916 wurde Wolff auf Initiative von Großherzog Ernst Ludwig von Hessen aus dem Heeresdienst entlassen. Danach konnte er wieder verlegerisch arbeiten. Neben dem Hauptverlag führte er mehrere kleine Häuser: den Hyperion-Verlag, den Verlag der Weißen Bücher und den Verlag der Schriften von Karl Kraus. Dazu kam der Verlag Der Neue Geist, den er 1917 mit Peter Reinhold und Curt Thesing gründete. Dieser Verlag ging 1918 ganz an Reinhold über.
Von der Revolution 1918/19 angeregt, erwog Wolff im Frühjahr 1919 vorübergehend eine Kollektivierung seines Verlags. Im Herbst 1919 zog die inzwischen auf sechzig Mitarbeiter gewachsene Firma von Leipzig nach München. Im selben Jahr erschien die Zeitschrift Genius, die 1921 wieder eingestellt werden musste. Das Programm umfasste Weltliteratur, Lyrik und Dramatik. Die unsichere politische Lage und vor allem die Hyperinflation beschädigten laut der NDB das Vertrauensverhältnis zwischen dem wohlhabenden Verleger und seinen von Armut bedrohten Autoren dauerhaft. Seit 1923 richtete Wolff seine Arbeit stärker auf europäische Literatur, Kunstgeschichte und bildende Kunst aus. 1924 gründete er in Florenz den Verlag Pantheon Casa Editrice, in dem aufwändige kunstwissenschaftliche Großausgaben herauskamen. Der wachsende Nationalismus und ungelöste Finanzierungsprobleme ließen auch diesen Weg scheitern; 1930 zog sich Wolff aus allen Aktivitäten zurück.
Seit 1929 war Wolff mit der Verlagsangestellten Helene Mosel verbunden. Große Teile der Jahre 1930 bis 1932 verbrachte er mit ihr und Freunden in Südfrankreich. Am 22. Januar 1931 wurde die Ehe mit Elisabeth geschieden. Seine Versuche, im Winter 1932/33 in Deutschland wieder beruflich Fuß zu fassen, wurden durch die nationalsozialistische Machtübernahme zunichte. Noch vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 verließ Wolff Deutschland; den größeren Teil seines geschrumpften Vermögens hatte er im Ausland angelegt. Ende März 1933 heiratete er Helene Mosel in London. Ein Plan, sich in Montagnola in der Schweiz in der Nähe Hermann Hesses niederzulassen, scheiterte. Im Frühjahr 1935 erwarb das Paar ein Anwesen in der Toskana, das es durch Verpachtung, Vermietung und zahlende Gäste tragfähig zu machen versuchte. Der gemeinsame Sohn Christian wurde später Komponist.
Mit der Einführung antisemitischer Maßnahmen in Italien 1938 suchte die Familie erneut Zuflucht in Südfrankreich. Am 1. Mai 1939 zog Wolff nach Paris. Er arbeitete sowohl auf die Ausreise in die USA wie auf die französische Staatsangehörigkeit hin. Zu Kriegsbeginn wurde er für wenige Tage interniert. Ab Oktober 1939 wirkte er in der Propagandaabteilung des französischen Informationsministeriums mit. Im März 1941 gelang der Familie die Flucht in die Vereinigten Staaten. 1940 erlosch der Name Kurt Wolff Verlag durch Umbenennung in Genius Verlag. Die Aktienmehrheit hatte 1933 Peter Reinhold erworben.
1942 gründete Wolff mit Helen in New York den Verlag Pantheon Books. Der Verlag war bald erfolgreich und brachte unter anderem englische Übersetzungen deutscher Dichter heraus. 1960 erhielt Wolff die Goldene Ehrennadel des Deutschen Buchhandels. Nach Darstellung der NDB wurde er 1958/59 durch eine Intrige aus dem eigenen Verlag herausgedrängt. Beteiligt war der Sohn des Hauptfinanciers, der im Verlag mitarbeitete. Um 1959 zog das Paar in die Schweiz. 1960 kam es zum endgültigen Bruch mit Pantheon Books. Wolff und seine Frau konnten fast alle ihre Autoren in ihr neues Unternehmen mitnehmen. Es war das Imprint „A Helen and Kurt Wolff Book“ beim Verlag Harcourt, Brace & World.
1963 reiste Wolff nach Deutschland, um im Literaturarchiv in Marbach die dort aufbewahrten Zeugnisse seiner Arbeit anzusehen. Unterwegs wurde er von einem Lastwagen erfasst und erlag am 21. Oktober 1963 in Ludwigsburg seinen Verletzungen. Begraben wurde er in Marbach am Neckar.
Literarische Merkmale↑
Verlegerisches Arbeiten war bei Wolff keine bloße Geschäftstätigkeit. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt eine Mischung aus Mäzenatentum, Geschäftssinn und Lust an literarischer Innovation. Er interessierte sich leidenschaftlich für die junge, moderne Literatur der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg und für die Vorstellung, die Menschheit lasse sich durch eine geistige Revolution erneuern. Gleichzeitig dachte er in den großen Linien der literarischen und künstlerischen Überlieferung. Das von seiner Mutter geerbte Vermögen steckte er nicht nur in den Verlag, sondern auch in bibliophile Sammlungen und in bildende Kunst.
Kennzeichnend war außerdem die Sorgfalt für das Buch als Gegenstand. Typographie, Druck und Ausstattung hatten in seinem Programm von Beginn an Gewicht, bei maßvollen Preisen. Karl Kraus allerdings warf der von anderen gelobten Druckerei Drugulin vor, sie stelle den „schönen“ über den „guten“ Druck. In der Praxis nahmen Setzer oder Korrektoren nach der Druckfreigabe noch eigenmächtige Änderungen vor. Das führte zu Streit und zu erheblichem Mehraufwand. Denn ganze Bögen mussten neu gedruckt werden.
Ein weiteres Merkmal war Wolffs Beharrlichkeit gegenüber Autoren, von denen er überzeugt war. Franz Kafka verlegte er ab 1912. An ihm hielt er trotz schlechter Verkaufszahlen fest. Die NDB nennt Kafka seinen später bedeutendsten Autor. Auch im Umgang mit Karl Kraus zeigte Wolff Erfindungsgabe. Kraus wollte nicht gemeinsam mit jenen Literaten erscheinen, gegen die sich seine Polemik richtete. Deshalb schlug Wolff 1915 einen eigenen Verlag allein für Kraus' Bücher vor. Später nannte er dieses Haus eine „chambre separée“.
Rezeption↑
Wie weit Wolffs Wirkung reichte, zeigt die Erschließung seines Nachlasses. Seit 1947 wird er in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University als Kurt Wolff Archive, 1907–1938 aufbewahrt; die Sammlung umfasst etwa 4100 Briefe und Manuskripte des Verlags aus den Jahren 1910 bis 1930. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach liegt eine weitere umfangreiche Sammlung, darunter der Briefwechsel mit Boris Pasternak. Dass Wolff 1963 auf dem Weg nach Marbach starb, verbindet Ende und Nachleben auf besondere Weise: Er wollte dort die Zeugnisse seiner Arbeit als Verleger des Expressionismus in Augenschein nehmen.
Die Forschung hat sich dem Haus früh zugewandt. 1977 legte Wolfram Göbel eine Münchner Dissertation über den Kurt-Wolff-Verlag 1913–1930 vor, deren Untertitel das Programm benennt: Expressionismus als verlegerische Aufgabe. Klaus Schuhmann untersuchte 2000 die Leipziger Jahre im Blick auf Walter Hasenclever, Kurt Pinthus und Franz Werfel. Zum hundertsten Geburtstag 1987 erschien ein Sammelband, und das Schiller-Nationalmuseum in Marbach zeigte eine Ausstellung zu Wolff und Ernst Rowohlt. 2007 begleitete der Band Kurt Wolff. Ein Literat und Gentleman Ausstellungen in Bonn, Frankfurt am Main und Wien. Die Neue Deutsche Biographie nahm Wolff 2024 mit einem Artikel von Marion Detjen auf.
Auch die Briefwechsel sind veröffentlicht und haben das Bild des Verlegers geprägt. 2007 erschien der Briefwechsel mit Karl Kraus aus den Jahren 1912 bis 1921, 2010 der mit Boris Pasternak aus den Jahren 1958 bis 1960. Wolffs Einsatz trug maßgeblich zur weltweiten Anerkennung Pasternaks bei; der Briefwechsel endete mit Pasternaks Tod am 30. Mai 1960 und spiegelt dessen letzte Lebensjahre. 2021 veröffentlichte Wolffs Enkel Alexander Wolff eine Familiengeschichte, die im selben Jahr auch auf Deutsch herauskam. 1960 wurde Wolff mit der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Buchhandels geehrt. Sein Name lebt zudem in der Kurt Wolff Stiftung fort.
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