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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ernst Wiechert
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Porträt Ernst Wiechert
Ernst Wiechert
1887 – 1950
– Autorenporträt –

Ernst Wiechert

1887 – 1950 · 63 Jahre

Ein Lehrer und Schriftsteller aus den masurischen Wäldern Ostpreußens, der sich dem Nationalsozialismus widersetzte, 1938 im KZ Buchenwald inhaftiert wurde und die Deutschen nach 1945 zur Selbstprüfung mahnte.

Kurzporträt

Ernst Wiechert war ein deutscher Lehrer und Schriftsteller, der von den frühen 1930er Jahren bis weit in die Nachkriegszeit zu den meistgelesenen Autoren deutscher Sprache gehörte. Er stammte aus den masurischen Wäldern Ostpreußens, deren Einsamkeit und Schwermut sein Werk prägten. Unter dem Nationalsozialismus zählt er zu den Schriftstellern der Inneren Emigration: 1938 wurde er für rund zwei Monate im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Nach 1945 mahnte er die Deutschen zur Selbstprüfung und zur Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. 1948 zog er in die Schweiz, wo er 1950 an einem Krebsleiden starb.


Biografie

Geboren wurde Ernst Emil Wiechert am 18. Mai 1887. Über seinen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt Piersławek, die Deutsche Biographie führt in ihren Eckdaten Allenstein an. Im Text der Deutschen Biographie selbst und bei Wikipedia erscheint als Geburtsstätte die Försterei Kleinort in der masurischen Johannisburger Heide, das heutige Piersławek. Er war einer von drei Söhnen des königlichen Försters Emil Martin Wiechert und der Henriette Wiechert, geborene Andreae. Er wuchs im Forsthaus inmitten der ostpreußischen Wälder auf.

Wiechert besuchte laut der Deutschen Biographie von 1898 bis 1905 die Oberrealschule in Königsberg. Nach dem Abitur studierte er dort Germanistik und Anglistik, unterbrochen von einer Anstellung als Hauslehrer beim Balten Carl Baron von Grotthuß. Nach dem Staatsexamen 1911 und dem Referendariat arbeitete er ab 1911 beziehungsweise 1913 im Schuldienst. Von 1920 bis 1930 war er Studienrat am Hufengymnasium in Königsberg. Die Deutsche Biographie beschreibt ihn hier als engagierten Schulreformer.

1912 heiratete Wiechert Meta Mittelstädt. Im selben Jahr verlor er seine Mutter durch Suizid. Am Ersten Weltkrieg nahm er von 1914 bis 1918 als Freiwilliger teil. 1914 wurde er zunächst wegen einer Nierenerkrankung entlassen, kam 1915 an die Front und erhielt das Eiserne Kreuz II. und später I. Klasse. 1916 wurde er zum Offizier ausgebildet und zweimal durch Granatsplitter verwundet. 1917 kam sein einziges Kind Ernst-Edgar zur Welt; es wurde nur einen Tag alt. Seine Frau Meta nahm sich 1929 das Leben.

Der Novemberrevolution und der Weimarer Republik stand Wiechert ablehnend gegenüber. 1930 wurde er nach Berlin versetzt, wo er am Kaiserin-Augusta-Gymnasium unterrichtete. Nach der Deutschen Biographie geschah dies infolge seiner Liebesbeziehung zu Lilje Junker. In Berlin kam er in Kontakt mit dem kommunistischen Pädagogen Ernst Wildangel und dem „Roten Grafen“ Alexander Stenbock-Fermor, die seinen Sinn für soziale Fragen weckten. 1932 heiratete er in zweiter Ehe Paula Marie „Lilje“ Junker, geborene Schlenther.

Im Frühjahr 1933 gab Wiechert den Lehrerberuf auf und ging in Pension. Er zog ins oberbayerische Ambach am Starnberger See und arbeitete als freier Schriftsteller. Ab 1936 lebte das Ehepaar auf dem neu erbauten Hof Gagert in Wolfratshausen. Zum Nationalsozialismus verhielt er sich zunächst ambivalent, seit 1934 zunehmend kritisch. Bereits seit 1934 stand er insgeheim unter Gestapoaufsicht.

Im Oktober 1937 rieten ihm Hermann Hesse und Max Picard bei einem Aufenthalt in der Schweiz, nicht nach Deutschland zurückzukehren. Im November 1937 konnte er letztmals öffentlich lesen. 1938 erhielt er ein Ausreiseverbot. Nach einer Solidaritätserklärung für den inhaftierten Pastor Martin Niemöller und seiner Weigerung, an der Abstimmung über den „Anschluss“ Österreichs teilzunehmen, wurde er am 8. Mai 1938 verhaftet. Nach Wochen im Polizeigefängnis München verschleppte man ihn am 4. Juli in das Konzentrationslager Buchenwald. Dort erlebte er, wie er später schrieb, dass Deutsche von Deutschen eingesperrt und gefoltert wurden. Diese Erfahrung ließ ihn an seinem Vaterlandsbegriff und seiner konservativen Gesinnung zweifeln.

Nach etwa zwei Monaten und Protesten im In- und Ausland wurde Wiechert schwer krank entlassen und zu Propagandaminister Joseph Goebbels nach Berlin gebracht. Goebbels drohte ihm bei einem erneuten Vergehen die „physische Vernichtung“ an. Unmittelbar danach musste Wiechert am ersten Weimarer Dichtertreffen teilnehmen. Er fühlte sich, wie er in seiner Autobiografie schrieb, als „Plakat“ missbraucht, „das man aushängen konnte, damit jedermann sehe, wie großmütig das Dritte Reich war“. Bis zum Ende des Nationalsozialismus wurde er überwacht. Er durfte weiter veröffentlichen, doch durfte der Verlag seinen Namen nicht im Prospekt nennen, und Buchhandlungen durften seine Werke nicht im Schaufenster zeigen.

Im Juni 1948 übersiedelte Wiechert in die Schweiz und ließ sich auf dem Rütihof bei Uerikon am Zürichsee nieder; seine Frau Paula blieb in Deutschland. Am 24. August 1950 starb er im Alter von 63 Jahren an einem Krebsleiden. Auch beim Sterbeort weichen die Quellen voneinander ab: Wikidata gibt Stäfa an, die Deutsche Biographie nennt Uerikon als Sterbeort und Stäfa als Begräbnisort. Wiechert hinterließ dreizehn Romane und etwa fünfzig Novellen und Erzählungen.


Literarische Merkmale

Prägend für Wiecherts Erzählen ist die masurische Landschaft seiner Kindheit. Die Einsamkeit der Natur, die Schwermut der dunklen Wälder, seine Fronterfahrungen im Ersten Weltkrieg und eine ausgeprägte Stadt- und Zivilisationskritik ziehen sich als Leitmotive durch sein Werk. Die Deutsche Biographie nennt ihn einen großen Landschaftsschilderer seiner ostpreußischen Heimat.

Sein erster Roman Die Flucht erschien 1916 zunächst unter dem Pseudonym Ernst Barany Bjell. In den folgenden Romanen Der Wald (1922) und Der Totenwolf (1924) vertrat Wiechert völkische Positionen; Der Totenwolf spielt mit antichristlichem, blutrünstig-völkischem Gedankengut. Gegen Ende der 1920er Jahre wandte er sich humanistischen Standpunkten zu. Später verurteilte er diese frühen Bücher scharf. In seiner Autobiografie nannte er sie einen „unheilvollen Rausch“, und in einem Brief an Emil Stumpp von 1940 schrieb er: „Der Totenwolf kommt mir vor, als sei er von einem Fremden geschrieben.“ Er verfügte, dass seine fünf ersten Romane nicht mehr als Einzelausgaben erscheinen dürften.

Den literarischen Durchbruch brachte 1932 Die Magd des Jürgen Doskocil. Es folgten produktive Jahre mit Romanen, Schauspielen und Erzählungen, darunter 1936 die Autobiografie seiner frühen Jahre, Wälder und Menschen. Die 1937 entstandene Legende Der weiße Büffel oder Von der großen Gerechtigkeit gilt als Höhepunkt seines literarischen Widerstands: In der Einkleidung einer indischen Sage prangert sie den Totalitätsanspruch des Staates und die Missachtung des Rechts an.

Nach der KZ-Haft entstanden einige seiner bedeutendsten Werke. Das einfache Leben (1939) erzählt vom Korvettenkapitän Thomas von Orla, der seine Familie in der Großstadt verlässt und auf einer masurischen Insel als Fischer lebt. Der Roman ist ein Gegenmodell aus Zivilisationsflucht und Naturverbundenheit. Seinen geheimen Bericht über die Haft, Der Totenwald, hielt Wiechert bis Kriegsende in einem Blechkasten im Garten verborgen; er erschien 1946 und ist bis heute sein bekanntestes Werk. Die Jerominkinder (1945 und 1947) folgen dem Muster des Bildungsromans. In Missa sine nomine (1950) verhandelt er die Überwindung des Nationalsozialismus, die Auseinandersetzung mit der Schuld und die Suche nach einem ethisch fundierten Neubeginn.

Nach 1945 wurde Wiechert meist als „Dichter der Stille“ eingeordnet, der zum Rückzug in den Frieden der Natur riet. Tatsächlich enthält seine Prosa jedoch, so die Deutsche Biographie, zahlreiche Gegenwartsbezüge. Ihr Grundthema sind Fragen der christlichen Religion und Moral sowie der Sinn des Krieges. Seine Helden sind Unangepasste und Suchende, die den Alltag als leer empfinden und nach einem sinnerfüllten Leben streben.


Rezeption

Unbestritten war Wiecherts Wirkung beim breiten Publikum. Seit Anfang der 1930er Jahre gehörte er zu den meistgelesenen Autoren deutscher Sprache, seine Werke erreichten Millionenauflagen. Allein 1940 wurden 200.000 Bücher von ihm aufgelegt, und lange gehörten seine Texte zum deutschen Schulbuchkanon. Das einfache Leben wurde ein regelrechter Bestseller: Schon 1942 waren 260.000 Exemplare verkauft.

Gespaltener fiel das Echo bei Kollegen und Rezensenten aus. Bereits in den 1920er Jahren trennte ein tiefer Graben die nationalkonservativen Autoren, denen Wiechert nahestand, von den Autoren der urbanen Moderne. Die Nationalsozialisten hatten ihn zunächst umworben, und einige Äußerungen nach 1933 zeigen, dass er anfangs kompromissbereit war. Spätestens nach seiner zweiten Rede an die deutsche Jugend im Frühjahr 1935 war den Herrschenden jedoch klar, dass sie ihn nicht gewinnen konnten. Eine Lesung aus Der weiße Büffel in Köln im November 1937 wurde demonstrativ beklatscht und von der Gestapo unterbrochen. Von den Exilliteraten wurde sein Weg überwiegend positiv beurteilt; seine Rede an die deutsche Jugend von 1935 fand, in einen Laib Brot eingebacken, den Weg nach Moskau und erschien dort 1937 in der Exilzeitschrift Das Wort.

Nach 1945 stieß Wiecherts offen bekundete Freude über die Niederlage des Dritten Reiches vielen Zeitgenossen übel auf. Seine Rede an die deutsche Jugend im November 1945 im Münchner Schauspielhaus rief starken Widerspruch hervor. Der rechts stehende Teil der Kriegsgeneration fand sich in seinem moralisch-religiösen Duktus nicht wieder. Von links bemängelte man den Verzicht auf eine gesellschaftskritische Faschismusanalyse. Erika Mann kritisierte in einem unveröffentlichten Manuskript, dass Wiechert „die menschliche Art“ und nicht die Deutschen für die Verbrechen verantwortlich mache.

Während das Publikum ihm Kultstatus zusprach, gingen viele Autoren auf Distanz, besonders im Umfeld der späteren Gruppe 47. Die von Alfred Andersch herausgegebene Zeitschrift Der Ruf druckte 1946 und 1947 Parodien auf seine Reden; hinter einer stand Erich Kuby. Oskar Maria Graf sprach in einem Brief von „schrecklicher Egozentrik und Manieriertheit“. Max Frisch urteilte über Der Totenwald, es handle sich um eine „Ausflucht ins Pathos“ im „Selbstgenuß der Trauer“.

Seit den 1970er Jahren geriet Wiechert weitgehend in Vergessenheit, obwohl seine Werke mehrfach neu aufgelegt wurden. Marcel Reich-Ranicki erinnerte sich 2007, man habe diese Literatur „sentimental, wehmütig und weltfremd“ gefunden. Anhänger findet Wiechert weiterhin unter den Skeptikern der Moderne. In Polen ist er mit zahlreichen Übersetzungen präsent und gilt als völkerverbindender masurischer Autor. Ihm gewidmete Museen bestehen in seinem Geburtshaus, in Mrągowo (Sensburg) sowie im russischen Kaliningrad. Zu den Auszeichnungen zählen laut der Deutschen Biographie der Volkspreis für Dichtung der Wilhelm-Raabe-Stiftung (1932) und eine Gedenkbriefmarke der Deutschen Post (2000).

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