Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Wang Wei
Eingang · Autoren · Wang Wei
Porträt Wang Wei
Wang Wei
0699 – 0759
– Autorenporträt –

Wang Wei

0699 – 0759 · 60 Jahre

Dichter, Maler und Musiker der chinesischen Tang-Zeit, dessen Landschaftsgedichte vom Chan-Buddhismus geprägt sind – 29 davon stehen in der Anthologie „Dreihundert Tang-Gedichte“.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten Dichtern der chinesischen Tang-Zeit zählt Wang Wei, der zugleich als Maler, Musiker und Staatsmann wirkte. Neunundzwanzig seiner Gedichte wurden in die weit verbreitete Anthologie Dreihundert Tang-Gedichte aufgenommen. Sein Werk ist durchdrungen von Naturbildern, doch die Natur ist bei ihm selten bloße Umgebung: Sie steht für eine geistige Wirklichkeit hinter den sichtbaren Dingen. Prägend dafür war seine Nähe zum Chan-Buddhismus und zum Daoismus sowie seine Schulung in der Meditation. Wang Wei gilt neben Li Bai, Du Fu und Meng Haoran als einer der herausragenden Dichter seiner Epoche.


Biografie↑

Über die Lebensdaten Wang Weis gehen die Angaben auseinander. Als Geburtsjahr werden 699 oder 701 genannt, als Todesjahr 759 oder 761. Wikidata verzeichnet 699 und 759, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen 701 und 761. Eine eindeutige Festlegung ist damit nicht möglich.

Als Geburtsort wird Yongji angegeben, als Sterbeort Chang'an. Beide Angaben stammen aus Wikidata und sind in den Beständen der Deutschen Nationalbibliothek nicht bestätigt.

Wang Wei lebte und wirkte zur Zeit der chinesischen Tang-Dynastie. Er war nicht allein Dichter, sondern zugleich Maler, Kalligraf, Musiker und Staatsmann. Diese Vielfalt der Tätigkeiten ist in beiden Normdatenbeständen übereinstimmend festgehalten.

Prägend für sein Leben war die Nähe zum Chan-Buddhismus und zum Daoismus. Er schulte sich in der Meditation, und diese Praxis schlug sich unmittelbar in seiner Kunst nieder. Sein Ziel war es, die äußere Form der Dinge zu durchbrechen und ihr Wesen sichtbar zu machen.

Aus seinem Umkreis ist die Freundschaft mit dem Dichter Meng Haoran überliefert. Gemeinsam mit Li Bai und Du Fu wird er zu den bedeutenden Stimmen der Tang-Zeit gerechnet. Unter den zahlreichen Namensformen, unter denen er in Katalogen verzeichnet ist, finden sich Wang Youcheng, Wang Mojie und Shifo.


Literarische Merkmale↑

Naturbilder durchziehen Wang Weis Dichtung so dicht, dass er häufig als Naturdichter eingeordnet wird. Doch beschreibt er selten die äußere Gestalt einer Landschaft. Die Natur dient ihm als Bild für eine geistige Wirklichkeit.

Kennzeichnend ist, dass bei ihm Subjekt und Objekt, Gefühl und Landschaft ineinanderfließen und in ihrer Verflechtung dargestellt werden. In vielen Gedichten ist das sprechende Ich kaum wahrnehmbar; es bleibt nur ein Blick, der über die Landschaft schweift. Das lässt sich auf seine Kenntnis des Chan zurückführen, in dem es darum geht, zur reinen Wahrnehmung der Dinge zu gelangen und die Subjektivität aufzugeben.

Wiederkehrend sind die weißen Wolken, die aus der blauen Leere des Himmels entstehen und wieder vergehen. Sie stehen für das Bewusstsein des Erleuchteten, der sich nicht mehr mit seiner äußeren Erscheinung gleichsetzt. Das „Reich jenseits der weißen Wolken“, von dem mehrfach die Rede ist, meint eine Wirklichkeit, die erfahren, aber nicht ausgesprochen werden kann.

Zwei Richtungen lassen sich in seiner Naturdichtung unterscheiden: die Verklärung der Natur in ihrer Schönheit und die Natur als Ort eines friedlichen ländlichen Lebens. Anders als bei einer Dichtung, die Landschaft zum Spiegel des eigenen Inneren macht, zeigt sich bei ihm eher eine Harmonie von Selbst und Welt. Daneben tritt der buddhistische Gehalt auch offen hervor, wo die Natur mit buddhistischen Begriffen belegt oder als Ort der Meditation geschildert wird. Häufig wird sie zugleich mystifiziert und ins Rätselhafte gerückt. Ein Hauptanliegen scheint die Darstellung des Fernen und Weiten zu sein. Insgesamt entsteht so eine Welt der Harmonie und der andeutungsreichen Bildlichkeit.


Rezeption↑

Aufgenommen in die klassische und weit verbreitete Anthologie Dreihundert Tang-Gedichte wurden neunundzwanzig Gedichte Wang Weis. Er gilt zudem als einer der bedeutenden Maler, Kalligrafen und Musiker seiner Zeit.

Im 20. Jahrhundert wurde sein Werk in mehreren europäischen Sprachen zugänglich gemacht. Martin Benedikter legte 1956 eine italienische Auswahl vor. Englische Übertragungen erschienen unter anderem 1958 von Chang Yin-nan und Lewis C. Walmsley sowie 1973 von G. W. Robinson bei Penguin Books. Ins Deutsche übertrug Stephan Schuhmacher eine Auswahl unter dem Titel Jenseits der weißen Wolken. Die Gedichte des Weisen vom Südgebirge; eine bearbeitete Neuausgabe erschien 2009.

Auch die Forschung hat sich mit ihm befasst. Pauline Yu veröffentlichte 1980 eine Studie über seine Dichtung, Marsha L. Wagner 1981 einen Band über ihn. Thomas Yuntong Luk untersuchte seine Naturdichtung aus vergleichender Perspektive. Eine besondere Nachwirkung hatte Wang Wei in der Übersetzungsdebatte: Eliot Weinberger und Octavio Paz stellten in 19 Ways of Looking at Wang Wei unterschiedliche Übertragungen eines einzigen Gedichts nebeneinander, um zu zeigen, was beim Übersetzen chinesischer Lyrik geschieht. Auch von seinem Gedicht Im Hirschhagen liegen zahlreiche Übersetzungen vor.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (30 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten