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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Ferdinand von Saar
Ferdinand von Saar
1833 – 1906
– Autorenporträt –

Ferdinand von Saar

1833 – 1906 · 72 Jahre

Chronist des zerfallenden alten Österreich und einer der bedeutenden realistischen Erzähler seines Landes im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Kurzporträt

Zu den bedeutenden Erzählern der österreichischen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts zählt Ferdinand von Saar, der am 30. September 1833 in Wien geboren wurde. Neben Marie von Ebner-Eschenbach gilt er als einer der herausragenden realistischen Erzähler seines Landes. Seine Werke sind von einem humanistischen Ethos und von Sozialkritik geprägt. Bekannt wurde er durch seine Lyrik, doch höher wird bis heute seine Bedeutung als Verfasser von Novellen eingeschätzt, die ein Panorama der österreichischen Gesellschaft entwerfen. Am 24. Juli 1906 setzte er seinem Leben selbst ein Ende.


Biografie

Ferdinand Ludwig Adam von Saar stammte aus einer 1793 geadelten Beamtenfamilie. Sein Vater Ludwig Adam war Beamter und starb bereits 1834, kurz nach der Geburt des Sohnes. Die Mutter Caroline, die als Gesellschafterin einer Fürstin tätig war, kehrte daraufhin in ihr Elternhaus zurück. Dort wuchs Saar nach dem frühen Tod des Vaters in bescheidenen Verhältnissen auf. Erzogen wurde er zusammen mit seinem Vetter, dem späteren Maler August von Pettenkofen.

In Wien besuchte er die Volksschule und danach die Schule der Schotten. Von 1843 an war er Schüler des Schottengymnasiums. Auf Wunsch seines Vormunds, des Großvaters Ferdinand von Nespern, schlug er 1849 eine militärische Laufbahn ein. 1854 wurde er Leutnant. 1859 nahm er am Italienfeldzug teil, dessen Niederlage und gesellschaftliche Folgen später in vielen seiner Novellen nachwirken. 1860 beendete er seine Offizierslaufbahn, um sich der Literatur zu widmen. Er verließ den Dienst allerdings mit erheblichen Schulden.

Hohe Verbindlichkeiten aus seiner Militärzeit führten in den Folgejahren zu mehreren Haftstrafen. Trotz eines Achtungserfolgs mit der von Adalbert Stifter beeinflussten Novelle Innocens aus dem Jahr 1866 geriet Saar in eine Schreibkrise. Seine zweite Novelle Marianne erschien erst 1873. Wegen seiner Verschuldung war er auf die Hilfe wohlhabender Wiener Mäzeninnen angewiesen. 1871 befreiten ihn adlige Gönnerinnen aus der drückendsten Not. Anders als viele Zeitgenossen entzog er sich der literarisch-journalistischen Tagesarbeit.

Als Mitglied des Salons von Josephine von Wertheimstein und ihrer Tochter Franziska erhielt Saar Zutritt zur wohlhabenden, kunstinteressierten liberalen Gesellschaft. Auf dem mährischen Schloss Blansko räumte ihm die Familie Salm-Reifferscheidt ein dauerhaftes Wohnrecht ein. 1877 brachten die Novellen aus Österreich ihm breitere Anerkennung. 1881 heiratete er auf Schloss Blansko bei Brünn Melanie Lederer. Die Ehe blieb kinderlos und endete 1884 tragisch mit dem Suizid seiner Frau.

Öffentliche Anerkennung erlangte Saar erst in den 1890er Jahren. 1890 wurde ihm der Franz-Joseph-Orden verliehen. 1892 erschien die Novelle Schloss Kostenitz, ein Abgesang auf die liberale Ära. Zum größten Publikumserfolg wurden 1893 die Wiener Elegien. 1902 wurde er Mitglied des Herrenhauses des österreichischen Reichsrats.

Die letzten Jahre waren von Krankheit und schweren Depressionen überschattet. Saar litt an einem unheilbaren Krebsleiden. 1906 nahm er sich das Leben. Als Sterbeort nennt die Deutsche Biographie Wien, während Wikidata den damals eigenständigen Vorort Döbling angibt; als Sterbehaus wird die Rudolfinergasse 6 in Unterdöbling genannt. Saar ruht in einem Ehrengrab auf dem Döblinger Friedhof.


Literarische Merkmale

Höher als sein lyrisches und dramatisches Werk wird bis heute Saars Bedeutung als Erzähler eingeschätzt. Zwar glaubte er sich zum Dramatiker berufen und schrieb unter anderem das zweiteilige Stück Kaiser Heinrich IV., blieb auf dem Theater aber zeitlebens ohne Erfolg. Als Lyriker wurde er durch seine Gedichte und vor allem durch die Wiener Elegien bekannt.

Seinen Zyklus Novellen aus Österreich versteht die Deutsche Biographie als novellistisches Pendant zu den großen Romanzyklen von Balzac oder Zola, mit deren Werk der belesene Saar vertraut war. Seine Anfänge als Erzähler stehen, abgesehen von Stifter, unter dem prägenden Einfluss Turgenjews. Saar wollte sein Panorama der österreichischen Gesellschaft als Kulturgeschichtsschreibung der franzisko-josephinischen Epoche verstanden wissen.

Die meist durch eine Rahmentechnik eingefassten Begebenheiten beleuchten weder die großen Ereignisse noch die großen Persönlichkeiten der Zeit. Stattdessen richten sie den Blick auf deren gesellschaftliche Verarbeitungs- und Verdrängungsformen. Sozial wie topografisch nimmt Saar das Ausgegrenzte und Randständige in den Blick. Die Wahrnehmung der Brüche und Dissonanzen wird mitunter durch einen konventionellen Erzählschluss entschärft, so im idyllischen Schlussbild der oft anthologisierten Novelle Die Steinklopfer.

In kritischer Distanz zur sozialen und ökonomischen Politik des Liberalismus interessierte sich Saar vor allem für die Opfer der Modernisierung. Seine Werke zeichnen sich durch ein humanistisches Ethos und durch Sozialkritik aus. Die Novelle Seligmann Hirsch etwa eröffnet Perspektiven auf das Verhältnis von jüdischer Emanzipation und modernem Antisemitismus.


Rezeption

Öffentliche Anerkennung fand Saar erst spät, in den 1890er Jahren. Der Literaturwissenschaftler Claudio Magris sieht in ihm einen hervorragenden Chronisten des zerfallenden alten Österreich. Die Deutsche Biographie beschreibt ihn als Figur des Übergangs zum Fin de Siècle, die von Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler und Hermann Bahr wahrgenommen wurde. Saar selbst verstand sich neben Robert Hamerling und Ludwig Anzengruber als repräsentativ für die Epoche nach Grillparzer.

Zu seinen Lebzeiten wurde Saar mehrfach geehrt. 1890 erhielt er den Franz-Joseph-Orden, 1902 wurde er Mitglied des österreichischen Herrenhauses. Nach seinem Tod wurden in Wien-Döbling der Saarplatz und später der Saarpark nach ihm benannt. In der Villa Wertheimstein, dem heutigen Bezirksmuseum Döbling, erinnert ein Saar-Gedenkraum an den Dichter, der dort häufig zu Gast war.

Laut der Deutschen Biographie konnte sich sein Werk nach 1945 trotz verschiedener Initiativen in keinem Kanon der deutschen oder österreichischen Literatur behaupten. Dennoch eröffnet sein Schaffen bis heute aufschlussreiche Perspektiven auf die Transformation der österreichischen Gesellschaft.

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