1785 – 1859
Bettina von Arnim
Kurzporträt↑
Als Schriftstellerin, Zeichnerin und Komponistin zählt Bettina von Arnim zu den bedeutenden Vertreterinnen der deutschen Romantik. Sie wurde 1785 in Frankfurt am Main als Elisabeth Brentano geboren und wuchs in einer begüterten Kaufmannsfamilie auf. Ihr Bruder war der Dichter Clemens Brentano, 1811 heiratete sie den Dichter Achim von Arnim. Ihr literarisches und soziales Wirken trat erst nach dem Tod ihres Mannes 1831 in die Öffentlichkeit. Sie starb 1859 in Berlin.
Biografie↑
Geboren wurde Bettina am 4. April 1785 als siebtes von zwölf Kindern des Großkaufmanns Peter Anton Brentano und seiner zweiten Frau Maximiliane, einer geborenen La Roche. Die aus Italien stammende Familie war begütert; sie besaß in Frankfurt am Main das Handelshaus zum Goldenen Kopf, aus dem Bettina später ein beträchtliches Erbe zufiel. Schon früh nannten ihre Geschwister sie „der Kobold“. Dieser Übername sollte ihr in der Berliner Gesellschaft erhalten bleiben.
1793 starb ihre Mutter. Bis zu ihrem elften Lebensjahr wurde Bettina daraufhin im Kloster der Ursulinenschule in Fritzlar erzogen. Nach dem Tod des Vaters lebte sie ab 1797 bei ihrer Großmutter, der Erfolgsschriftstellerin Sophie von La Roche, in Offenbach und später in Frankfurt. Eine Zeit lang wohnte sie auch bei ihrer Schwester Kunigunde in Marburg, die mit dem Rechtsgelehrten Friedrich Karl von Savigny verheiratet war.
1804 begannen die Freundschaft und der Briefwechsel mit der Dichterin Karoline von Günderrode. In den Jahren 1806 bis 1808 gaben ihr Bruder Clemens Brentano und Achim von Arnim die Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn heraus; Bettina wirkte daran mit und arbeitete an Arnims Zeitung für Einsiedler mit. 1807 kam es zu einer ersten Begegnung mit Goethe. Wieland hatte sie ihm als Enkelin der Sophie von La Roche empfohlen. Als sie 1810 den Savignys nach Berlin folgte, traf sie in Wien ein und wurde dort von ihrer Schwägerin Antonie Brentano mit Ludwig van Beethoven bekannt gemacht. Nach ihren eigenen Erinnerungen begegnete sie Beethoven nur dreimal, doch diese Begegnung prägte sie nachhaltig.
1811 heiratete sie Achim von Arnim, den sie bereits in Frankfurt als Freund ihres Bruders kennengelernt hatte. Die Ehe währte zwanzig Jahre bis zu seinem plötzlichen Tod 1831. Das Paar lebte überwiegend getrennt: Bettina blieb in Berlin, während Achim das Gut Wiepersdorf bewirtschaftete. Aus der Verbindung gingen sieben Kinder hervor.
Erst nach dem Tod ihres Mannes trat Bettina von Arnim öffentlich hervor. Der Witwenstand brachte ihr eine neue Selbstständigkeit. Zunächst gab sie die Gesammelten Werke ihres Mannes heraus. Während der Choleraepidemie in Berlin engagierte sie sich für soziale Hilfe in den Armenvierteln und pflegte Erkrankte. Zur Thronbesteigung des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. veröffentlichte sie 1843 die Sozialreportage Dies Buch gehört dem König. Das Werk besteht aus fiktiven Dialogen zwischen der Mutter Goethes und der Mutter des preußischen Königs und wurde in Bayern verboten.
Sie stand den Ideen der Frühsozialisten nahe und traf 1842 mit Karl Marx zusammen, hielt jedoch am Gedanken eines Volkskönigs fest. Der König sollte in ihrer Vorstellung erster Bürger einer Gemeinschaft sein. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 verfasste sie 1852 die Fortsetzung Gespräche mit Dämonen, in der sie für die Abschaffung der Todesstrafe sowie für die politische Gleichstellung von Frauen und Juden eintrat. Ihre umfangreiche Korrespondenz zur Sammlung statistischer Angaben für ein geplantes Armenbuch erregte großes Aufsehen. Dieses Buch wurde schon vor dem Erscheinen von der preußischen Zensur verboten, da man sie verdächtigte, den Weberaufstand mit angezettelt zu haben.
1854 erlitt Bettina von Arnim einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr erholte. Am 20. Januar 1859 starb sie im Kreise ihrer Familie in Berlin. Sie wurde neben ihrem Mann an der Kirche von Wiepersdorf beigesetzt. Auf ihrem Grabstein ist als Geburtsjahr fälschlich 1788 angegeben; tatsächlich wurde sie 1785 geboren.
Literarische Merkmale↑
Ihre künstlerische Begabung war außerordentlich vielseitig, wirkte aber, wie die Neue Deutsche Biographie festhält, im Ganzen mehr aufnehmend und dilettierend als wirklich schöpferisch. Die Musik war ihr Lebenselement, doch trat sie darin nur mit einigen Liedkompositionen hervor. Auf dem Gebiet der bildenden Kunst konzentrierte sie sich seit den frühen 1820er Jahren fast ganz auf ein plastisches Werk, ein Goethe-Denkmal. Ihre dichterische Begabung hat sie selbst angezweifelt; ein paar Gedichte und kleine Märchen von ihr gelten als weniger bedeutend.
Getragen wurde ihr Schaffen von einer empfindungsstarken Phantasie und von der Freude am Spiel. Dabei nahm sie es nicht immer genau mit der buchstäblichen Wahrheit. Görres rühmte gleichwohl „das schöne, große, unverfälschte Naturell in ihr und die große Wahrheit in ihrem Innersten“. Nicht ganz gesichert ist ihre Mitarbeit an dem Märchen ihrer Tochter Gisela, Das Leben der Hochgräfin Gritta von Rattenzuhausbeiuns.
Rezeption↑
Zeitgenossen bezeugen vor allem die außergewöhnliche persönliche Wirkung Bettina von Arnims. Die Neue Deutsche Biographie beschreibt sie als eine aus dem eigenen Wesenskern lebende Persönlichkeit von unerhörter Lebensintensität, die allen Konventionen ins Gesicht schlug und sich bis ins hohe Alter die Begeisterungsfähigkeit ihrer Jugend bewahrte. Sie gewann die Freundschaft von Menschen sehr verschiedener Art. Zu ihrem Umkreis zählten in der Jugend Karoline von Günderrode und Savigny, später die Frau Rat Goethe und Goethe selbst, die Brüder Grimm, Schleiermacher und Rahel Varnhagen, aber auch Menschen geringer sozialer Stellung.
Getrieben von starkem Rechtsgefühl, setzte sie sich für politisch Verfolgte und für Menschen ein, denen Unrecht geschehen war. Sie huldigte der Kunst Goethes mit geradezu religiöser Verehrung und warb zugleich für Beethoven. Zu den Ersten gehörte sie, die vom Genius Hölderlins und seiner Sprache berührt wurden. Der junge Jacob Burckhardt, der von ihr empfangen wurde, schilderte sie 1842 in einem Brief als kleines Mütterchen von schöner Haltung mit den wundersamsten Augen, die ihm je begegnet seien.
Bis heute wird ihr Andenken gepflegt. 1985 wurde zu ihrem 200. Geburtstag in Berlin die Bettina-von-Arnim-Gesellschaft gegründet, die ein Jahrbuch herausgibt und einen Forschungspreis ausschreibt. 1991 richtete man im Schloss Wiepersdorf ein Museum ein, das dem Dichterpaar gewidmet ist. Auf dem 1992 erschienenen 5-DM-Schein der letzten D-Mark-Serie ist Bettina von Arnim abgebildet. Mehrere Schulen tragen ihren Namen, und an der Ursulinenschule in Fritzlar wird seit 2002 das Bettina-von-Arnim-Forum veranstaltet.
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