1923 – 2012
Wisława Szymborska
Kurzbiografie↑
Zu den bedeutendsten Lyrikerinnen des modernen Polen zählt Wisława Szymborska, deren schmales Werk von rund 350 Gedichten in mehr als 40 Sprachen übersetzt wurde. Geboren 1923, gehörte sie in ihrer Heimat zur sogenannten Generation 56 und galt schon früh als eine der wichtigsten Dichterinnen ihres Landes. Im deutschen Sprachraum wurde sie vor allem durch die Übertragungen von Karl Dedecius bekannt. 1996 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur. Ihre Gedichte sind in einer einfachen, leicht verständlichen Sprache gehalten und betrachten oft alltägliche Begebenheiten aus ungewöhnlichen Perspektiven, die zu großen philosophischen Fragen führen.
Biografie↑
Zeitlebens trennte Szymborska streng zwischen ihrem literarischen Werk und ihrem persönlichen Leben, das sie weitgehend privat hielt. Nach ihrem Willen sollten die Menschen den Zugang zu ihrer Persönlichkeit in ihren Gedichten suchen, nicht in ihrer „äußeren Biographie“. Alle Versuche, ihre Gedichte aus ihrer Lebensgeschichte zu entschlüsseln, lehnte sie ab.
Über ihren Geburtsort gehen die Angaben auseinander: Die Wikidata nennt Prowent, die Deutsche Biographie nennt Kórnik. Nach der Darstellung der Wikipedia wurde sie in Prowent geboren, einer kleinen Siedlung zwischen den damaligen Orten Bnin und Kórnik nahe Posen; ihre Geburtsurkunde weist allerdings Bnin als Geburtsort aus, und beide Ortschaften sind inzwischen in Kórnik eingegliedert. Ihr Vater Wincenty Szymborski war Gutsverwalter des Grafen Zamoyski. Ihre Mutter Anna, geborene Rottermund, stammte angeblich aus den Niederlanden. Szymborska hatte eine sechs Jahre ältere Schwester namens Nawoja. Nach dem Tod des Grafen 1924 zog die Familie nach Thorn, dann nach Krakau, das von 1931 an bis zu ihrem Tod ihre Heimat blieb. Besonders der wortgewandte Vater unterstützte die frühen schriftstellerischen Versuche seiner Tochter. Sein Tod im September 1936 und der Beginn des Zweiten Weltkriegs drei Jahre später beendeten ihre behütete Kindheit.
Von 1935 an besuchte sie das Gymnasium der Ursulinen in Krakau. Unter der deutschen Besetzung konnte der Unterricht nur heimlich stattfinden, bis sie 1941 das Abitur ablegte. Ein Studium blieb während des Krieges unmöglich, und Szymborska arbeitete vorübergehend bei der Ostbahn. Nach Kriegsende studierte sie Polonistik und Soziologie an der Jagiellonen-Universität und veröffentlichte zugleich ihre ersten Gedichte in Zeitschriften. 1948 brach sie ihr Studium ohne Abschluss ab und heiratete den Literaten Adam Włodek (1922–1986). Er war Chefredakteur der Wochenendbeilage der Tageszeitung Dziennik Polski, in der Szymborskas erstes Gedicht erschienen war. Auch nach der Scheidung 1954 blieben beide freundschaftlich verbunden.
Ab 1953 arbeitete Szymborska als Redakteurin bei der Krakauer Literaturzeitschrift Życie Literackie. Dort betreute sie bis 1966 die Lyrik-Rubrik und schrieb eine Kolumne namens Poczta Literacka („literarische Post“), aus der im Jahr 2000 ein Auswahlband hervorging. Populär wurde eine weitere Kolumne unter dem Titel Lektury nadobowiązkowe, in der sie ab Juni 1967 Bücher zum Ausgangspunkt persönlicher Essays nahm. Im Dezember 1981 beendete sie ihre Redaktionstätigkeit und protestierte damit gegen die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen. Ihre Buchbesprechungen erschienen fortan in der Krakauer Zeitschrift Pismo, in der Breslauer Monatsschrift Odra und ab 1993 in der Warschauer Gazeta Wyborcza. Unter dem Pseudonym Stańczykówna schrieb sie Beiträge für die Pariser Exilzeitschrift Kultura und die polnische Samizdat-Publikation Arka.
Schon 1966 war Szymborska aus der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei ausgetreten, gemeinsam mit einer Reihe polnischer Intellektueller, die gegen den Ausschluss des Philosophen Leszek Kołakowski protestierten. Sie galt damals bereits als wichtigste Lyrikerin ihrer Generation, der Generation 56, deren Wurzeln im Polnischen Oktober 1956 und der folgenden Tauwetter-Periode lagen. 1990 starb Kornel Filipowicz, ihr langjähriger Lebensgefährte, mit dem sie seit 1967 liiert war. Die beiden hatten nie zusammengelebt; ihre Beziehung beschrieb Szymborska als „zwei Pferde, die nebeneinander galoppieren“. Nach seinem Tod zog sie sich eine Zeit lang zurück und verarbeitete ihre Trauer in Gedichten, darunter das populäre Katze in der leeren Wohnung.
Adam Zagajewski beschrieb Szymborska als „Eleganz in Person“. Publizität scheute sie. Ihre Verehrung galt Schriftstellern wie Thomas Mann, Jonathan Swift, Montaigne, Samuel Pepys und Charles Dickens, dem Maler Jan Vermeer, dem Regisseur Federico Fellini und der Sängerin Ella Fitzgerald. Sie sammelte alte Zeitschriften, Ansichtskarten und ausgefallene Gegenstände, erfand private Gesellschaftsspiele und fertigte Collagen an. Ihre Gedichte entstanden nicht am Schreibtisch, sondern auf der Couch, wo sie erst niedergeschrieben wurden, nachdem sie vollständig in ihrem Kopf Gestalt angenommen hatten. Insgesamt veröffentlichte sie rund 350 Gedichte in zwölf Gedichtbänden. Am 1. Februar 2012 starb Szymborska, die an Lungenkrebs erkrankt war, in Krakau. Ihre letzte Ruhestätte liegt auf dem Cmentarz Rakowicki. Dreizehn vollendete Gedichte und Notizen zu sieben weiteren erschienen postum im April 2012 im Band Wystarczy (Es ist genug).
Literarische Merkmale↑
Nach dem Zweiten Weltkrieg standen Szymborskas erste literarische Versuche laut Dörte Lütvogt noch in der Tradition der Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Ihr erstes Gedicht Szukam słowa (Ich suche das Wort) erschien im März 1945 in einer Beilage des Dziennik Polski. Ein für 1949 geplanter Sammelband unter dem Titel Wiersze (Gedichte) wurde jedoch fallengelassen, nachdem der Sozialistische Realismus zum verbindlichen Programm der Literatur erhoben worden war und ihre Gedichte nun als zu schwierig und vieldeutig galten.
In der Folge passte sich Szymborska ganz der sozialistisch-realistischen Poetik an. Ihre ersten veröffentlichten Bände Dlatego żyjemy (Deshalb leben wir, 1952) und Pytania zadawane sobie (Fragen die ich mir stelle, 1954) besangen den Aufbau des Sozialismus. Sie sind geprägt von optimistischen Utopien, schwarz-weißen Denkschemata und einem Pathos, dem die später so typische Ironie fast völlig fehlt. Brigitta Helbig-Mischewski sieht in der Enttäuschung über diesen jugendlichen Glauben eine wesentliche Wurzel von Szymborskas späterer „Poetik des allumfassenden Zweifelns“. Rückblickend sagte die Dichterin selbst, sie sei damals überzeugt gewesen, das Richtige zu schreiben, empfinde aber Schuld gegenüber den Lesern, die ihre Gedichte womöglich beeinflusst hätten.
Mit der Tauwetter-Periode und dem Polnischen Oktober 1956 wandte sie sich von diesen Überzeugungen ab. 1957 erschien der Band Wołanie do Yeti (Rufe an Yeti), den Lütvogt als „ihr zweites und eigentliches Debüt“ bezeichnet und Gerhard Bauer als „Durchbruch“. Statt Deklarationen notierte Szymborska nun „Beobachtungen, Einwände, Widersprüche“ in einer Haltung des „methodischen Zweifels“. Die folgenden Bände setzen unterschiedliche Schwerpunkte, vom zwischenmenschlichen Kontakt in Sól (Salz, 1962) über die philosophischen Fragen in Wielka liczba (Die große Zahl, 1976) bis zur Beschäftigung mit dem Tod im Spätwerk Chwila (Augenblick, 2002).
Die Eigenart ihres Stils besteht laut Marta Kijowska gerade darin, dass es keinen festen Stil gibt: Jedes Gedicht ist je nach Thema in seinem eigenen Stil abgefasst. Lütvogt nannte sie eine „Meisterin im Kreieren von ‚Sonderpoetiken'“. Ausgangspunkt ist häufig eine alltägliche Situation, von der aus einfache, scheinbar naive Fragen gestellt werden. Die Sprache beschreibt Lütvogt als „Umgangssprache gebildeter Menschen“, hinter der sich mehrere Bedeutungsebenen verbergen. Humor und Ironie verschleiern die Tiefe und Ernsthaftigkeit. Marcel Reich-Ranicki zog das Fazit, ihre „sehr durchdachte, ironische Lyrik“ tendiere in Richtung der philosophischen Lyrik, entscheidend sei jedoch die sprachliche Kraft.
Rezeption↑
Bereits in den 1960er Jahren wurde Szymborska in Polen bekannt und populär. In den Blick der Öffentlichkeit rückte ihre Dichtung nicht zuletzt durch Andrzej Mundkowskis Vertonung von Nic dwa razy się nie zdarza (Nichts geschieht ein zweites Mal) im Jahr 1965. Das von Łucja Prus interpretierte Lied gewann einen Preis des Ministeriums für Kunst und Kultur und wurde zu einem beliebten Schlager. Ihre Gedichte sind fester Bestandteil der polnischen Nationalliteratur und Unterrichtsstoff an polnischen Schulen. Die internationale Verbreitung wurde vor allem durch den Literaturnobelpreis 1996 befördert; ihre Bücher wurden in 42 Sprachen übersetzt.
In Deutschland ist ihre Verbreitung eng mit Karl Dedecius verknüpft, der bis Ende der 1970er Jahre der einzige Herausgeber polnischer Lyrik in der Bundesrepublik war. Erstmals 1959 erschien ein Gedicht von ihr in der Anthologie Lektion der Stille. 1973 folgte mit Salz ein erster Auswahlband im Suhrkamp Verlag. Zum Zeitpunkt der Nobelpreis-Bekanntgabe im Herbst 1996 war Suhrkamp der einzige europäische Verlag, der mehrere Bände ihrer Gedichte im Programm führte. Der Großteil der deutschen Gesamtauflage von über 90.000 Exemplaren bis zum Jahr 2000 wurde jedoch erst nach der Preisverleihung erreicht. In der DDR waren ihre Gedichte seit den späten 1970er Jahren erhältlich; der einzige dortige Auswahlband Vokabeln, übersetzt von Jutta Janke, blieb wenig erfolgreich.
Schon in den 1950er Jahren erhielt Szymborska in ihrer Heimat erste Auszeichnungen, unter anderem das Goldene Verdienstkreuz der Republik Polen. In den 1990er Jahren kamen vor allem wichtige deutsche Ehrungen hinzu, darunter der Goethepreis und der Herder-Preis. Für den Literaturnobelpreis gehörte sie seit 1994 zu den wichtigsten Anwärtern, war international aber noch nicht weithin bekannt, sodass die Auszeichnung 1996 von manchem als Überraschung gewertet wurde. Selbst in Polen erhoben sich Stimmen, die den Preis lieber Zbigniew Herbert zuerkannt hätten. Das Komitee würdigte „eine Poesie, die mit ironischer Präzision den historischen und biologischen Zusammenhang in Fragmenten menschlicher Wirklichkeit hervortreten läßt“. 2011 erhielt sie mit dem Orden des Weißen Adlers das höchste Ehrenzeichen der Dritten Republik Polen. Ihren Tod im Folgejahr kommentierte der polnische Außenminister Radosław Sikorski als „unersetzlichen Verlust für die polnische Kultur“.
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