1846 – 1905
Amalie Skram
Kurzbiografie↑
Berthe Amalie Alver, bekannt geworden als Amalie Skram, war eine norwegisch-dänische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Sie wurde 1846 in Bergen geboren und starb 1905 in Kopenhagen. In ihren Romanen behandelte sie die Rolle der Frau in der Ehe, die weibliche Sexualität als Tabuthema und soziale Missstände ihrer Zeit. Ihr Werk zählt zum norwegischen Naturalismus; als Hauptwerk gilt die vierbändige Reihe Hellemyrsfolket. Nach Jahrzehnten des Vergessens wurde sie ab den 1960er Jahren von der Frauenbewegung und der Geschlechterforschung wiederentdeckt.
Biografie↑
Geboren wurde sie am 22. August 1846 in Bergen als Berthe Amalie Alver. Ihre Eltern besaßen einen kleinen Landhandel, der in Konkurs ging, als Amalie 17 Jahre alt war. Der Vater, Mons Monsen Alver, setzte sich daraufhin in die USA ab, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, und ließ die Mutter mit fünf Kindern allein. Zu ihren Geschwistern hielt Amalie eine enge Bindung, besonders zu ihrem Bruder Ludvig.
Auf Druck der Mutter willigte sie in eine Ehe mit dem neun Jahre älteren Kapitän Müller ein. Mit ihm bereiste sie die Welt und hielt sich unter anderem in London, Mexiko, auf den Westindischen Inseln, in Australien, Peru und am Schwarzen Meer auf. Nach dreizehn Ehejahren und der Geburt zweier Söhne erlitt sie 1878 eine Psychose und wurde im Gaustad-Krankenhaus bei Kristiania behandelt. Danach lebte sie mit den Söhnen zeitweise bei Verwandten, vor allem bei ihrem Bruder Ludvig. In dieser Zeit begann sie journalistisch zu arbeiten; 1877 erschien in der Bergens Tidende ihre erste Rezension.
Gemeinsam mit ihren Söhnen zog sie nach Christiania, dem heutigen Oslo, und wurde dort schriftstellerisch tätig. Sie wurde Mitarbeiterin des Dagbladet und bewegte sich auf dem radikalen Flügel um Bjørnstjerne Bjørnson. Zu ihren Bekannten zählten Arne Garborg, Edvard Brandes und Holger Drachmann. Ihre erste Erzählung Madam Høiers Leiefolk von 1882 stieß in Norwegen auf starke Ablehnung; zeitweise erwog sie sogar eine Auswanderung in die USA. Noch im selben Jahr lernte sie bei Bjørnson den dänischen Schriftsteller Erik Skram kennen.
1884 heiratete sie Erik Skram und ließ sich mit ihm in Kopenhagen nieder. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor. In Kopenhagen schloss sie erneut an radikale literarische Kreise an und verfasste gemeinsam mit ihrem Mann das Schauspiel Fjældmennesker, das 1892 uraufgeführt wurde. Die Belastungen als Hausfrau, Mutter und Schriftstellerin sowie die aus ihrer Sicht schwache öffentliche Resonanz auf ihre Arbeit führten 1894 zu einem weiteren Zusammenbruch. Sie wurde in der 6. Abteilung des Kopenhagener Kommunehospitals unter Knud Pontoppidan und anschließend im Sankt-Hans-Hospital behandelt.
1899 wurde auch die zweite Ehe geschieden. Ab 1901 erhielt sie eine dänische Dichtergage und lebte mit ihrer Tochter zurückgezogen im Kopenhagener Stadtteil Østerbro. Sie starb am 15. März 1905. Ihre Urne wurde später vernichtet. Sie hatte den Wunsch geäußert, als dänische Bürgerin und dänische Schriftstellerin erinnert zu werden.
Literarische Merkmale↑
Prägend für ihr Schreiben ist der naturalistische Ansatz, verbunden mit dem Willen, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Ihre Romane und Erzählungen lassen sich in drei Gruppen teilen. Die Eheromane Constance Ring, Lucie, Fru Ines und Forraadt behandeln die Rolle der Frau in der Ehe und vor allem die weibliche Sexualität, ein Tabuthema jener Zeit. Als besonders konsequent und künstlerisch gelungen gilt Forraadt von 1892, das die zerstörerische Dynamik eines ungleichen Verhältnisses zwischen einem erfahrenen Kapitän und einer sehr jungen Frau seziert.
Ihr Hauptwerk, die vierbändige Reihe Hellemyrsfolket, verfolgt das Schicksal einer Familie über mehrere Generationen. Ausgangspunkt war der Suizid eines jungen Mannes, der Skram zum Rückblick auf die vorangegangenen Generationen und ihre „ererbte Schuld“ veranlasste. Die Arbeit an der Tetralogie zog sich über elf Jahre hin. Die Bände verbinden Milieuschilderungen aus Bergen und vom norwegischen Westland mit seefahrtsnahen Passagen und nutzen regionale Sprachebenen wie den Strile-Dialekt, um soziale Zwänge sichtbar zu machen.
Ihre letzten beiden Werke, Professor Hieronimus und Paa St. Jørgen, spielen in ihrer damaligen Lebensumgebung, der Nervenklinik. Allen Werken gemeinsam ist die betont weibliche Sicht auf die Probleme der Zeit. Ihre Arbeiten wurden oft als Provokation empfunden und lösten Proteste aus.
Rezeption↑
Aufsehen erregten schon ihre frühen Bücher: Die Eheromane wurden vielfach als Provokation gelesen und riefen Widerspruch hervor. Constance Ring wurde in der zeitgenössischen Debatte um Sexualmoral als eingreifende Stimme verstanden, die die ungleichen Geschlechterrollen als gesellschaftliches Systemproblem darstellte. Auch die Nervenklinikromane sorgten in Dänemark für Aufruhr und brachten Verbesserungen in den Anstalten. Sie entfachten eine öffentliche Debatte über die Zustände in der 6. Abteilung des Kommunehospitals. Knud Pontoppidan reagierte 1897 mit der Streitschrift 6te Afdelings Jammersminde und legte kurz darauf sein Amt nieder.
Mit ihrer weiblichen Perspektive wurde Amalie Skram zu einer Kronzeugin der Frauenbewegung der europäischen frühen Moderne. Ihre Werke gerieten zunächst bald in Vergessenheit, wurden aber ab den 1960er Jahren vom Feminismus und der Geschlechterforschung wieder stärker beachtet. Neuere, KI-gestützte Forschung hat die kanonische Stellung des „moderne gennembrud“ eingeordnet und darauf hingewiesen, dass kanonisierte Autorinnen und Autoren wie Skram für die Breite der populären Literatur der Zeit nur bedingt repräsentativ sind. Im deutschen Sprachraum liegt ihr Werk in neueren Übersetzungen vor, etwa bei den Ausgaben des Guggolz Verlags in Berlin. In Bergen erinnern eine weiterführende Schule, ein Kulturzentrum, der Amalie-Skram-Preis und mehrere Straßennamen an sie.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →
Aus dem Werkverzeichnis↑
Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (10 weitere Titel)